Sorge um die Moral beim öffentlichen Baden

Sinziger Strandbad

19.06.2017 - 15:45

Sinzig. Auf Anregung von Bürgermeister Dr. Schäfer schuf die Stadt Sinzig wie zahlreiche andere Gemeinden auch am Rhein gegenüber Leubsdorf ein Strandbad, um auch der Sinziger Bevölkerung einen überwachten und geordneten Badebetrieb im Rhein zu ermöglichen. Eröffnet wurde dieses Strandbad am 3. Juni 1928. *) Es war die Zeit, als allgemein ein heftiger Streit wegen der Gefährdung der Moral durch die Bademode und die Form des Badebetriebes, dass heißt als Gemeinschaftsbad oder nach Geschlechtern getrennt, im Gange war. Das Sinziger Strandbad war als Gemeinschaftsbad eingerichtet und wurde auch als solches betrieben, dass heißt es konnte gleichzeitig von Männern und Frauen besucht werden.


Bademode


Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wird die Badebekleidung der Frauen zunehmend knapper. Vor allem Rückenausschnitte sind sehr beliebt. Diese zunehmende Freizügigkeit im Bereich der Bademoden wurde aber in konservativen Kreisen der Weimarer Republik kritisch gesehen. Das führte dazu, dass die preußische Regierung mit Datum vom 18. August 1932 den sogenannten Zwickelerlass heraus gab, der penibel die Schwimmbekleidung für Männer und Frauen vorschrieb. Mit dem Zwickel war dabei aber keineswegs ein Brillenersatz gemeint, sondern vielmehr ein Stoffeinsatz im Schritt, auf den das preußische Innenministerium verschärften Wert legte. „Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. Der Rückenausschnitt des Badeanzuges darf nicht über das untere Ende der Schulterblätter hinausgehen.“, hieß es darin. Auch die Männer bekamen ihre Bekleidungsvorgaben, die da lauteten: „Männer dürfen öffentlich nur baden, falls sie wenigstens eine Badehose tragen, die mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. In sogenannten Familienbädern haben Männer einen Badeanzug zu tragen.“ Lange hielt sich diese Prüderie nicht, da der Erlaß in der nationalsozialistischen Zeit wieder aufgehoben wurde. Damals war die Bademode für Damen nicht nur eine Frage von Sitte und Anstand gewesen, sondern auch ein Schutz vor der Sonne. Die Damen von Welt wollten ihre Porzellanhaut bewahren. Noch war Sonnenbräune kein Zeichen für Müßiggang, sondern eine für harte Feldarbeit, die bei den Bäuerinnen und Mägden auf dem Land durch eine gebräunte Haut sichtbar wurde.


Proteste gegen Bade-Unsitten am Rhein


Zum öffentlichen Baden im Fluss hatten (geistliche wie weltliche) Obrigkeiten und andere Sittenwächter seit jeher ein gestörtes Verhältnis. Deshalb gab es immer wieder Versuche, eine „Verrohung der Sitten durch den Anblick Badender“ zu verhindern. Hierzu berichtet Hans Kleinpass:*) „1931 gab es im Rheinland weithin einen lauten Protest gegen die eingerissenen Bade-Unsitten am Rhein und in manchen Bädern. Selbst aus Holland erhielten die deutschen Behörden seinerzeit Beschwerden, die man im Rheinland auch durchaus sehr ernst nahm, weil man die holländischen Rheinreisenden mit ihren damals äußerst begehrten Devisen nicht verstimmen wollte. Der Kampf gegen die Bade-Unsitten und die geforderte Trennung der Geschlechter in den Bädern wurde auch in einer Tagung in Remagen erörtert, bei der Pfarrer Kastert aus Bad Godesberg über „Unsere Aufgaben in der Badefrage“ sprach. Ein zur Bekämpfung der Bade-Unsitten eingesetzter Ausschuss des Volkswartbundes hielt diese gut besuchte Tagung ab. Mit einer einstimmig angenommenen Entschließung forderte die Versammlung, dass bei allen öffentlichen Badestellen – ob geschlossenes oder wildes Baden – die Trennung der Geschlechter durchgeführt werde, dass überall eine anständige Badebekleidung zu fordern sei und für genügend wirksame Aufsicht durch die Behörden gesorgt werden müsse, dass ferner niemand den Badeplatz in Badebekleidung verlasse und so die Verkehrswege betrete.“ Ob und inwieweit diesen Forderungen auch später Folge geleistet wurde, ist nicht bekannt.


Streit im Sinziger Stadtrat


Die Frage „Gemeinschaftsbad“ oder „Trennung des Badbetriebes nach Geschlechtern“ beschäftigte auch 1931 den Sinziger Stadtrat.*) Dabei wurde der Antrag der Zentrumspartei auf Trennung des Badebetriebs nach Geschlechtern nach heftiger Debatte abgelehnt, sodass es auch weiterhin bei dem Gemeinschaftsbad verblieb. Begründet wurde der Antrag der Fraktion der Zentrumspartei unter anderem mit dem Hinweis auf die Richtlinien der Fuldaer Bischofskonferenz, nach der die katholische Gemeinde Sinzig verpflichtet sei, das Gemeinschaftsbad zu bekämpfen und eine Trennung nach Geschlechtern zu fordern.


