Politik | 15.03.2016, 09:12 Uhr

Verlegung von „Stolpersteinen“ in Bendorf-Sayn

„Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist“

Dietrich Schabow, Karl-Rudolf Goergen und Gunter Demnig erläutern das Projekt. GM
116

Sayn. In Bendorf kann man sie bereits in der Judengasse und in der unteren Bachstraße sehen, diese kleinen, quadratischen Messingplatten, eingelassen ins Straßenpflaster. Sie tragen Namen und Daten von Deportierten und erinnern an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und in Konzentrationslagern ermordet wurden - weil sie Juden waren.

Bereits über 20 Jahre hat der in Köln lebende Künstler Gunter Demnig den Stolpersteinen gewidmet. Sie sind seine Idee und zu seinem Lebensprojekt geworden. „Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ lautet ein Zitat aus dem Talmud, einem der wichtigsten Werke des Judentums, das zu Demnigs Devise geworden ist. Er bringt die Opfer des NS-Regimes symbolisch an den Ort zurück, wo sie zuletzt freiwillig gelebt haben – zu ihren ehemaligen Wohnungen oder Häusern. Die Steine sind Denkmäler, die den Toten ein Gesicht geben, die Gräueltaten des Dritten Reichs nicht in Vergessenheit geraten lassen und zusätzlich noch eine Anlaufstelle für Angehörige sind. Mehr als 56.000 Stolpersteine in ganz Europa hat der Künstler schon verlegt, seine Botschaft: Nicht in Auschwitz oder Buchenwald begann das Grauen- sondern mitten unter uns.

Am letzten Samstag hat Gunter Demnig in Bendorf-Sayn sechs weitere Steine vor zwei Häusern an der Koblenz-Olper-Straße in den Gehweg eingelassen. Den Anstoß zu dieser Aktion gaben der Förderkreis Geschichte der Bendorfer Arbeiterbewegung und Gewerkschaften e.V. mit ihrem 1. Vorsitzenden Karl-Rudolf Goergen sowie der Ortsverein des Deutschen Gewerkschaftsbundes, für die historische Recherche stand Heimatforscher Dietrich Schabow zur Verfügung.

Ein Trüppchen Menschen erwartet den Künstler schon vor dem Haus Nr. 80, in dem bis zu ihrer Deportation das jüdische Ehepaar Moritz und Franziska Herz gelebt hat. Unter den Gästen begrüßt Karl-Rudolf Goergen Bürgermeister Michael Kessler, die Beigeordneten der Stadt Gabriele Zils und Bernhard Wiemer, Willi Böhm und Ferhat Cato vom Ortsverein Gewerkschaftsbund sowie den langjährigen Archivpfleger Dietrich Schabow.

Pünktlich um 12.30 Uhr erscheint Gunter Demnig. Mit Cargo-Hose, Schutzhandschuhen und einem Knieschoner rechts sieht er aus wie ein Straßenarbeiter, und irgendwie ist er ja auch einer. Nur der Hut mit der breiten Krempe verleiht ihm einen Hauch von Künstler-Boheme.

Mit der Hilfe eines Mitarbeiters des Bauamtes hat er in relativ kurzer Zeit die beiden Steine für Moritz und Franziska Herz im Gehsteig versenkt. Anschließend erinnert Dietrich Schabow in einem Vortrag an das jüdische Paar, dass am 22. März 1942 durch das Naziregime von Sayn nach Izbica deportiert und dort ermordet wurde. Mit im Haus hat seinerzeit der Arzt Dr. Rosenau mit seiner Familie gewohnt und dort den Krieg überlebt. Dessen Tochter Renate Rosenau, die sich unter den Gästen befand, konnte den Anwesenden viele Details aus ihrer Familiengeschichte über das Ehepaar Herz berichten.

Dr. Rosenau betrieb damals seine Praxis auf der anderen Straßenseite im Haus Nr. 71, in dem die jüdische Familie Schmitz wohnte. Bernhard und Frieda Schmitz mit ihren Kindern Ingeborg und Ernst wurden am 30. April 1942 zusammen mit 97 Patienten und Pflegekräften der benachbarten Nervenheilanstalt in das Ghetto nach Krasniczy in Polen deportiert und später im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Auch zu dieser Familie konnte die Tochter von Dr. Rosenau umfangreiche Details den aufmerksam zuhörenden Teilnehmern an der Stolpersteinaktion näherbringen, ergänzend zu der von Dietrich Schabow vorgetragenen Vita. Darin spielt auch die in unmittelbarer Nähe zum Haus Nr. 71 in der Koblenz-Olper-Straße gelegene frühere „Jacoby’sche Anstalt“ eine große Rolle. Es handelte sich um eine Heil- und Pflegeanstalt als zentrale Aufnahmestätte jüdischer Patienten, diese diente ab 1940 der Vorbereitung der Deportationen. In fünf Transporten (zwischen März und November 1942) wurden 573 Personen aus dieser Anstalt in die Vernichtungslager des Ostens gebracht, an diese Menschen sollen die verlegten Stolpersteine ebenfalls erinnern.

