Tafel-Ausgabestelle Andernach blickte auf die letzten zehn Jahre zurück
An die Grenze des Machbaren
Andernach. Vor zehn Jahren wurde die Tafel-Ausgabestelle Andernach aus der Taufe gehoben. Und diese Erfolgsgeschichte hat viele Mütter und natürlich auch Väter. Rosemarie Hauröder, Elke Perse, Ingrid Stern und Brigitte Stolz waren als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der ersten Stunde mit von der Partie. Und sie kamen auch in Andernach zur kleinen Gesprächsrunde ins Caritashaus am Dom. Caritas-Mitarbeiterin Monika Enders, die zusammen mit Gaby Meurer die Ausgabestelle der „Mayener Tafel“ hauptamtlich auf den ersten Schritten begleitet hat, war ebenfalls anwesend, ebenso die heutige Tafel-Koordinatorin Inge Michels-Proft.
Von ihnen wollten die Politiker – Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil, Landtagsabgeordnete Hedi Thelen und Ortvorsteher Gerhard Masberg aus Miesenheim – mehr über die aktuelle Entwicklung insbesondere in Andernach wissen. Inge Michels-Proft erklärte: „125 bis 130 Tafelkunden suchten in der ersten Jahreshälfte wöchentlich die Tafel in Andernach auf, wobei auch circa 80 Kinder pro Ausgabe mit Lebensmitteln versorgt werden.“ Dabei hatte alles vor zehn Jahren bescheidenen angefangen, berichtete Elke Perse. Damals kam den Andernachern zugute, dass die Caritas in Mayen bereits seit 2005 mit der Tafel erste Erfahrungen sammeln konnte. Brigitte Stolz: „Heute sind wir 60 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 30 Ehrenamtliche werden pro Ausgabe gebraucht“, wobei die Vor- und die Nachbereitung, also Lebensmittel in den Geschäften abholen, sortieren, einräumen, Büro und Ausgabe sowie die Nachbereitung mit Reinigungs- und Entsorgungsaufgaben rund um den Ausgabe-Dienstag mit berücksichtigt werden müssen.
Brigitte Stolz meinte: „Die Tafel ist bunter geworden, Ende Juni waren es 15 Nationen. Fast die Hälfte der Kunden kommt aus Syrien. Aber auch unter Deutschen ist eine Zunahme an Altersarmut festzustellen. Und es kommen mehr alleinstehende Frauen zur Tafel.“ Diese Entwicklung führt die Tafelmitarbeiter an die Grenze des Machbaren, so Brigitte Stolz. Die schönste Belohnung für die Ehrenamtler aber sei, wenn Kunden voller Freude feststellen, dass der Ausgabetag der schönste und abwechslungsreichste Tag der Woche sei. Das Café-Tafel, ein Tafel plus-Angebot, hat sich zu einem Begegnungspunkt und zu einer niederschwelligen Austauschbörse entwickelt, wo bei Bedarf Kontakte zu den sozialen Diensten der Caritas hergestellt werden können.
Die Ausgabestelle Andernach der „Mayener Tafel“ ist heute ein Unternehmen, das über die Grenzen des Kreises Mayen-Koblenz hinaus wirkt, denn das Warenangebot ist nicht mit der Zahl der Kunden gewachsen.
Überregionale Fahrten bis nach Speyer sind angesagt, wenn bei Überproduktionen ganze Paletten Pizzen oder Milchprodukte bei Firmen abgeholt werden. „Die langen Fahrten werden immer mehr“, resümiert Inge Michels-Proft. Das bedeutet für die beiden in die Jahre gekommenen Kühlfahrzeuge, die gleichzeitig für die Ausgabestellen Andernach, Mayen und Polch zuständig sind, immer höhere Kilometerleistungen. Bei sehr großen Mengen, die von einer Tafel alleine nicht ausgegeben werden können, kooperiert die „Mayener Tafel“ mit der „Ahrweiler Tafel“ und den anderen im Umkreis liegenden Tafeln.
Tafel darf nicht ins politische Sozialsystem eingebaut werden
130 Kunden kommen in Andernach, 160 in Polch und 230 in Mayen zur „Mayener Tafel“, eine beachtliche Zahl, die aber die Tafelmitarbeiter nicht nur stolz macht. Vielmehr stellt sie sich ihnen immer wieder die Frage, ob ihr Angebot nicht auch zur Verfestigung einer unguten Entwicklung beiträgt. Ein Zweifel, für den Mechthild Heil, Hedi Thelen und Gerhard Masberg großes Verständnis zeigten. Die Tafel darf nicht als ein Faktor ins politische Sozialsystem eingebaut werden. Auch die „Mayener Tafel“ ist und bleibt ein Zusatzangebot, das mit der staatlichen Grundversorgung nichts zu tun hat.
