Der MGV „Liedertafel“ ist nach fast 135-jährigen Bestehen aufgelöst

„Im Frieden und im Streit, ein Lied ist gut Geleit“

Der MGV „Liedertafel“ hat das gesellige und musikalische Geschehen Bad Breisigs über Jahrzehnte nachhaltig geprägt

19.12.2017 - 10:50

Bad Breisig. Der Männergesangverein „Liedertafel“; einer der lange Jahrzehnte wichtigsten Kulturträger der Quellenstadt, hätte bald auf sein 135-jähriges Bestehen zurückblicken können - wenn er denn noch bestünde. Leider kann dieses Fest nicht mehr gefeiert werden, denn der Chor ist am fehlenden Nachwuchs an Sängern zugrunde gegangen. Der Chor hat sich mittlerweile auf Vorstandsbeschluss in aller Stille aufgelöst und ist aus dem Bad Breisiger Kulturleben verschwunden. Ein zweifellos herber Verlust, denn der MGV „Liedertafel“ hat das gesellige und musikalische Geschehen im Ort über lange Jahrzehnte nachhaltig geprägt. Grund genug, noch einmal auf die Geschichte und die Verdienste dieses einst großen Gesangvereins zurückzublicken.


Gegründet wurde die „Liedertafel“ am 25 März des Jahres 1884, mitten im friedlichen „Goldenen Zeitalter“ des Deutschen Reiches. Die damalige, mit viel Musik angereicherte Epoche hatte auch in Niederbreisig die Lust geschürt, der überall zu beobachtenden Hinwendung zum gemeinsamen Singen ein Forum zu geben. Das Zeitalter des Biedermeier hatte seine musikalischen Spuren hinterlassen, die nicht weniger kreative Romantik war gefolgt – geselliges Leben, verbunden mit volkstümlicher Musik war „in“. In Niederbreisig war es der musisch begabte Hauptlehrer Carl Breitbach, der entsprechende Initiativen entwickelt und 21 Bürger erreicht hatte, die am gemeinsamen Singen interessiert waren.

Eine mit damals üblicher Sorgfalt geführte Chronik nennt die Gründungsmitglieder der ins Leben gerufenen Singgemeinschaft von Niederbreisig. Natürlich kam nur ein Männerchor in Frage – in jenen Zeiten dominierten die Herren das gesellige und kulturelle Leben. Der im Restaurant „Zum weißen Ross“ gegründete Chor bekam den Namen „Liedertafel“ – eine Hommage an den Berliner Carl Friedrich Zelter, den Urvater aller deutschen Männergesangvereine, der 1809 seine neue Singgemeinschaft so genannt hatte. Carl Breitbach hatte sich bald als ein begabter musikalischer Lehrer und Dirigent der Breisiger „Liedertafel“ erwiesen. Bald stellten sich erste Erfolge ein in Wettstreiten, wie sie damals gang und gäbe waren. Sie führten zum kontinuierlichen Anwachsen der Zahl aktiver Sänger. Eine mit extrem hohen Kosten gefertigte Fahne galt – wie es in einer Chronik heißt – „als die schönste Fahne aller Chöre im Kreis Ahrweiler“. Es war ein seidenes Tuch in den Farben Weiß und Bordeaux mit Goldstickereien und dem eingestickten Wahlspruch: „Im Frieden und im Streit, ein Lied ist gut Geleit.“ Nun: Auch „im Streit“ zu singen, war wohl nur eine heute nicht mehr vertretbare Idee der damaligen Vorkriegs-Generation. Der Erste Weltkrieg war noch in einiger Entfernung. Die Kostbarkeit der Fahne war zugleich ihr Fluch: Sie verschwand irgendwann als Souvenir der amerikanischen Besatzer nach 1945. Noch sind wir in der Frühzeit der „Liedertafel“. Vor dem Krieg und auch später hielten ihre Chronisten viele bemerkenswerte Erfolge bei Wettstreiten fest. Vordere Plätze und Ehrenpreise reihen sich aneinander.

Nach der Zwangspause durch den Ersten Weltkrieg dauerte es einige Zeit, bis der Chor wieder in Erscheinung trat. Ab 1927 belebte er das Geschehen in Niederbreisig – nicht nur mit Gesang, auch mit einer über mehrere Jahre erfolgreichen Theatergruppe.