Bei der Verlegung der vier Steine für die Familie Schmitz gibt es Probleme. Unter dem Pflaster liegt nicht Sand, wie erwartet, sondern Beton. Demnig holt Presslufthammer und Kabeltrommel aus dem Auto, zapft Strom im Haus, schleppt Wasserkanister und einen Eimer voller Kies heran. Kurzes Geknatter, Beton weg, Steine rein, fertig. Der Künstler verabschiedet sich und eilt weiter zum nächsten Termin in eine andere Stadt.

Die Stolpersteine halten die Erinnerung an Familie Schmitz aufrecht.

Die Stolpersteine halten die Erinnerung an Familie Schmitz aufrecht.

Künstler Gunter Demnig bei der Arbeit.

Künstler Gunter Demnig bei der Arbeit.

Gunter Demnig hat bereits 56000 Stolpersteine in ganz Europa verlegt.

Gunter Demnig hat bereits 56000 Stolpersteine in ganz Europa verlegt.

Dietrich Schabow, Karl-Rudolf Goergen und Gunter Demnig erläutern das Projekt. Fotos: GM

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Empfohlene Artikel
Die Ahrtal-Werke legten dem Stadtrat von Bad Neuenahr-Ahrweiler für 2025 eine Jahresbilanz von 85,4 Millionen Euro vor.  Foto: GS
130

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Die Ahrtal-Werke um die Geschäftsführung mit Dominik Neswadba und Thomas Hoppenz sind weiter auf gutem Kurs. Daher folgte der Stadtrat von Bad Neuenahr-Ahrweiler am Montagabend dem Aufsichtsrat des kommunalen Energieversorgers und stimmte dem vorgelegten Jahresabschluss 2025 einstimmig zu. Das Gremium beauftragte Bürgermeister Pascal Rowald, in der Gesellschafterversammlung dem Jahresabschluss der Ahrtal-Werke für das 2025 zuzustimmen und den Aufsichtsrat zu entlasten.

Weiterlesen

Die Einrichtung einer IGS an der Regionalen Schule Brohltal wurde bereits im März vom Kreistag abgelehnt. Jetzt scheiterte auch ein FWG-Antrag auf eine neue neutrale Untersuchung der Schülerzahlen im Kreis Ahrweiler.  Foto: GS
133

Kreis Ahrweiler. Im März hat der Kreistag von Ahrweiler den Antrag der Freien Wähler auf Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule (IGS) an der Regionalen Schule Brohltal in Niederzissen abgelehnt. Dies unter anderem mit der Begründung des beratenden „biRegio“-Planungsbüros in schulpolitischen Entscheidungen, dass „eine „IGS Niederzissen die IGS Remagen empfindlich tangieren würde“.

Weiterlesen

Bildergalerien
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Dauerauftrag 2026
Moonlight Concert 27.11.26
Martinsmarkt Adendorf
Kleiderstube
Herbst PR Special KW 45
Angebotsanzeige (November)
Titel-Anzeige
Weitere Artikel
Links: Straßenschild Rheinstraße, Mitte: Nostalgisches Bild der Rheinstraße/Vater Rhein (vom Stadtmuseum Andernach), Rechts: Frau Grafen heute
710

Andernach. Wenn Christina Grafen von ihrer Zeit in der Andernacher Rheinstraße erzählt, klingt es fast so, als würde man für einen Moment die Musik von damals wieder hören. Tanzflächen voller Menschen, mehrere Theken, an denen die Getränke ausgeschenkt wurden, ausgelassene Stimmung und mittendrin sie – meistens hinter dem Tresen, wo es selten ruhig zuging.

Von Dilara Köksal aus Andernach

Weiterlesen

v.l.n.r.: Daniel Phiesel, Christel Engeland, Stefan Raetz, Marcel Richter, Martin Warkentin
252

Rheinbach. Die Bürgerstiftung „Wir für Rheinbach“ hat auch für 2027 wieder einen Rheinbach-Kalender herausgebracht. Die Vorstände Bürgermeister Dr. Daniel Phiesel und Marcel Richter: „Der Bildkalender erfreut sich auch in der 13. Auflage großer Beliebtheit und zeigt wieder interessante Rheinbacher Motive.“ Mit Martin Warkentin hat die Bürgerstiftung erneut einen jungen Fotografen aus Rheinbach gefunden, der mit einem eigenen Blick auf die Rheinbacher Motive schaut.

Von Stefan Raetz aus Rheinbach

Weiterlesen

Karate Dojo Kitai Dieblich
112

Dieblich. Am 25. Oktober 2026 stand beim Karate Dojo Kitai aus Dieblich nicht nur der Sport im Mittelpunkt, sondern vor allem der gute Zweck. Unter dem Motto „100 Kata“ stellten sich rund 50 bis 60 Kinder, Jugendliche und Erwachsene einer besonderen sportlichen Herausforderung. Gleichzeitig wurden Spenden für einen guten Zweck gesammelt.

Von Jens Mentges aus Koblenz

Weiterlesen