Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Erste Premiere nach Corona-Shutdown im Schlosstheater Neuwied: Landesbühne zeigt: Corona Papers

Man sollte einander vermissen

Das Zwei - Personen - Stück ist noch bis zum 3. Juli zu sehen

15.06.2020 - 08:43

Neuwied. Noch ist ein wenig Konfetti in der Handtasche. Ganz unten. In der letzten „realen“ Premiere im Schlosstheater erschien zum krönenden Abschluss das Neuwieder Prinzenpaar mitsamt Gefolge und schoss mit der Konfettikanone ins voll besetzte Haus.

Dann kam Corona.

Die Kulturszene litt ganz besonders, denn zunächst standen gesundheitliche und dann wirtschaftliche Themen im Mittelpunkt des Interesses. Wo aber blieb die Kultur? Intendant Lajos Wenzel und sein Team gaben sich nicht geschlagen. Sie organisierten kurzerhand Vorstellungen, die die verhinderten Theaterbesucher zuhause am Computer mitverfolgen konnten. Den Anfang machte die vom Shutdown überraschte Premiere „Mein Sohn Ludwig“, die am Originalschauplatz des Beethoven-Mutterhauses in Koblenz Ehrenbreitstein hätte stattfinden sollen. Sie wurde am 14. März via Facebook ausgestrahlt, und statt der geplanten 30 Zuschauer waren es ca. 4000 Menschen, die sich diese sehenswerte Vorstellung ansahen. Dann musste der Theaterbetrieb erst einmal „auf Tauchstation“ gehen, aber wer dachte, das war´s, der irrte. Zur Osterzeit gab es via Internet das zuvor gegebene Stück „Don Carlos“ mit Altintendanten Walter Ullrich an drei Abenden zu sehen. Und für die gebeutelten Kinder, die nicht nur das Theater vermissten, wurden Märchenlesungen und Kindertheater inszeniert, alles auf der Originalbühne und ohne Einnahmen, versteht sich.


Uraufführung nach dem Shutdown


Jetzt durften die Theater in Rheinland-Pfalz ihre Besucher wieder einlassen, so auch die Landesbühne, aber unter speziellen Voraussetzungen: Nur jede zweite Reihe wurde besetzt, immer drei Sitze Abstand zwischen den Zuschauern. Daher fand die Uraufführung des Stückes „Corona-Papers“ vor 66 Zuschauern statt, die allerdings restlos begeistert waren. Und der Zuschauersaal passte perfekt zum Stück und zum Inhalt, selten gab es eine so große Übereinstimmung. Das war zweifellos dem Thema geschuldet, denn es ging in „Corona Papers“ um das Thema Corona und den Shutdown.


Gespenstisch und irgendwie „strange“


Intendant Lajos Wenzel geleitete die Besucher einzeln und nacheinander zu ihren Plätzen, von vorne nach hinten, ohne Ansehen der Person. Genauso, nur umgekehrt, leerte sich dann der Saal auch wieder am Ende der Vorstellung, ein bisschen fühlte es sich an wie in einem Science-Fiction-Roman, gespenstisch und irgendwie „strange“.

Dann wurden die Gäste von Lajos Wenzel begrüßt: „Seit dem 15. März war dieses Theater geschlossen, von heute auf morgen befanden sich unsere Mitarbeiter in der Kurzarbeit“, berichtete er, „aber wir kämpfen für das, wofür wir leben. Die Kultur ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Dieses Theater entstand in einer besonders schwierigen Zeit 1938, und gleich nach dem Weltkrieg wurden die Landesbühnen gegründet, um die Kultur ins Land zu bringen, zu den Menschen zu.“ Da jetzt jedoch keine Aufführungen im Haus mehr möglich waren, sei man auf das Internet ausgewichen. Und da hat das Team der Landesbühne ganze Arbeit geleistet. Eigentlich war das Projekt ´Corona Papers` fürs Internet geplant, die Zuschauer wurden von Anfang an beteiligt. In regelmäßigen Abständen konnten sie auf der Facebookseite an Besprechungen und Proben zum Stück teilnehmen. „Man will ja nicht nur das fertige Menü sehen, sondern auch den Koch und die Küche“, so Intendant Wenzel. „Umso mehr freut es uns, dass wir nun die Uraufführung hier live mit lieben Gästen feiern können.“ Und die hatte es dann in sich.


