Michael Juchem, Geschäftsführer der Getränke Michel GmbH, zieht Bilanz
Fünf Jahre nach der Flut „Vieles hätte schneller und einfacher passieren müssen“
Fünf Jahre sind seit der Flut vergangen. BLICK aktuell sprach mit Michael Juchem, Geschäftsführer der Getränke Michel GmbH, und fragte: Was ist in den vergangenen fünf Jahren gut gelaufen? Wo gibt es noch Nachholbedarf?
BLICK aktuell: Was waren für Sie die größten Meilensteine im Wiederaufbau?
Michael Juchem: Wenn ich an die vergangenen Jahre denke, dann waren die größten Meilensteine für mich vor allem die Menschen. Besonders beeindruckt hat mich der Mut der Betroffenen und ihrer Familien. Viele standen nach der Flut vor gewaltigen persönlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen – und trotzdem haben sie nicht aufgegeben. Mit unglaublicher Kraft, Ausdauer und einem unermüdlichen Willen haben sie begonnen, ihr Zuhause, ihre Betriebe und ihr Leben wieder aufzubauen.
Ebenso prägend war die enorme Hilfsbereitschaft direkt nach der Flut und weit darüber hinaus. Die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer haben Großartiges geleistet. Gleichzeitig haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beteiligten Firmen mit großem Einsatz und oft unter schwierigen Bedingungen daran gearbeitet, dass Wiederaufbau überhaupt möglich wird. Dieses Zusammenspiel aus Zusammenhalt, Einsatz und Zuversicht hat unsere Region getragen.
Besonders bewegend waren für mich die Momente, in denen Fortschritt wieder sichtbar wurde. Die Fertigstellung der ersten Brücke und die Rückkehr der ersten Züge nach der Wiederherstellung der Gleise waren weit mehr als Infrastrukturprojekte. In diesen Momenten hat man gespürt: Es geht weiter. Verbindungen wurden wiederhergestellt – nicht nur zwischen Orten, sondern auch im Alltag der Menschen. Das waren Zeichen von Hoffnung und ein Stück Rückkehr zur Normalität.
BLICK aktuell: Wo hätte es besser laufen können und was muss noch dringend erledigt werden?
Michael Juchem: Bei aller Anerkennung für das bereits Erreichte muss man ehrlich sagen: Vieles hätte schneller, einfacher und näher an den Menschen passieren müssen. Viele Kommunen stehen bis heute vor enormen Herausforderungen und sind mit der Größe der Aufgabe teilweise überlastet und personell an ihren Grenzen. Gleichzeitig erleben viele Betroffene den Wiederaufbau als sehr bürokratisch, langsam und oft wenig empathisch. Dabei wird außerhalb der Region häufig unterschätzt, dass viele Familien und Unternehmen noch immer um ihre Existenz kämpfen.
Aus meiner Sicht fließt an manchen Stellen zu viel Energie in Planungen, Konzepte und Prozesse – und zu wenig in sichtbare Fortschritte. Lange Bearbeitungszeiten bei Anträgen und Baugenehmigungen erschweren den Wiederaufbau zusätzlich und kosten die Menschen Kraft und Vertrauen.
Dringend vorangebracht werden müssen weiterhin der Wiederaufbau von Straßen, Schulen, Kindergärten aber vor allem privaten Gebäuden.
Ein weiterer Punkt ist für mich der Umgang mit Spendengeldern. Bis heute gibt es bei vielen Menschen offene Fragen, warum Mittel teilweise noch nicht verteilt wurden und warum nicht klarer nachvollziehbar ist, was mit den Geldern passiert ist. Diese fehlende Transparenz sorgt für Enttäuschung – nicht nur bei Betroffenen, sondern auch gegenüber den vielen Menschen, die geholfen und gespendet haben. Hier braucht es aus meiner Sicht endlich mehr Offenheit, Nachvollziehbarkeit und klare Antworten
BLICK aktuell: Nach der Flut war der Zusammenhalt groß – spüren Sie diesen Zusammenhalt heute immer noch?
Michael Juchem: Der Zusammenhalt nach der Flut war aus meiner Sicht etwas Außergewöhnliches und wird für immer in Erinnerung bleiben. Die Hilfsbereitschaft aus der gesamten Republik war ein Paradebeispiel dafür, was möglich ist, wenn ein Land zusammenhält. Diese Unterstützung hat bei den Betroffenen unglaublich viel ausgelöst – sie hat Menschen getragen, mobilisiert, Hoffnung gegeben und in einer Zeit der Ohnmacht neue Kraft entstehen lassen.
Ich glaube, genau dieser Zusammenhalt wird das Ahrtal und seine Menschen dauerhaft prägen und auch ein Teil der Geschichte dieser Region bleiben.
Bis heute spürt man diesen Zusammenhalt – allerdings anders als in den ersten Wochen und Monaten. Die große Dynamik und Euphorie von damals ist verständlicherweise leiser geworden. Viele Menschen, besonders die direkt Betroffenen, sind müde, gezeichnet und tragen die Belastungen der vergangenen Jahre weiterhin mit sich.
Und trotzdem hat die Flut viele Menschen nachhaltig miteinander verbunden. Aus Nachbarschaften wurden Netzwerke, aus Hilfe wurden Beziehungen und aus gemeinsamer Bewältigung ist an vielen Stellen echte Verbundenheit entstanden. Der Zusammenhalt ist noch da – vielleicht weniger sichtbar als damals, aber dafür tiefer und nachhaltiger. ROB
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Michael Juchem. Foto: ROB