Schon vor dem Krieg hatte Ludwig Bahn die musikalische Leitung des Chors von Carl Breitbach übernommen und setzte sie mit den aus dem Krieg heimgekehrten Sängern bis 1934 fort. Er war einer der bemerkenswerten Dirigenten des Chors; er und bedeutende Nachfolger trugen zum ständigen Anwachsen der „Liedertafel“ bei. Im Jahr 1934 wurde der 50. Geburtstag der „Liedertafel“ mit großem Festzug, Festbällen und Freundschaftssingen gebührend gefeiert.


50. Geburtstag im Jahr 1934


Der Zweite Weltkrieg unterbrach wieder das rührige Chor- und Vereinsleben. Während des Krieges spendeten die noch verfügbaren Sänger in den Lazaretten der Region Verwundeten und Kranken Mut und Trost.

Erst 1948 wurde eine Neugründung des Gesangvereins durch die Besatzungsmacht zugelassen. 1949 gab es wieder ein großes Konzert, diesmal im Rahmen eines Sommernachtfestes auf der Kurhausterrasse – die „Liedertafel“ war wieder da. Es begann die große Zeit des auf 60 Sänger angewachsenen Chors. Konzerte und Wettstreit-Erfolge ohne Zahl wurden gefeiert. Erfolgsgarant war ab 1952 der unvergessene musikalischer Chef Carl Weismandel, charismatischer Kammermusiker des Bonner Beethoven-Orchesters. Sein Unfalltod im November 1964 war ein großer Schock, der nur durch die Verpflichtung des nächsten bedeutenden Dirigenten überwunden werden konnte: Siegfried Prang, 2. Kapellmeister am Stadtheater Koblenz, übernahm Weismandels musikalisches Erbe und baute es mit bedeutenden Konzerten der „Liedertafel“ aus. Siggi Prang waren 15 tolle Jahre am Dirigentenpult des Chors beschieden. Der Chor der „Liedertafel“ war auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit, als Prangs plötzlicher Tod im Januar 1981 eine große Lücke in alle Planungen riss. Aber wieder gelang dem dynamischen Vorstand ein Coup: Die Verpflichtung von Klaus Weber, einem namhaften Chordirektor und musikalischen Ausnahmekönner aus Koblenz. Der Chor war auf seinem absoluten Höhepunkt, wirkte bei allen wichtigen Festen und sonstigen Anlässen in der inzwischen zum „Bad“ erhobenen Stadt mit.


1984 wurde die „Liedertafel“ 100 Jahre alt


Die „Liedertafel“ wurde gar von Bundespräsident von Weizsäcker zu einem festlichen Anlass in dessen Amtssitz eingeladen– ein unvergessliches Erlebnis. Freundschaften mit bedeutenden Chören im In- und Ausland, tolle Reisen, prächtige Konzerte – das Programm des Chors zeugte von lebendigem Vereinsleben. Stolz beging man 1984 das 100-jährige Bestehen der „Liedertafel“ mit einem Festabend, einer Ausstellung historischer Fotos, einem großen „Freundschaftssingen“ mit 27 Gastchören und einer Reihe begleitender Veranstaltungen. Auch in den folgenden Jahren war der Terminkalender des Chores prall gefüllt: Konzerte, Mitwirkung bei Gottesdiensten, Reisen, Wettbewerbe, Besuche bei befreundeten Chören, musikalische Ausgestaltung von Ereignissen der Ortsvereine usw. Ein bisschen weniger aufwändig wurde das Chorleben in der „Liedertafel“ nachdem Dirigent Klaus Weber nach 22 Jahren aus Altersgründen sein Amt zum Ende 2003 aufgab. Sein großes Format, seine weitreichenden Verbindungen, seine Ideen – Klaus Weber hielt den Chor stets „auf Trab“.

Ihm folgte der Kirchenmusiker Bardo Becker am Dirigentenpult. Er führte die „Liedertafel“ in das Fest ihres 125-jährigen Gründungsfestes. Auch das wurde ein würdiges Ereignis mit einigen bedeutenden Konzerten und viel beachteten Treffen mit befreundeten Chören. Aber schon damals litt die stolze „Liedertafel“ – wie alle Männerchöre – unter Nachwuchsmange.

