Neunte Netzwerkkonferenz für haupt- und ehrenamtliche Kräfte der Familien- und Jugendarbeit in Kruft

UnterschiedlicheKulturen irritieren - beide Seiten

Unterschiedliche
Kulturen irritieren - beide Seiten

Der Erste Kreisbeigeordnete Burkhard Nauroth (links) begrüßte die vielen Teilnehmer in der Vulkanhalle Kruft, die gespannt waren auf den Fachvortrag von der Ethnologin Sandra de Vries (2.v.l.). privat

Kruft. Jeder Mensch ist geprägt durch seine Kultur. Treffen unterschiedliche Lebenseinstellungen, Alltagsabläufe, Erziehungsmethoden aufeinander, führt das zu Irritationen - und zwar auf beiden Seiten. Entscheidend wird dann die eigene Haltung, sich auf andere Prägungen und Vorstellungen einzulassen, erklärte die Ethnologin Sandra de Vries bei der neunten Netzwerkkonferenz für haupt- und ehrenamtliche Kräfte der Familien- und Jugendarbeit. „Das Miteinander unterschiedlicher Kulturen gehört längst zum Alltag von Kitas, Schulen und der Jugendhilfe - und das nicht erst seit der ´Flüchtlingskrise´. Kultursensibilität, interkulturelle Kompetenz und interkulturelle Öffnung sind wichtige Faktoren, mit denen es sich zu beschäftigen gilt“, erklärte der Erste Kreisbeigeordnete Burkhard Nauroth zur Eröffnung der Konferenz.

„Eltern sind für ihre Kinder die wichtigsten Bezugspersonen und haben in Deutschland einen verfassungsrechtlich garantierten vorrangigen Erziehungsauftrag. Doch wie sieht es in den Herkunftsländern der Migranten aus? Wie wird dort der Erziehungsauftrag erfüllt und wer ist zuständig? Was machen wir mit den Kindern und Jugendlichen, die ohne Erziehungsberechtigte bei uns ankommen? Hier sind wir alle gefragt und auf gegenseitige Unterstützung angewiesen.“

Kultur als Orientierungssystem

„Kultur ist ein Orientierungssystem“, erklärte Sandra de Vries. Treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander, löst das Ängste aus, besonders, wenn es um Geschlechterrollen oder Religion geht. Interkulturelle Kompetenz sei daher gefragt, um offen und respektvoll mit anderen umgehen zu können. Dabei geht es vor allem darum, zu verstehen, was die eigene und die Haltung der anderen ausmacht. Beispiel Religion: Im Hinduismus kommt gleich nach der Kindheit die Erwerbsphase, ab 40 gilt es, sich auf den Tod vorzubereiten. Kein Problem für die Hindus, die an Wiedergeburt glauben. Im Islam dagegen gilt das Leben als vorherbestimmt. Die Redewendung Inschallah („So Gott will“) zeigt, dass davon ausgegangen wird, vom Irdischen jederzeit abberufen werden zu können. Für beide Religionen ist es daher irritierend, wenn dies im Christentum keine Rolle spielt - und das Leben oft mit Hinblick auf die Rente geplant wird.

Diese unterschiedlichen Prägungen gelten auch für die Familie. Den Begriff der Jugend kennen viele Kulturkreise gar nicht. Mädchen gelten mit der ersten Menstruation als Frau, Jungen werden mit elf bis 13 Jahren zum Mann. Beide müssen Erwartungshaltungen erfüllen, bleiben aber auf den Rat der Familie angewiesen. Da die Eltern im Erwerbsleben stehen, sind die „Ältesten“ Oberhaupt der Familie, oft auch der Onkel, Geistliche oder ein Hochgestellter in der Gesellschaft. All dies fehlt insbesondere den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen: „Ohne den Rat der Familie sind sie vollkommen überfordert.“

Diese Familienformen, aber auch polygame Ehen und autonome Frauengesellschaften (wie häufig in Afrika) führen daher auch zu gänzlich anderen Erziehungsentwürfen. „Kneifen, Zwicken, Schlagen, das ist bei afrikanischen Kindern nicht selten. Es ist aber kein Zeichen erhöhter Aggression, sondern der Umwelt geschuldet: Kinder werden trainiert, sich selbst zu behaupten und schneller autonom zu sein. Sie übernehmen daher schon in jungen Jahren Aufgaben, die man bei uns keinem Kind oder Jugendlichen zutrauen würde“, so Sandra de Vries.

Hineingeworfen

in eine andere Kultur

Viele Flüchtlinge fühlen sich hineingeworfen in eine andere Kultur. Es gibt Angst vor Uniformen (auch Rettungsdiensten), Angst bei Mitnahme, weil sie von Verschleppungen traumatisiert sind. Auch Alltagssituationen müssen neu gelernt werden: Besucher dürfen im Heimatland nur in die „öffentlichen“ Räume wie Küche oder Wohnzimmer. Kinder- und Jugendzimmer, die dort nur als Schlafzimmer dienen, gelten als intimer Ort. Das führt zu Irritation bei Pflegefamilien, wenn die Pflegekinder permanent die „normalen Räume“ bevölkern, während deutsche Kinder die Tendenz zum Rückzug in die eigenen Zimmer haben.

Rund zwei Stunden lang referierte Sandra de Vries in der voll besetzten Vulkanhalle in Kruft. Präsentiert wurden viele Beispiele, die nicht nur für ein Fachpublikum bedeutsam sind: Steht hier oft die Frage der Herkunft im Zentrum, sind es in anderen Kulturen die familiären Verhältnisse. In vielen Kulturen werden direkt Fotos der Familie gezeigt, um den Menschen und seine Familie kennenzulernen. Es wird viel Privates preisgegeben. Hier ist das eher unüblich - und wird als Desinteresse interpretiert.

Die Arbeit mit Familien und Jugendlichen erfordert daher nicht nur eine besondere Sensibilität, sondern auch kulturelle Kenntnisse. Für ein Beratungsgespräch beim Arzt sollten Inhalte vorab besprochen werden, damit die richtigen Personen anwesend sind. Viel zu lernen also für die Teilnehmer der Konferenz. Herkunft, Geschlechterrollen, Religion sind keine unüberwindbaren Hürden. Es gilt allerdings zu verstehen, wie dies andere Kulturen prägt - und wie sich der Bogen schlagen lässt, damit Kommunikation ohne Irritation gelingt.

Am Nachmittag konnten sich die Konferenzteilnehmer in Gruppen zu unterschiedlichen Themen im Kontext mit der Arbeit mit Flüchtlingskindern beschäftigten. Die „In Terra Multi-Kulti-Kids“ mit ihrem Leiter Markus Göpfert stellten Möglichkeiten der Gruppenarbeit vor, Cindy Vogel-Hürter fand großen Anklang mit ihrer Vorstellung der Traumaarbeit mit Flüchtlingskindern und das Jugendamt sowie Stefan Johann von der Lebenshilfe Mayen gaben Einblicke in die praktische Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen. Abgerundet wurde der Tag mit der Darbietung der Hip-Hop Gruppe der Multi-Kulti-Kids.

Pressemitteilung

Kreisverwaltung Mayen-Koblenz