Turmgespräch des Vereins zur Förderung der Denkmalpflege und des Heimatmuseums in Sinzig e.V.

Sinzig und Umgebung im 30-jährigen Krieg

Hans Jüchtern sprach über die Situation im Herzogtum Jülich-Berg

14.03.2017 - 16:00

Sinzig. Ein komplexes Thema mit leidvollen Folgen bot im Schloss das jüngste Turmgespräch des Vereins zur Förderung der Denkmalpflege und des Heimatmuseums in Sinzig. Keiner hätte Vereinsmitglied Hans Jüchtern widersprochen, als er eingangs seines Vortrags über den „30-jährigen Krieg im Herzogtum Jülich-Berg“ anmerkte, „jeder kennt ihn und weiß, dass er grausam war“. Doch wer hat schon genaue Vorstellungen von dem Krieg, der vor fast 400 Jahren 1618 mit dem „Prager Fenstersturz“ begann und mit dem „Westfälischen Frieden“ 1648 endete. Er war ein Glaubenskrieg zwischen der Katholischen Liga und der Protestantischen Union und zugleich ein Kampf um die Vorherrschaft in Europa.


Auch die hiesige Gegend, damals zu Jülich gehörend, war betroffen. Fast wäre der Krieg sogar durch den Jülich-Klevischen Erbfolgestreit noch früher ausgebrochen. Denn als 1609 der Herzog Johann Wilhelm von Jülich ohne männliche Erben starb, war das Erbe, die Herzogtümer Jülich, Kleve, Berg, die Grafschaften Mark und Ravensberg sowie die Herrschaft Ravenstein, „zu groß und bedeutend, sodass europäische Mächte mitmischen wollten“. Auch gab es im Land die verschiedenen Glaubensrichtungen katholisch, protestantisch und calvinistisch.

Als erste hatten sich der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, Wolfgang Wilhelm, und der Kurfürst von Brandenburg in Besitz des Landes gesetzt.

Der Kaiser war dagegen. Doch die Besitznehmer fanden Unterstützung bei Frankreich, England und den Niederlanden. Der drohende europäische Konflikt eskalierte nicht, weil König Heinrich IV. von Frankreich ermordet wurde. Vorläufig erhielt Wolfgang Wilhelm Jülich-Berg und die Herrschaft Ravenstein. Da er im Herzogtum Jülich-Berg Neutralität wahren lassen wollte, konnte er seine Länder nicht wirksam vor Truppendurchzügen, Einquartierungen und Kontributionen schützen. Das übrige Gebiet – Herzogtum Kleve, Grafschaften Mark und Ravensberg – waren brandenburgisch geworden.


Drangsalierung am Niederrhein


Daneben gab es am Niederrhein drei weitere Territorien: Das kaisertreue und von großen Kampfhandlungen verschonte Kurköln, die reiche kaisertreue Reichsstadt Köln, die nicht erobert oder besetzt wurde und mit allen Seiten handelte, sowie die Niederlande, die Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation waren. Der niederländische Norden (Generalstaaten) und der Süden – spanische Niederlande – führten bereits seit 50 Jahren, seit 1568, gegeneinander Krieg. Dabei griffen sie über ihre Grenzen hinaus, besonders am Niederrhein. 1620 besetzte Spanien am Niederrhein und in Westfalen etliche Städte, während holländische Truppen ins Herzogtum Jülich-Berg vordrangen.

Das Niederrheingebiet wurde von einer logistischen Basis und einem Rückzugsgebiet des 80-jährigen Kampfes zum Kriegsgebiet der Truppen der Generalstaaten und Spaniens. Sie erzwangen Abgaben, „Kontributionen“, brandschatzten und raubten. „Nicht große Schlachten“, so Jüchtern, kennzeichneten das Gebiet zwischen Maas und Rhein, „sondern das ständige Hin- und Herschieben der Heere, ihre gewaltsame Selbstversorgung aus dem Land, gleichgültig, ob sie katholisch oder protestantisch waren.“

Söldnerheere verschiedener Länder quartierten sich bei den Bewohnern ein, drangsalierten die Menschen und plünderten mit Auswirkung auf alle Territorien. In der nahen Umgebung war es Sinzig als Hauptort des Jülichen Amtes Sinzig-Remagen mit Franken, Koisdorf, Löhndorf, Westum, Dingstuhl Heimersheim mit Ehlingen (Green) und Lohrsdorf. Zum Amt gehörten auch Remagen, St. Apollinaris, die Dingstühle Unkelbach und Oberwinter, Gimmigen und Kirchdaun zur Hälfte. Es gab die zum Reichsstift Essen gehörende Vogtei des Breisiger Ländchens, die Grafschaft Neuenahr mit Beuel, Wadenheim und Hemmessen sowie der heutigen, halben Grafschaft.

