Stadtmuseum Andernach
Unser Objekt des Monats September: Bimsstein-Produktion in der Pellenz
aus Andernach
Andernach. Die Fotosammlung des Andernacher Stadtmuseums wurde über viele Jahrzehnte hinweg sorgsam zusammengestellt und enthält heute rund 20.000 Einzelaufnahmen. Einen wichtigen Bestandteil stellen Fotografien des Wirtschaftslebens in Andernach und der Region dar. Unser Objekt des Monats September öffnet ein Zeitfenster zurück ins frühe 20. Jahrhundert, als die Herstellung von Bausteinen aus Bims noch schwere Handarbeit war.
Unsere Postkarte aus der Zeit um 1910 zeigt einen Arbeiter inmitten von Trockengerüsten, auf denen zahllose „Schwemmsteine“ ablagern. Die Fotografie zeigt den wichtigsten Teil des Fabrikationsprozesses, der damals noch komplett in Handarbeit geschah: Der mit Kalkmilch gemischte Bimssand wurde mit einer sogenannten „Plötsch“ in eine Hohlform gedrückt, anschließend wurde der geformte Stein auf dem sogenannten „Klopftisch“ aus der Form gestürzt und dann zum Trocknen auf das Gerüst gelegt. Rund 1.000 Bausteine konnte ein geübter Arbeiter auf diese Weise täglich herstellen. Die „Steinklöpper“ waren in dieser Zeit oft Saisonarbeiter, die meisten von ihnen kamen aus anderen Regionen ins Neuwieder Becken. 1913/14 waren knapp 6.000 Arbeiter „im Bims“ tätig.
Die industrielle Nutzung von Bims, mit vulkanischen Gasen aufgeschäumtes Magma, das sich vor allem beim letzten großen Ausbruch des Laacher See-Vulkans z.T. meterhoch in der Region ablagerte, reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Einer der Pioniere soll der Koblenzer Architekt und Landesbauinspektor Ferdinand Nebel (1782–1860) gewesen sein: 1845 soll er durch Mischung von Bimssand mit Kalkmilch eine tragfähige und einfach zu produzierende Rezeptur für Bausteine erfunden haben, die meist als „Schwemmsteine“ bekannt waren. Ferdinand Nebel war übrigens der Bruder von Joseph Nebel-Crêpu, der 1807 in Andernach das ehemalige Kloster St. Thomas erworben hatte und hier eine der bedeutendsten Lederfabriken des Rheinlands einrichtete. Über ihn ist in dem neuen Andernacher Beitrag „Bäche und Mühlen in der Bäckerjungenstadt“ einiges zu erfahren.
Nach dem Ersten Weltkrieg setzte in den größeren Bimsbetrieben die Technisierung der Produktion ein. Zunehmend wurde der Bimssand mithilfe von Baggern und Förderbändern gewonnen; Maschinen übernahmen teilweise den Pressvorgang der Ziegel. 1937 wurden im Neuwieder Becken über eine Milliarde Steine produziert.
Doch der eigentliche „Bimsboom“ kam erst mit dem Wiederaufbau der frühen 1950er Jahre ins Rollen. Der Bedarf an Bausteinen war enorm und Arbeitskräfte standen u.a. durch den Zuzug von Heimatvertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten zahlreich zur Verfügung. Der Verdienst „im Bims“ war sehr gut, was die Knochenarbeit dennoch attraktiv machte. Viele Landwirte betrieben in der Nachkriegszeit den Bimsabbau ‚nebenher‘; knapp 800 Bimsbetriebe zählte man im Jahre 1950 im Neuwieder Becken, darunter natürlich zahlreiche Kleinbetriebe.
In den 1950er Jahren war die B256, welche die Bimsbetriebe der Pellenz z.B. mit dem Andernacher Hafen verband, zeitweise sogar die am stärksten befahrene Bundesstraße der BRD und wurde im Volksmund auch „Bimsrollbahn“ genannt. Bausteine aus Bims wurden in der gesamten Bundesrepublik als hervorragendes Baumaterial benötigt. Dabei konnten die Steine vor allem durch ihr relativ niedriges Gewicht und die hervorragenden kälteisolierenden Eigenschaften punkten.
Der große Bimsboom lief ab Mitte der 1960er Jahre langsam aus, u.a. weil die Zahl der Neubauten zurückging und andere Baumaterialien auf den Markt gebracht worden waren. Gleichwohl gibt es heute noch einige bedeutende Bimsbetriebe in der Region. Die Landschaft im Neuwieder Becken war und ist in Teilen vom Bimsabbau geprägt. Was auf der einen Seite großen Wohlstand in die Region brachte, hinterließ auf der anderen Seite auch bleibende Spuren in der Landschaft. Dennoch war die Bimsindustrie gerade im 20. Jahrhundert für die gesamte Region und ihre Menschen von nicht zu überschätzender Bedeutung.
In der Dauerausstellung des Stadtmuseums widmet sich ab sofort eine kleine Abteilung auch diesem wichtigen Kapitel der Regionalgeschichte.
Wer sich weiter mit diesem spannenden Thema befassen möchte, dem sei der Besuch des Deutschen Bimsmuseums in Kaltenengers ans Herz gelegt. Aus der Reihe der „Andernacher Beiträge“ informiert außerdem der Band „Bims im Bild“ von Dr. Klaus Schäfer über das „weiße Gold“ und seine künstlerische Würdigung (erhältlich im Museumsshop, Bagatelle, Hochstr. 92).
Die Arbeit „im Bims“ war hart, aber gut bezahlt. Fotografie aus der Zeit um 1950. Foto: Stadtmuseum Andernach
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Schwemmsteinfabrikation B. Andernach. Foto: Stadtmuseum Andernach