Politik | 29.07.2013

Energiewende ist auch im Kreis Ahrweiler möglich

Bürger-Energiegenossenschaften über die Kreisgrenzen hinweg

Regionen profitieren - Gesamtkonzept unter Moderation des Kreises sinnvoll

Der Energie-Vortrag beeindruckte die Teilnehmer.  wite

Bad Neuenahr. Die Energiewende ist längstens seit dem Atom-Unglück im japanischen Fukushima über Parteigrenzen zum bedeutenden Thema geworden. Der Atomausstieg in Deutschland ist beschlossene Sache. Dies erfordert den Einstieg in erneuerbare Energiequellen, verbunden mit Energieeinsparungen in verschiedenen Bereichen. Als Ziel hatten die Grünen im Ahrkreis schon 2007 die Halbierung des Energieverbrauchs formuliert, um den verbleibenden Rest-Energiebedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu decken. Die Wende hin zur Nutzung regionaler Ressourcen sowie von Wind- und Sonnenenergie ist in etlichen Regionen Deutschlands bereits in vollem Gange - und auch im Kreis Ahrweiler möglich. Wolfgang Schlagwein, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Ahrweiler Kreistag, stellte jetzt im Hotel Krupp ein „energiepolitisches Planspiel“ für den Kreis Ahrweiler vor. Neben zahlreichen Grünen-Mandatsträgern- und Aktivisten konnte er hier als Gäste Richard Fuchs vom Kreisvorstand des Naturschutzbundes (NABU) sowie Dr. Ing. Dipl.-Phys. Bert Droste-Franke von der Europäischen Akademie begrüßen. Die Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen hat ihren Sitz in Bad Neuenahr Ahrweiler und ist im Gebäude des früheren Are-Gymnasiums (Mittelzentrum Ahrweiler) untergebracht. Diese arbeitet mit zahlreichen Professoren und Wissenschaftlern zusammen, um Empfehlungen zu gesellschaftlichen Aspekten von neuer Technik und neuer wissenschaftlicher Entwicklungen aus überparteilich wissenschaftlicher Perspektive zu geben. „Diese Akademie ist ein Juwel und Glücksfall für den Kreis Ahrweiler,“ betonte Wolfgang Schlagwein die hohe Bedeutung dieses wissenschaftlichen Instituts.

Gesamtkonzept fehlt

„Die Energiewende besteht längst nicht nur aus dem Bau von Windrädern. Noch dringender als eine schlüssige Flächennutzungsplanung zur Windenergie fehlt es dem Kreis Ahrweiler an einem informellen Gesamtkonzept: Wie viel Energie und Verkehr wollen wir einsparen, und mit welchen Erneuerbaren Energien aus eigenen Quellen auf welchen Flächen und mit welchen Technologien wollen wir den verbleibenden Energiebedarf decken - und wer sind die Träger dieser Entwicklung?“ begann Wolfgang Schlagwein seine Ausführungen zu der insgesamt dreistündigen Informations- und Diskussionsrunde. Das zugrunde liegende Planwerkzeug hatte Schlagwein in einer viertägigen Fachtagung des Bundesamtes für Naturschutz kennengelernt. Es wurde entwickelt von Dipl.-Ing. Hans-Heinrich Schmidt-Kanefeldt und einer Gruppe von Wissenschaftlern der Ostfalia-Hochschule. Im Ergebnis bestätigt sich, dass die Energiewende auch im Kreis Ahrweiler möglich ist. Voraussetzung hierfür sind jedoch klare Planungsziele. Auf Grundlage regionalstatistischer Daten (Flächen, Einwohnerzahl, Energieverbräuche und andere) und weiterer Unterlagen (Solarkataster der Kreissparkasse Ahrweiler, Biomasse-Masterplan des Kreises und einer Vielzahl von Kennzahlen) wurden im Hotel Krupp jetzt verschiedene Szenarien für den Landkreis Ahrweiler durchgespielt. Diese berücksichtigen von Gebäudesanierung über Elektromobilität, Windenergie, Nutzung der Bio- und Grünabfälle sowie die Senkung der Verkehrszahlen alle wesentlichen Aspekte. Diese Szenarien-Erstellung zeigte, an welchen Stellschrauben eigentlich für eine Energiewende gedreht werden muss.

Welche Flächen brauchen wir?

