Ein Blick in die Geschichte von Werner Fußhöller
Das Heiligenhäuschen „em Braunsbärechwääch“
Brohl.Es war die Volksfrömmigkeit, welche die überwiegend katholische Bevölkerung dazu bewog, ihre Fluren durch Flurkreuze oder Kapellen zu zeichnen. Im Jahreslauf hieß es an den Bitttagen oder auch am Markus-Tag mit einer morgendlichen Prozession den Segen Gottes und die Fürsprache der Gottesmutter Maria für eine gute Ernte, Schutz gegen Viehseuchen oder sonstige irdischen Anliegen, zu erbitten. Diesem Brauch wurde in Brohl noch bis in die 60er Jahre nachgegangen. Auch wurden die Kapellen und innerörtlichen Bildstöcke bei den sogenannten „sieben Fußfällen“ anlässlich eines Sterbefalles auf dem Weg durch den Ort eingebunden. So war auch das „Heiligenhäuschen“ auf der Ecke Braunsbergweg – Lützinger Straße bereits seit 1856 Anlaufpunkt für die gläubigen Einwohner und Zufluchtsstätte zum besinnlichen Verweilen. Nach den Archivalien entstand der schlichte Bau als Ersatz für eine ältere Kapelle. Folgt man einer dienstlichen Meldung des Polizeidieners und gleichzeitig auch Wegewartes Joseph Thiel an die Bürgermeisterei Niederbreisig vom 30. November 1855, war das „Heiligenhäuschen, stehend am Lammertals-Weg in der Gemarkung Brohl, dem Einsturz (be)droht“. Weiterhin wies er bei seiner Meldung an den Bürgermeister Ehser in Niederbreisig darauf hin, dass die Kapelle eine Gefahr für Mensch und Leben darstelle und es ratsam wäre „… wenn dessen Abbruch sofort und natürlich die desfallsige Wieder-Erbauung anfangs künftigen Frühjahrs bewirkt würde“.
Ein gefällter Baum sollte die Kosten decken...
Damals wie heute waren Linden eine Zier im Umfeld der Kapelle. Der Verkauf des Stammes und des Trassaushubs, denn man befand sich in der Flur „Auf der Trasskaul“, sollte die Baukosten abdecken, so die Aussage des Polizeidieners. Sogar ein Überschuss sollte für die Gemeinde herauskommen. Unter diesen Vorzeichen beschloss der Brohler Rat in seiner Sitzung am 10. Januar 1856 „… den Baum zu versteigern und aus dem Erlös ein neues Heiligenhäuschen im kommenden Frühjahr zu erbauen!“ Auch wenn der Brohler Ortsvorsteher und Schmied Johann Josef Reuter und die beiden Ackerer Stefan Drolshagen und Johann Klee dieses protokollierten, kam alles anders. Dass der „Traßbaron“ Dominicus Zervas nicht nur ein Wohltäter war, sondern auch ein harter Kaufmann, zeigt bereits das Ergebnis der Veräußerung des Baumstammes. Er zahlte nur elf Taler für den Stamm. Auch musste Bürgermeister Ehser die Brohler an ihren Beschluss erinnern und gab die ultimative Anweisung, das Umfeld der Kapelle wieder passierbar zu machen und umgehend das Heiligenhäuschen „in einfacher und bescheidener Weise erbauen zu lassen, was aber nicht über den Erlös des Lindenbaums hinaus kosten darf“. Trotz „eingegangener freiwilliger Beiträge“ in Höhe von zehn Taler und der Summe durch den Verkauf des Baumstammes können die Herstellkosten und Materiallieferungen für die Maurerarbeiten durch den Maurer Wintheuser, die Schieferlieferungen durch den Brohler Kaufmann Brenner und die Ausführung der Dacheindeckung durch den Dachdecker Lessenich aus Niederbreisig, in Höhe von 27 Taler, 24 Gr. und sechs Pfennig bei Weitem nicht gedeckt werden.
Unbedingter Erhalt der Linden
So war es ein folglicher Schritt vom Rat der heutigen Gemeinde Brohl-Lützing, nachdem sich im Herbst 1984 einstimmig!! für den unbedingten Erhalt der drei fast 130 Jahre alten Linden ausgesprochen wurde, das Heiligenhäuschen unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Dies geschah auch dann durch eine Rechtsverordnung vom 13. September 1985. Damals wie heute fanden sich immer wieder gläubige Familien aus dem Umfeld, welche sich der Kapelle annahmen und für Sauberkeit und Ausgestaltung Sorge tragen.
Ein Ort der Ruhe
Auch bot die Kapelle einen Ort der Ruhe, wo man im Anblick der „Mater Dolorosa“ sich zum Gebet sammelte und Hilfe in irdischen Anliegen erhoffte. Viele Votiv-Tafeln an den Wänden zeugen von der Erhörung ihrer Gebete. Nach einer in den 1960er Jahren von privater Seite initiierten Teilrenovierung der in den Jahren stark gelittenen Kapelle nagte der Zahn der Zeit an der Bausubstanz und bedingt durch die Neuanlegung des Bürgersteiges und einer fehlenden Isolierung und Drainage stand das Mauerwerk unter ständigem Wassereinfluss. Die Feuchtigkeit und das die Kapelle unterwuchernde Wurzelwerk der verbliebenen zwei Linden führte dazu, dass sich die Kuratoren der Winkelhaus-Stiftung zu einer grundlegenden Renovierung unter Hinzuziehung eines in der Denkmal-Pflege erfahrenen Architekten im Jahre 2009 annahmen.
Tiefe Bestürzung über die Fällung der Linden
Tiefe Bestürzung jedoch brachte die Beseitigung der die Kapelle so prägenden Linden mit sich. Ob der Erhalt der alten Linden nicht unumgänglich war, sollte von dieser Stelle nicht weiter kommentiert werden. Durch die Neugestaltung, teilweise auch unter Einbringung privater Helferstunden, erscheint das Heiligenhäuschen heute, besonders mit der Aufarbeitung des über 100 Jahre alten Fliesen-Mosaiks in Gestalt eines Medaillons des Lamm Gottes wieder in neuen Glanz. Bleibt nur zu hoffen, dass das „Heilejehäusje em Braunsbärechwääch“ den Gläubigen nochmals 150 Jahre erhalten bleibt und die neu gepflanzten Linden ebenfalls diese Zeit überdauern.
Werner Fußhöller
Die „Mater Dolorosa“ – in einer Figurennische. Foto: privat
Fliesen-Teppich mit der Darstellung des „Lamm Gottes“. Foto: privat