Zum Inhalt


Sascha, berufstätige Frau mit Mann und zwei Kindern, lebt auf 200 qm mit ihrer Familie, arbeitet im home-office, betreut und beschult zwei halbwüchsige Kinder und muss feststellen, dass die Rolle der Hausfrau und Mutter sowie der Betreuerin des alten Vaters wieder vollkommen an ihr hängenbleibt. Wer kennt das nicht: Emanzipation der Frau gern, aber nur, wenn der Haushalt organisiert ist. Aber die Zugehfrau fehlt wegen Corona, und so schraubt sich die Zeit mühelos 50 Jahre zurück. Und als der alte Herr auch noch verschwindet und sie ihn suchen muss, trifft sie auf Nik, einen „Computernerd“, der sich im Netz mit seinen Freunden trifft und beim Surfen auf die verschiedensten Verschwörungstheorien aufmerksam wird. Diesen erliegt er allesamt, fühlt sich beobachtet, ja überwacht und bereitet sich auf den sicherlich bevorstehenden Einsatz eines SEK in seiner Wohnung vor. Inzwischen deklamiert er für das Publikum über die sogenannten „Corona-Papers“: „Sie holen uns alle, erst die Alten und Schwachen, dann die Kinder und dann uns!“ oder „Die suchen mich, weil ich die Wahrheit kenne.“

Dann nimmt die Handlung Fahrt auf. Sascha gerät auf der Suche nach dem Vater an Niks Haustür, dieser glaubt, seine Verhaftung stehe bevor. Er zerrt sie in seinen Lieferwagen, sie geraten in eine Demonstration, er wird verletzt und tatsächlich verhaftet und wegen Entführung angeklagt. Zwischenzeitlich ist das „Opfer“ auch gemeinsam mit dem Täter auf der Flucht...

Dies alles wird höchst eindrucksvoll auf die Bühne gebracht von zwei Schauspielern, die sich tatsächlich während der kompletten Handlung nicht nahe kommen, aber mit der Brillanz ihres Spiels die Zuschauer in Atem halten. Unterstützt werden sie von einer Kamera und zwei Bildschirmen, je einer auf jeder Seite der Bühne. Diese ist in der Hälfte geteilt durch eine selbstgebaute Holztrennwand mit Klarsichtfolie umwickelt – der eine oder andere wird sie aus den Anfängen des Shutdowns als provisorischen Spukschutz kennen, bevor die zweifellos eleganteren Lösungen Platz machten. Madeleine Niesche als Familienmanagerin Sascha und Carl Bruchhäuser als Nik spielen gleichzeitig auf beiden Bühnenhälften, lösen sich übergangslos in ihren Monologen ab und vermitteln dem Zuschauer ein jeweils exaktes Bild ihrer jeweiligen Gemütslage. Beide wissen im Grunde nicht mit der neuartigen Lage umzugehen. Sascha geht es pragmatisch an, das hat sie gelernt, Nik versteht die Welt nicht mehr und sucht Erklärungen, die er bei Wutbürger 23 zu finden meint. Am Ende dann die Überraschung: Ein Blick hinter die Kulissen – und das ist auch wörtlich gemeint für das hervorragend gestaltete und doch fehlende Bühnenbild: Der Verein „Tatenlos“ - Nomen est Omen - hat dem ahnungslosen Nik eine Falle gestellt, um ihm den Unsinn seiner Verschwörungstheorien aufzuzeigen. „Ich teile Informationen“, so sein Kommentar. Dem Publikum, das immer noch auf Abstand verharrt, wird klar: Informationen werden nicht dadurch wahr, dass sie millionenfach geteilt oder geliked werden, aber sie verbreiten sich immer schneller via Internet, ohne eine wirkliche Überprüfung fürchten oder ihr standhalten zu müssen.

