AKW-Mülheim-Kärlich-Rückbau dauert zehn Jahre und kostet 750 Millionen Euro
Kühlturm wird zu 25.000 Tonnen Schrott
VG-Weißenthurm. „Sportlich“ nannte Ralf Zimmermann die Aussage der rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerin Eveline Lemke, dass der Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich im Mai-Juni verschwindet. Im Laufe des Jahres wird mit dem Rückbau, also dem Abriss, begonnen, der mehrere Monate dauert. Ralf Zimmermann muss es wissen, denn in seinem Auftrag wird das weithin sichtbare Monstrum platt gemacht und hinterlässt etwa 25.000 Tonnen Alt-Beton. Diese und noch viele weitere Infos wurden jetzt auf einer Pressekonferenz, die VG-Bürgermeister Georg Hollmann im großen Ratssaal der Verwaltung in Weißenthurm organisiert hatte, mitgeteilt. Der überwiegende Teil des RWE-Kernkraftwerkgeländes, genau 29 Hektar (290.000 qm), für die seit Jahresende kein Atomrecht mehr gilt, wurde von der RWE Power AG an die Firma Recycling u. Transporte GmbH Zimmermann verkauft. Die hat ihren Hauptsitz in Lahnstein/Friedrichssegen (von Lahnstein einige km Flussaufwärts) und kann an dieser Stelle an der Lahn ihr Gelände nicht mehr erweitern. Warum reißt denn diese Firma den Kühlturm ab und nicht der bisherige Eigentümer RWE Power AG? „Wichtig für uns ist es, an den Rohstoff heran zu kommen und durch den Kaufvertrag haben wir zugriff darauf“, erläuterte Geschäftsführer Ralf Zimmermann bei der Pressekonferenz. Eine Sprengung des 162 Meter hohen Kühlturms ist nicht möglich und daher wird mit Geräten, die auch für den Bau von Windkraftanlagen im Einsatz sind, der ungeliebte Betonklotz von oben Stück für Stück abgebrochen. „Wann diese Geräte zur Verfügung stehen, wissen wir noch nicht. Wegen Wind und Wetter wird der Abbruch Monate dauern, auf jeden Fall ist der Kühlturm Ende des Jahres weg, denn im nächsten Jahr wollen wir hier schon arbeiten“, sagte der Geschäftsführer und unterstrich, dass der alte Standort in Lahnstein erhalten bleibt. Aber warum hat das alles so lange gedauert, da das Kernkraftwerk doch wegen Klagen nach 100 Tagen Probe- und Regelbetrieb bereits seit 1988 stilllegt? RWE hoffte wohl immer noch für das AKW eine Betriebserlaubnis zu erhalten. Doch da machte das Bundesverwaltungsgericht 1998 endgültig einen Strich durch die Rechnung. Bis ins Jahr 2001 hielt RWE das Kernkraftwerk betriebsbereit, gab schließlich auf, entfernte ein Jahr später die Kernbrennstoffe und begann mit dem Rückbau. Schließlich wurde von RWE der Antrag gestellt, auf dem Gelände ein atomares Zwischenlager für Brennstäbe einzurichten. Erst im vergangenen Jahr konnten die 29 ha aus der atomrechtlichen Aufsicht entlassen werden, da die RWE Power AG den Zwischenlager-Antrag zurücknahm. Man hatte erkannt, dass es für ein Zwischenlager weder bei der Gemeinde Mülheim-Kärlich, der Verbandsgemeinde Weißenthurm und auch nicht beim Mainzer Wirtschaftsministerium eine Genehmigung geben würde. Das Kernkraftwerkgelände liegt verkehrsgünstig zwischen zwei großen Einzugsgebieten begründete Zimmermann den Kauf. Er will die vorhandenen Hallen nutzen und noch eine weitere bauen. Insgesamt entstehen hier im nächsten Jahr 100 neue Arbeitsplätze, unter anderem für die Abfallsortieranlage, Biomasse und Kunststoffaufbereitung. Über die eigene Zu- und Abfahrt werden täglich 200 und bis 300 Lastwagen rollen. Dazu Bürgermeister Georg Hollmann: „Das gibt der Standort her. Wir haben Gutachten für die Belastung der Straßen. Durch die kurze Anbindung an die B9 und somit auch die Autobahn wird es keinen erhöhten innerörtlichen Verkehr geben.“ Auch die Lärmimission sei gering, da die Aggregate eingehaust werden. Bürgermeister Georg Hollmann und der Mülheim-Kärlicher Stadtbürgermeister Uli Klöckner hoben hervor, dass sie froh seien über diese jetzt realisierte Nachnutzung des Kernkraftwerkgeländes. Wie viel Geld für das Gelände gezahlt wurde und was der Kühlturm-Abriss kostet, wollte Ralf Zimmermann nicht sagen. Kein Geheimnis ist, was das Kernkraftwerk und dessen Rückbau kostet. Der Bau des Atomkraftwerks hat umgerechnet 3,5 Milliarden Euro gekostet. „Für den Abriss rechnen wir mit 750 Millionen Euro“, sagte Dr. Markus Strocz, der als Leiter des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich auch für den Rückbau verantwortlich ist. Der wird noch etwa zehn Jahre dauern, denn auf dem übrigen sechs Hektar großen Gelände geht es ans „Eingemachte“. Hier steht die Kuppel mit dem kontaminierten Reaktordruckbehälter. Also der Kern des Kernkraftwerks. Technisch sei der Rückbau trotz der Strahlung kein Problem unterstrich der AKW-Leiter, denn in Deutschland seien schon einige Kernkraftwerke rückgebaut worden. So bleiben in dem AKW noch 41 RWE-Mitarbeiter und 16 aus anderen Unternehmen.
Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich aus der Luft. Foto: RWE
