Politik | 10.12.2016

Leserbrief

Der „wahre Erbe“ von 1832

Zur Pressemitteilung des AfD Kreisverbandes Neuwied

Neuwied. Die Forderung nach einem starken Deutschland stellt die Denkungsweise der AfD deutlich heraus. Was die führenden Köpfe der Partei wohl vergessen, ist die Tatsache, wo jemand stark ist, wird ein anderer immer schwach sein. Neid und Missgunst auf das, was der andere hat, sind die Folge davon und führen zu Krieg und Elend, wie Deutschland und Europa es bereits in zwei Weltkriegen bitter erfahren durften. Die liberale Bewegung von 1848, zu der auch das Hambacher Fest von 1832 gehört, hatte dabei keinesfalls ein starkes Deutschland im Sinn, sondern einen einheitlichen Verfassungsstaat, der die Willkürherrschaft, die katastrophale Wirtschafts- und Zollpolitik und die Zensur der Fürsten und Monarchen nicht nur in den deutschen Staaten beendet. Diese Ziele wurden letztlich durch die liberale Bewegung, aus der sich auch die Sozialdemokratie heraus entwickelte, durch die Revolution von 1848 teilweise im Kaiserreich und vollständig in der Weimarer Republik beziehungsweise der Bundesrepublik Deutschland umgesetzt. Der „wahre Erbe“ von 1832 hat leider nicht verstanden, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland seit mindestens 67 Jahren in einem Verfassungsstaat gilt, in dem vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind, die Menschen keinerlei Willkürherrschaft von Politikern ausgesetzt sind, jeder seine Meinung frei sagen darf und die Zollschranken zwischen den deutschen Staaten und vielen europäischen Ländern bereits gefallen sind. Wer sich in die Tradition des Hambacher Festes von 1832 stellen möchte, sollte dabei im Hinterkopf behalten, dass nicht nur Deutsche am Hambacher Schloss für einen Verfassungsstaat eingestanden haben, sondern auch Polen, Briten und Franzosen. Sie alle kämpften international gegen die überholten monarchischen und traditionellen (Denk-)Strukturen, die eine rückwärtsgewandte und restaurative Politik betrieben, so wie es die AfD aktuell in der Familienpolitik mit einem erzkonservativen Familienbild aus den 1950er Jahren oder der Rückbesinnung auf den Nationalstaat in einer europäischen Wertegemeinschaft betreibt. Die Teilnehmer des Hambacher Festes von 1832 würden heute wohl eher für ein Mehr an Europa einstehen und eine funktionierende Vereinigung der europäischen Verfassungsstaaten anstreben als veraltete nationale Strukturen wieder hervorzukramen, die in einer globalisierten Welt nicht bestehen.

Thomas Napp, Rheinbreitbach

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Kommentare
29.12.201612:14 Uhr
Uwe Klasen

Sehr geehrter Herr Mueller,

NOCH haben wir Meinungsfreiheit in Deutschland. Das derzeit ein Gesetz gegen sogenannte "FakeNews" vorbereitet wird dürfte ihnen nicht entgangen sein. Mich erninnert dieses Gesetz leider sehr an die Reichsverordnung vom 04.02.1933 bzgl. der Verbreitung von "unrichtigen Nachrichten". Suchen sie diese Reichsverodnung und lesen darin nach, sie Wissen vermutlich was danach in Deutschland begann?

26.12.201617:38 Uhr
juergen mueller

Das ist nicht ganz richtig. Wir haben Meinungsfreiheit in Deutschland, Nur, sie wird von den Wenigsten wahrgenommen. Die Gründe hierfür sind vielfältig, angefangen bei der Gleichgültigkeit. Unsere ICH-Gesellschaft hat meist keinen Platz mehr sich um Probleme zu kümmern, die vor allem andere betreffen. Über die Zeitung abgegebene Kommentare werden von Lesern zerrissen, beleidigend kommentiert. Medien (Zeitungen) zensieren, weil sie die Wahrheit nicht drucken wollen. Im Zeitalter von Facebook, Twitter, der sogen. Fäkalienportale etc. verzichten viele auf Kommentare (mit Recht) aus Angst einer Hetze bis hin zur Morddrohung zum Opfer zu fallen. Öffentlich seine Meinung zu vertreten birgt Risiken in sich. Da wird nicht unter sachlich oder unsachlich unterschieden. Da reicht es sich geäussert zu haben. Fazit: Da halte ich doch lieber meinen Mund, kümmere mich um meine eigenen Probleme, denken viele, was falsch ist. Was die Politik betrifft - deren Verlogenheit macht es nicht leichter.

25.12.201612:55 Uhr
Peter Schmalenbach

Leider haben wir keine Meinungsfreiheit in Deutschland, Herr Napp. Man darf längst nicht alles sagen und vor allem nichts, was der Wahrheit entspricht. Und außerdem sieht man gerade hier beim "Blick-aktuell", dass kaum noch jemand einen Kommentar zu einem Artikel schreibt. Der Grund: Schreibt man dennoch einen sachlichen Kommentar, wird man sofort von den bekannten roten, linken und grünen Hetzern in übelster Weise angegriffen und beleidigt!

21.12.201620:28 Uhr
Helmut Gelhardt

Einer der Heroen des Hambacher Festes 1832 war der deutsche Frankfurter Jude und Pariser Exilant Dr. Ludwig Börne - Juda Löw Baruch, *1786 +1837. Dieser 'riesige Kämpfer für Freiheit und Recht' (Friedrich Engels), Radikal-Demokrat, Streiter gegen Fürstenwillkür und Zensur, Streiter für die Maximen der Französischen Revolution: Liberté, Égalité, Fraternité, früher Streiter für soziale Gerechtigkeit und gewiss Vorbild für die Bewegung, aus der sich später die junge deutsche Sozialdemokratie entwickelte (Freiheit,Gleichheit, Brüderlichkeit! - Einigkeit macht stark!), Übersetzer des französischen links-katholischen Sozial-Priesters Lamennais, Zeitschriftsteller, Radikalkritiker des Chauvinisten W. Menzel, der Franzosenfresser, hätte sich niemals mit den Ideologien der sog. Alternative für Deutschland (rechtsreaktionär, nationalistisch, fremdenfeindlich, chauvinistisch, unsozial und unsolidarisch) identifiziert. Die Person L. Börne und sein Leben stehen absolut gegen jedwede AfD-Ideologie!

11.12.201608:39 Uhr
Uwe Klasen

Leider beginnt nun schon der Bundestagswahlkampf, so dass sachliche Beurteilungen von anderen Parteien / Personen kaum möglich sind und diese subjektiven Aussagen im Text wohl aus rein Partei taktischen Motiven erfolgt sein mögen. So empfehle ich dem Schreiber dieser Zeilen das Grundsatzprogramm der AfD, darin die Ziffern 2 und 6, aber von einem Parteimitglied einer anderen Partei ein vorurteilsfreie Beurteilung zu erwarten ist in Wahlkampfzeiten vermutlich zu viel Verlangt.

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