„Mensch Luther“ im Kulturbahnhof Bad Breisig
Den Reformator menschlich näher gebracht
Bad Breisig. Dass Martin Luther ein großer Reformator war, ein fanatischer Verfechter der Wahrheit und Erneuerer des Christentums,
authentischer Übersetzer der Bibel - wer weiß das nicht. Aber - wer war Luther als Mensch, der Mann, der die päpstliche Unfehlbarkeit anzweifelte, der den Ablasshändlern die Zähne zog, der die Sakramente (bis auf Taufe und Abendmahl) abschaffte, der das Abendland auf den Kopf stellte und damit auch so manche blutige Auseinandersetzung auslöste, letztlich sogar den Dreißigjährigen Krieg? Wer war Luther, wie war seine Zeit, der Nährboden, auf dem seine kämpferischen 95 Thesen gegen den Ablasshandel sich auch ohne moderne Medien so blitzschnell verbreiten konnten? Wer waren seine Gegner, die ihn „Ketzer“ nannten, seine Freunde, seine Ehefrau mit Familie, wie war die Welt rund um Luther im 16. Jahrhundert? 530 Jahre nach Luthers Tod wagt sich ein Theater - Ensemble („Ensemble Kolorit“) daran, Mensch, Familie und Leben Luthers, die Leistung des großen Sozial- und Kirchenreformators in einem unterhaltsamen Kabinettspiel den Menschen näher zu bringen. Im Saal des Jugend- und Kulturzentrums Bad Breisiger Bahnhof war kaum ein Platz frei, als das vierköpfige Ensemble die Zuschauer in die Studierstube Luthers entführte. Barocke Polyphonie vom kunstvoll gespielten Piano von Thomas Volk begleitet die Erklärungen des Erzählers Alexander Fabisch, wie der Augustiner-Mönch Martin Luther (Horst Flechsig) in seinen Studien zu revolutionären Erkenntnissen kommt: Zum Teufel mit dem unsinnigen Ablasshandel, mit dessen Erlös der Papst seinen protzigen Petersdom bauen will. Spottvers: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ Der Maler Lucas Cranach, der den Reformator portraitieren will, bekommt dessen Unmut zu spüren. Auch die Kritik an dem Aufstand Thomas Münzers und dessen Bauern: Die haben wohl Details der Aufklärung in den falschen Hals bekommen. Martin Luther fühlt sich für die schrecklichen Folgen verantwortlich. Gregorianische Gesänge in Latein zeugen von der Sprachbegabung im Hause Luther. Neben Latein spricht er Hebräisch und Griechisch. Und er ist akribischer Verfechter der reinen deutschen Sprache. Inzwischen ist Katharina von Bora (Rotraud Denecke), die in Heringsfässern aus dem Kloster geflüchtete Nonne, in sein Leben getreten; sie wird ihm als Ehefrau drei Jungens und drei Mädchen gebären, von denen mindestens zwei früh qualvoll sterben. Die Darstellerin hat eine bemerkenswerte Sopranstimme, und sie macht als Katharina mit Luthers Kirchenliedern und seiner oft satirischen Denkweise bekannt. Sprüche wie: „Hüte dich vor Katzen, die vorne lecken, hinten kratzen!“ Oder: „Die großen Herren und die Reichen sind des Teufels Leckerbissen.“ Im Hause Luther wird viel gesungen. Der Reformator liebt die Musik - sie ist wichtiges Element zur Verbreitung seiner Botschaft. Er komponiert tief gläubige Kirchenlieder, die heute noch gesungen werden. Eines stellen die Protagonisten mehrstimmig vor: „Ein neues Lied wir heben an.“ Und fröhlich getanzt wird bei Familie Luther. Von authentischer Pianomusik der Zeit begleitete Schreittänze wie die Gavotte, Bourée oder Pavane. Hübsch anzusehen und typisch für die gehobene Lebensart bei Luthers.
Aber auch die für seine Zeit klare Einstellung des Reformators: „Gut, dass Gott den Ehestand eingerichtet hat, sonst läge der Hausstand danieder!“ Und: „Die Frau weiß, was sie will, der Mann weiß, was er tut.“ Der kluge Freund Philipp Melanchthon tritt in Martin Luthers Leben. Er ist dessen glühender Anhänger und Verehrer, aber auch dessen Korrektor. Der Reformator pfeift ihn zurück: „Luther hat die Bibel korrekt übersetzt, Melanchthon soll die Leute lehren, sie zu lesen!“ Warum die Übersetzung so unverfälscht ist: „Ich habe in der stillen Kammer auf der Wartburg um jedes Wort gerungen.“ In diesem Zusammenhang ist Luthers Auftritt vor dem Wormser Reichstag wichtig: „Ich nehme nichts zurück. Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Aber trotz Verfolgung des als Ketzer exkommunizierten Mönchs: „Gott ist ein Gott der Gnade und nicht der Strafe !“ So übersteht der große Reformator auch harte Zeiten, und - wie der Erzähler, angekommen im 21. Jh., resümiert: „Es ist ein riesiger Mythus um die Person Luther entstanden.“
Die Reformation wird ein Selbstläufer, trotz Kirchenbann und Verfolgung. Lang andauernder Beifall für die schauspielerische Leistung des toll spielenden Ensembles, das uns den „Mensch Luther“ ein wenig näher gebracht hat.