Die Zahl der aktiven Sänger schrumpfte kontinuierlich, und die verbliebenen hatten ein Durchschnittsalter von über 75. Die „Liedertafel“ warb um neue, möglichst jüngere Sänger – mit mäßigem Erfolg. Unter dem seit 2012 am Dirigentenpult stehenden tüchtigen Chorleiter Eberhard Hohn hatte der Chor dennoch sein musikalisches Potential auf hohem Niveau beibehalten – bis es nicht mehr ging. Die Zahl der Sänger, vor allem in den dunklen Stimmlagen, war so zurückgegangen, dass ein Fortbestand des Chors nicht mehr möglich war.

Lange hinaus gezögert, dann aber einzige Konsequenz: Die Auflösung des Vereins MGV „Liedertafel“. Ihre Bedeutung im Leben der Stadt hat deren Geschichte über weit mehr als ein Jahrhundert mit geprägt. Sie wäre nicht denkbar ohne die Leistung bedeutender, mit Herzblut für die Sache agierender, langjähriger Präsidenten, unter denen Dr. Franz Huyeng, Josef Kindler, Alois Lessenich und Erich Fabritius besonders hervorragten; sie wurden jeweils nach ihrer Zeit durch die Wahl zu „Ehrenvorsitzenden“ gewürdigt. Sie hätten sich während ihres Wirkens nicht vorstellen können, dass der Männergesang einmal in so tiefe Krise geraten und der Fortbestand der „Liedertafel“ in Frage gestellt würde. Jetzt aber blieb dem Vorstand unter dem Vorsitz von Viktor Schmickler keine andere Wahl, als den Chor aufzulösen und die Reste abzuwickeln. Zwischenzeitliche Ideen, etwa mit dem Oberbreisiger MGV „Sängerbund“ zu fusionieren, verliefen im Sande. Trauriges Fazit: Den MGV „Liedertafel“ gibt es nicht mehr, aber er hat seinen festen Platz in der Geschichte der Quellenstadt. FA

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Kommentare
Gabriele Friedrich:
Klar, den Kindern die Natur beibringen und wie Papier hergestellt wird, das der Regenwald schon abgegrast ist und man achtsam sein muss... und dann bunten Krempel und *bling*bling* aus China kaufen. Oder Fischstäbchen mit wenig Fisch und viel Panade in viel Verpackung. Hauptsache bunt... hört mir doch...
juergen mueller:
Da haben wir es wieder. Andere, wie hier Kinder, inspirieren zu wollen, mit einem tatsächlich wertvollen Material wie Papier sorgsam umzugehen, ihnen näherzubringen, woraus es eigentlich hergestellt wird u. sich selbst dessen ausgiebig u. verschwenderisch zu bedienen, weil man es für ein Festhalten...

„Gedanken...“

Gabriele Friedrich:
Ich kann da auch nichts mit anfangen, schon recht nicht wenn "Gott" genannt ist. Seelsorge -das ist ein Begriff, der die Tatsachen ausblendet, das der Mensch körperliche Leiden hat, existenzielle Sorgen, Probleme mit anderen oder eben einfach nur Hilfe sucht. Der Alltag sieht so aus, das man relativ...
juergen mueller:
Ich persönlich verzichte gerne auf solche Hilfe und das aus einem bestimmten Grund. Jeder, der das liest, sollte sich darüber im Klaren sein, dass das alles mit Realität nichts zu tun hat. Unter Seelsorge stelle ich mir etwas anderes vor - greifbar, der Realität entsprechend, kein Gelaber von etwas,...
Gabriele Friedrich:
[ Zitat ] „Die Stärke der SPD war es schon immer, zuzuhören und nah bei den Menschen zu sein“ [ Zitat Ende ] Das muss aber mindestens über 50 Jahre her sein,, wenn nicht länger....
juergen mueller:
Klar ist hier garnichts. In Kontakt mit den Bürger*innen zu treten, zuzuhören, nah bei den Menschen zu sein ist keine Stärke der SPD u. war es nie. Selbstlob stinkt nun einmal. 3 Kriterien, die jeder Politiker für sich ins Feld führt, weil sie einfach zum politischen Leben dazugehören, für ihn persönlich...
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