„Und vor allem, welche Flächen wir dafür brauchen,“ konkretisierte Schlagwein. Berücksichtigung fanden in dem realistischen Szenario auch die neuesten planerischen Grundlagen (Windenergieerlass, Landesentwicklungsprogramm IV). Bereits vor sechs Jahren untersuchte Schlagwein die möglichen Energiesparpotenziale im Kreis Ahrweiler. Auf Grundlage des damals entstandenen Papiers „Der Weg in die SolAHRregion“ wurde der Landkreis Ahrweiler seinerzeit als Starterregion im Deenet-Projekt „100-Prozent-Erneuerbare-Energie-Regionen“ aufgenommen. „Heute gibt es im Kreis viele gute Einzelprojekte, aber konzeptionell ist man kaum über die damaligen Betrachtungen hinausgekommen,“ resümierte Wolfgang Schlagwein, Solarpreisträger 2010. „Wir sind immer noch Starterregion, und die Anderen schlafen nicht,“ so Schlagwein weiter. „Der Anteil erneuerbarer Energien liege bei uns weiter unter dem Durchschnitt von 22 Prozent der Stromerzeugung“. Wichtig ist Schlagwein die Entwicklung „von unten,“ beispielsweise in Form von Bürger-Energiegenossenschaften und über Gemeindegrenzen hinweg. Im Landkreis Starnberg haben alle Kommunen einen gemeinsamen Flächennutzungsplan (FNP) für Windenergie erstellt - unter Regie des Kreises. Die Energieversorgung kehre so auf die Flächen zurück. Und Energiewende heiße, diese Flächen auch bereitzustellen. Der Rhein-Hunsrück-Kreis hat dies im Bereich der Stromerzeugung bereits geschafft und speist über den Eigenbedarf hinaus Strom in das öffentliche Netz ein.

Energieverteuerung

Die deutliche Energieverteuerung und die absehbare Verknappung tut ihr Übriges. „Bis 2050 müssen wir weg sein vom Erdöl aus Arabien oder Gas aus Sibirien,“ ist der Weg für Wolfgang Schlagwein zwingend notwendig. Nicht nur wegen der hohen Wertschöpfung aus und für die Region, sondern auch wegen der langen Transportwege und der massiven ökologischen Auswirkungen der Erdölförderung. Im Kreis Ahrweiler würden zwei Prozent der Kreisfläche für Windräder reichen, um einen erheblichen Anteil des bis dahin halbierten Energieverbrauchs zu sichern, so Schlagwein. Dr. Josef Meyer wünscht sich hierbei eine Konzentration auf etwa drei Standorte. „Allein auf der Ostseeinsel Fehmarn gibt es 144 Windräder, und die Touristen kommen weiter,“ sind diese Anlagen nach Überzeugung des Sinziger Stadtratsmitglieds Klaus Hahn längst nicht so abschreckend, wie sie besonders von Gegnern oft dargestellt werden. Hierfür bedürfe es auch eines Gewöhnungs- und Sensibilisierungsprozesses, war sich die Mehrheit in der Runde sicher. „Die Flächen für die Energiewende und damit für eine sichere und relativ preisgünstige Energie bereitzustellen, ist Aufgabe der Kommunen - so, wie sie diese jahrzehntelang ja auch für Bau- und Gewerbegebiete ganz selbstverständlich bereitgestellt haben,“ so Wolfgang Schlagwein weiter. Die vorgestellten Szenarien sollen nun in weiteren Runden vertieft werden. Interessierte und Bürger sind eingeladen, daran mitzuwirken.

Licht am Horizont

Und es gibt Licht am Horizont. Der NABU habe, so Richard Fuchs, kürzlich in Brohl mit Kommunalvertretern diskutiert und durchaus eine Tendenz erkannt, sich zusammen zu tun. „Es geht auch um Geld, und hier muss ein Ausgleich geschaffen werden“, betonte Fuchs - Geld, das in der Region bleibt. Matthias Heeb, Grünen-Kreisvorsitzender und Mitglied des Grafschafter Rates teilte mit, dass auf der Grafschaft der Bau einer Hackschnitzelheizung zur Energieversorgung von Behörden, Schulen und Kindertagesstätten beschlossen ist und die Mittel im Haushalt eingestellt sind. Dr.-Ing. Bert Droste-Franke von der Europäischen Akademie schließlich berichtete, dass derzeit die „Definitionsphase“ für ein Projekt beginnt, in dem verschiedene Akteure die Grundlagen für ein Energiekonzept auf regionaler Ebene erarbeiten und die Strukturen hierfür untersucht werden sollen. An dieser Innovationsgruppe, die in nächster Zeit zusammengestellt werden soll, so Dr. Droste-Franke weiter, seien Praktiker und Wissenschaftler beteiligt.

Auch Dr. Pföhler dabei

Positiv bewerte auch Landrat Dr. Jürgen Pföhler diese Aktivitäten, er habe seine Mitarbeit hieran ebenfalls zugesagt. Dieses Projekt begrüßten Wolfgang Schlagwein und Johannes Fuhrmann, Mitglied im Altenahrer Verbandsgemeinderat, übereinstimmend. Der Kreis müsse „die Gemeinden und seine 127.000 Einwohner mitnehmen.“ -Willi Tem,pel -

Der Energie-Vortrag beeindruckte die Teilnehmer. Foto: wite

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