Das Fazit: „Menschen verschwören sich, das kann man nicht verhindern. Sie können einander nicht überzeugen, wirklich ändern können sie sich nur von innen heraus. Und du?“

Langanhaltender, hochverdienter Applaus belohnte die Künstler, die Darsteller Madeleine Niesche und Carl Bruchhäuser, Regisseur und Intendanten Lajos Wenzel und das Team NUANS (Bühne), Sylvia Rüger (Kostüme), Thomas Riemenschnitter und Axel Koltermann (Technische Leitung) und Tyra Darlington (Inspizienz). Brillant, sehenswert und von der ersten bis zur letzten Sekunde spannend. Eine Symbiose von Publikum und Darstellern. Perfekt!


Karten und Informationen


Die Aufführungen finden noch bis zum 3. Juli statt. Tickets und weitere Informationen gibt es wie gewohnt über www.schlosstheater.de oder unter 02631 – 222 88.-HE-

Artikel bewerten

rating rating rating rating rating
Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.
Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag erstellen zu können.
Weitere Berichte

Betrüger in Vettelschoß unterwegs

Dreiste Abzocke: Schädlingsbekämpfer verlangen 1000 Euro

Vettelschoß. Dreiste Abzocker boten in betrügerischer Absicht ihre Dienste einer Anwohnerin aus Vettelschoß an, indem sie vorgaben einen Baum wegen Schädlingen zu behandeln. Anschließend verlangten sie über 1000 EUR in bar. Die Geschädigte Anwohnerin aus Vettelschoß erstattete Anzeige auf der Polizeidienststelle in Linz, nachdem sie zuvor über das Internet eine Firma beauftragte, die eigentlich ihren Baum aufgrund von Eichenprozessionsspinnern behandeln sollte. mehr...

Vermisstenfahndung beendet: Mädchen aus dem Hunsrück wohlbehalten zurück

Vermisste 11-Jährige wieder da

Kirchberg (Hunsrück). Die am 11. Juli, 17:35 Uhr veröffentlichte Fahndung nach der 11-jährigen N. M. hat sich erledigt und wird zurückgenommen. Die Vermisste konnte durch Hinweise aus der Bevölkerung aufgefunden und wohlbehalten an die Eltern übergeben werden. mehr...

Weitere Berichte
Keine Neuinfektion im Kreis AW

Aktuelle Entwicklung der Coronafallzahlen im Kreis Ahrweiler

Keine Neuinfektion im Kreis AW

Kreis Ahrweiler. Heute gibt es keine Neuinfektion mit dem Coronavirus im Kreis Ahrweiler. Damit verbleibt die Anzahl der mit dem Virus infizierten Personen bei 208. Davon gelten 197 Personen als genesen. mehr...

Politik

Leserbrief zu dem Artikel „Bürgermeister Michael Mang bleibt im Amt“

Die Papaya - Koalition musste auf Stimmen der AfD hoffen

Wir haben jetzt also einen Bürgermeister, der nach Aussage der Papaya-Koalition, nur aus AFD-Gnaden noch seinen Posten hat. Ich frage mich ob die Stadtratsmitglieder, die bei der Abwahl mit „Ja“ gestimmt... mehr...

Schnelles Internet
für Oberlützingen

innogy Westenergie plant in Teilen von Oberlützingen Glasfaserausbau für 2021

Schnelles Internet für Oberlützingen

Burgbrohl. innogy Westenergie plant für 2021 im Ortsteil Oberlützingen von Burgbrohl einen Teilausbau des Glasfasernetzes in FTTH-Bauweise (Fiber to the Home). Mit diesem Ausbau wären die Einwohner zukunftssicher aufgestellt, denn die Glasfaserkabel werden direkt bis in die Gebäude verlegt. mehr...