Besonderer Reiz des Badens im Rhein


„Sicher ist es ein besonderes Erlebnis, in einem fließenden Gewässer zu schwimmen und sich von der Strömung des Rheins tragen zu lassen. Deshalb war das Strandbad im Sommer auch ein beliebter Treffpunkt der Sinziger Bevölkerung. Mein Vater hat mir erzählt, dass auch er mit vielen anderen seines Alters in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts an den Wochenenden im Sommer im Rhein baden gegangen sei. Dabei habe der Reiz für gute Schwimmer darin bestanden, an fahrende Schiffe zu schwimmen und diese zu besteigen, manchmal trotz des Protestes der Schiffsbesatzung. Das sei gefährlich gewesen, auch wenn die Geschwindigkeit der Schiffe langsamer gewesen sei als heute.


Nach dem Krieg


Nach dem Zweiten Weltkrieg waren das Gebäude und die Anlagen des Strandbades nicht mehr zu gebrauchen. Hinzu kam die zunehmende Verschmutzung des Rheins durch die Industrie während des Wirtschaftswunders. Dadurch verlagerte sich das Baden der Kinder und Jugendlichen vom Rhein in die Ahr, die auch von der Innenstadt schneller zu erreichen war. Auf den Resten des Hauptgebäudes des Strandbades hat der Wassersportverein Sinzig e.V. sein Bootshaus errichtet, das 1973 fertig gestellt wurde.

Anmerkung: *) Kleinpass, Hans „Sinzig von 1815 bis zur Gebietsreform 1969“ in „Sinzig und seine Stadtteile – gestern und heute“ hrsg. von Jürgen Haffke und Bernhard Koll, Sinzig, 1983, S. 276.

Hans Josef Moeren

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Kommentare
Gudrun Freier:
Schön, dieser Bericht von dem großen Ereignis
Michael Daum:
Es ist wirklich unfassbar! Jetzt wo das bestellte Gutachten nicht das erhoffte Ergebnis zeigt, ist es plötzlich nicht aussagekräftig bzw. war nicht umfangreich genug. Da man sich ja offenbar so in die alternativlose Einschätzung verrannt hat, dass Bad Breisig ohne Therme nicht vorstellbar ist, fragt man sich doch, warum man dann Geld (ich meine mal etwas von 30.000€ gelesen zu haben) für ein Gutachten verschwendet. Offenbar sind nur Gutachten, die die eigene Weltsicht unterstützen, ordentliche Gutachten. Und wenn die Ergebnisse erst dann vorliegen, nachdem die Weichen für eine Sanierung schon gestellt sind, spricht das auch für sich. Eine merkwürdige Einstellung und sicherlich eine gute Erklärung für die vielen Probleme der Stadt. Wenn man auf die hohe Lebensqualität in der Stadt abstellt, so sollte man vielleicht auch mal darlegen, wie man diese auf lange Sicht zu finanzieren gedenkt. Leider ist die Enteignung der Bürger über immer höhere Steuern und Abgaben ja zu einfach.
Uwe Klasen:
Sehr geehrter Herr Müller, vielen Dank dass Sie mit jeder Zeile ihrer Kommentare meinen Eindruck, den ich von ihnen gewonnen habe, bestätigen! Zum Leidwesen der meisten anderen Menschen scheinen Sie sehr Intolerant zu sein und Andersdenkende lieber zu diffamieren anstatt sich mit diesen Menschen auseinanderzusetzen bzw. auch deren Meinung gelten zu lassen!
juergen mueller:
Ich müsste mich eigentlich glücklich schätzen erfahren zu dürfen, dass es Menschen wie Sie gibt, die nie interpretieren, dafür aber aus dem Belehren nicht mehr herauskommen, was wie eine Zwangsjacke sein muss, deren Leben wohl nur aus Sachlichkeit und Objektivität besteht, Menschen, die andere, die nicht Ihre Meinung vertreten, in eine Schublade stecken und ihnen geistige Grundlagen unterstellen, die unsere Demokratie gefährden. Mein lieber Herr Klasen, nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich habe mein Leben lang mit Klugscheissern wie Ihnen zu tun gehabt und dies auch noch heil und geistig frisch überstanden u. mir meine persönliche, demokratisch verordnete Gedankenwelt erhalten. Und was mein Recht ist oder nicht, das können Sie selbst in Erfahrung bringen, wenn Sie sich einmal mit dem Wort Demokratie auseinandersetzen. Hierzu interpretiere ich z.B. WIKIPEDIA.
Uwe Klasen:
Her Mueller, Sie interpretieren anstatt sachlich und objektiv zu beurteilen! Es ist ihr gutes Recht ihre Ansichten bzgl. anderen Parteien kund zu tun, aber damit einhergehend ist es NICHT ihr Recht, Andersdenkenden etwas Vorzuwerfen was nicht ihrer persönlichen Gedankenwelt entspricht und dafür noch geistige Konstrukte zu bemühen die in dieser Art und Weise nicht existieren! Von welcher Partei werden die Autos der Mitglieder verbrannt oder die Hauswände ihrer Wohnhäuser (bestenfalls) mit Farbe beschmiert, welcher Partei werden regelmäßig die Büros zerstört? Das solche, undemokratischen (!), Handlungen, die auch auf solch geistigen Grundlagen wie z.B. ihren Kommentaren beruhen, wird die Demokratie MEHR gefährdet als durch die "AfD" oder "Die Linke"! Übrigens, eine direkte Demokratie, wie z.B. die, seit Jahrhunderten, funktionierende und sich daraus immer weiter entwickelnde Schweiz ist, entgegen ihren Ansichten, eine durchaus gute funktionierende Demokratie!
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