Der Herzog von Jülich war Graf von Neuenahr. Doch Ringen, Niederich, Vettelhoven gehörten zu Kurköln. Lantershofen war reichsunmittelbar. Zur Reichsburg Landskron unter Lutter Quadt zählten Green, Nierendorf und Oedingen, die Herrschaft Königsfeld auch Heckenbach, zeitweilig die Herrschaft Oberwinter und Bandorf, zudem Bodendorf. Ahrweiler aber war Mithauptstadt von Kur-Köln und wohlhabend wie das ebenfalls kurkölnische Andernach, 20 Kilometer südlich des Amtes Sinzig.


Die Schweden kommen


Die 1620er Jahre blieben dort ruhig. In der ersten Hälfte der 1630er Jahre wüteten die Schweden unter General Baudissin am Rhein. 1632 eroberten sie Burg Drachenfels. Im November stellten sie einen Schutzbrief für Sinzig und Remagen aus, besetzten die Insel Nonnenwerth, danach das Ahrtal. Sie eroberten Neuenahr und Ahrweiler, erpressten in Ahrweiler Kontributionen, plünderten Stadt und Kirche, forderten 1000 Reichsthaler, drohten, andernfalls die Kirchenglocken einzuschmelzen, und besetzten die Burg Landskrone. Schwedische Truppen nahmen die Saffenburg ein und plünderten Rech, Mayschoß und Dernau. Auf dem Weg nach Andernach, das sie besetzten und teils plünderten, zündeten sie einige Dörfer an. Im Dezember griffen sie Deutz an.

Von Kurköln um Hilfe gebeten, entsandte die Brüsseler Infantin Clara Isabella Eugenia Anfang 1633 Truppen. Sinzig und Remagen öffneten ihnen die Tore. Sie nahmen Nonnenwerth ein, erschlugen 50 schwedische Söldner, nahmen 100 gefangen und trieben „Hurenweiber in den Rhein“. Letztere gehörten zum Tross, der für die Truppe Nahrung, Zelte, Werkzeuge mitführte. Im Tross arbeiteten Geschützmeister, Handwerker, Händler. Die Familien der Soldaten waren dabei, Knechte, oft auch „Flüchtlinge, Marodeure, lichtscheues Gesindel, Invaliden, Quacksalber, Spieler und Betrüger, Diebe und viele Prostituierte“.


Hungersnot in den 1640er Jahren


Danach folgten die Spanier den Spuren Baudissins. Der aber verjagte die Spanier und verfolgte sie nach Bonn. Mehlem wurde verwüstet, Remagen fast vollständig abgebrannt, Kirchenglocken geschmolzen, das Kirchenschiff war ruiniert. Baudissin eroberte darauf Hammerstein und verteidigte Andernach gegen kaiserliche Truppen. Die 1640er Jahre markieren im Herzogtum Jülich den Höhepunkt des Krieges mit hohen Lasten für die Bevölkerung, Gewalt und Grausamkeit. Die Abgaben, eine gelähmte Wirtschaft und brachliegende Felder führten zu Nahrungsknappheit und Hungersnot. Im Gebiet des heutigen Ahrkreises brachten mal französische, mal hessische oder kaiserliche Truppen immer wieder Plünderungen, Raubzüge und Verwüstungen. Für die Heere galt: „Der Krieg finanziert den Krieg“, auch im Amt Sinzig. Weitere Gelder waren an den Herzog von Jülich-Berg zu zahlen, sodass die Landrechnung für Sinzig von 1648 Gesamtschulden von rund 10.200 Goldgulden ausweist, die nach dem Kriege abzutragen waren. Trotz aller schrecklichen Folgen lagen Sinzig und Umgebung und das ganze Herzogtum Jülich-Berg „im Windschatten der Geschichte“, wie Jüchtern betonte. Viel heftiger waren etwa die Pfalz, Hessen, Mecklenburg und Pommern, Thüringen und Bayern betroffen. Dennoch war sicher mancher Zuhörer mit dem Gefühl der Dankbarkeit durchdrungen, nicht in dieser Zeit zu leben. Der Vereinsvorsitzende Karl-Friedrich Amendt dankte dem Referenten für seine detailreichen Ausführungen, die dazu anregten, sich näher mit dem Thema zu befassen. HG

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Manfred Möser22:
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