Stadt Bad Breisig

RheinRuhe - Sicherung erforderlich

Bad Breisig. Zu den sehr unangenehmen Vorfällen der jüngeren Vergangenheit auf dem Waldfriedhof RheinRuhe in der Stadt Bad Breisig hat eine gemeinsame Sitzung des Haupt- und Finanzausschuss, Wirtschaftsförderung... mehr...

Sport
Vom Feld aufs Wasser

Abschlussfahrt der Fußballmädels vom SV Wachtberg 1922 e.V.

Vom Feld aufs Wasser

Gemeinde Wachtberg. 18 E- und D-Juniorinnen vom SV Wachtberg machten sich mit ihren Vätern für ein Wochenende auf an die Lahn. Die Tour war der krönende Abschluss einer tollen, wenn auch durch Corona... mehr...

Mit dem Fußball fürs Leben lernen

SV Wachtberg und Alemannia Adendorf richteten viertägiges Camp aus

Mit dem Fußball fürs Leben lernen

Wachtberg. Dem rollenden Ball hinterhergejagt und dabei noch etwas mitgenommen, das auch neben dem Spielfeld weiterhilft: Unter dem Motto „Training. Lernen. Leben.“ gastierte die von Ex-Bundesligaprofi und UEFA-Cup-Sieger Ingo Anderbrügge gegründete Fußballfabrik in Wachtberg. mehr...

Lesen Sie Jetzt:
Umfrage

Debatte in Bundesländern um Abschaffung der Maskenpflicht - Was sagen Sie?

Nein, auf keinen Fall.
Ja, ich bin dafür.
Lieber eine Empfehlung statt Pflicht.
aktuelle Beilagen
 
Kommentare
juergen mueller:
Mich wundert nix mehr. Hauptsache man hat ein Klimaschutzkonzept in der Schublade. Die kann man ja zumachen, abschließen und solange warten, bis eine Überarbeitung des Klimaschutzkonzeptes erforderlich wird, weil man eine Umsetzung wissentlich mal wieder "verpennt" hat. KOBLENZ - eine Stadt, die gerne auf fremde Züge aufspringt, aber vergisst an der richtigen Haltestelle wieder auszusteigen.

Auf dem Weg zum Radweg nach Vallendar

Alina Manz:
Endlich wird mal darüber gesprochen. Letztes Mal war ich noch am überlegen ob ich das Thema bei meiner VG mal ansprechen sollte. Ich finde die Aktion richtig gut. Ich persönlich fahre sehr oft mit meinem Fahrrad von Höhr nach Vallendar und die Hauptstraße ist momentan leider die einzige Möglichkeit Zeit zu sparen, aber dafür auch sehr gefährlich. Lg
Wally:
Versteht man das unter Mäßigung politscher Aussage? Hier fallen Worte wie: politische Marionette, Neofaschisten im Werden, Demokratiefeinde, oberster Puppenspieler. Dieser Leserbrief ist eine einzige, widerwärtige Schmähung aller politischen Mitbewerber. Die Vorgänge sind schlimm, wenn sie dann wahr sind, rechtfertigen aber nicht diese Art der Darstellung. Im Übrigen, wenn Politik ein schmutziges Geschäft ist und das zeigen die letzten Personenwahlen in Brüssel überdeutlich die von ganz anderer Tragweite sind, dann wollen wir doch nicht so tun als sei dies neu. Die Aufregung der Bürger in den letzten Jahren hat leider nicht dazu geführt die politisch Verantwortlichen in Stadt, Land und Bund zu läutern, im Gegenteil, die angewandten Strategien werden, nachgeschärft, verfeinert und damit weiter angewandt.
Service
LESETIPPS
GelesenEmpfohlen
Anzeige Online bestellen

Geben Sie Ihre Anzeige in wenigen Schritten einfach selbst auf - Rund um die Uhr auf unserer Online-Anzeigenaufgabe! Wählen Sie hier einfach die passende Rubrik aus.