Farbe, Rausch und kreativer Strom
Vier Künstler bespielten mit „Rotwein Weinrot“ den Jugend- und Kulturbahnhof
Bad Breisig. Ein Titel wie eine Verheißung: „Rotwein Weinrot“ war die Ausstellung überschrieben, die Anne Stilper, Rainer Hess, Tim Hippmann und Wolfgang Kutzner im Jugend- und Kulturbahnhof zeigten. Zweimal liefen unter diesem Motto, das als Vorstellung ins Blut geht und zu Kopfe steigt, bereits Präsentationen an der Ahr, bevor die Künstler es nun erneut zur Marke ihrer rund 120 neuen Arbeiten am Rhein machten. Die Farbe, der Rausch, Kunst als kreativer Strom, der die Sinne wach ruft und Gedanken freisetzt - all das wurde spürbar in der vielfältig ausgeloteten Bilderschau. Dazu passte, dass Doris Eckert bei der Vernissage am Monochord, einer indischen Harfe, für meditativen Klang sorgte. Rot sehen -- das fällt dem Mayschosser Künstler und Weinbauer Hess leicht. Impressionen am Rebhang einsaugend, den Stimmungen in der Natur und dem Widerhall im Seelengrund nachspürend, verwandelt er alles in Farbe und Strukturen und vermalt sogar echten Wein. Wichtiger aber ist bei seinen von Rot dominierten Arbeiten die Bewegung. Sie bringt zwischen fest und flüssig, konzentriert und raumgreifend, innere und äußere Welten zusammen. Da stocken imaginäre Topografien zu rot-weiß-schwarzen „Weinlandschaften“, benebelt ungarischer „Cimbora“ einen rosa Dunstraum und löst „Seoul II“ auf großer Leinwand ein unaufhörliches Rinnen aus. Letzteres lässt sich unschwer assoziieren mit dem Fluss des Lebens. Tränen und Glücksgeriesel bahnen sich über Konflikt-Sedimente, über verhärtete Zonen und verblichene Gefühls-Areale ihren Weg, beschreiben die biografische Leinwand ständig neu. Ihre besondere Wirkung verdanken die Arbeiten von Hess nicht zuletzt seiner speziellen fortwährend ausdifferenzierten Mischtechnik. Kutzner aus Staffel im Kesselinger Tal befeuerte die Ausstellung mit glutvoller Farbfeldmalerei, etwa dem spannenden Hochformat „Barrique“ und Kompositionen, deren faszinierende Rot-Grün-Farbskala er von der pompejanischem Mysterienvilla abgeleitet hat. Seit Jahren beschäftigt ihn die antike Wandmalerei, die er auf ganz eigene Art immer wieder in Szene setzt. Wie dies neben großformatigen Wandgestaltungen und auftrumpfend farbigen Gestaltungen auch verhalten und ungemein sensibel gelingen kann, zeigt das kleine in Acryl auf Holz gemalte Bild „Vino 2011“. Zwischen hell-dunklem Grau-Gesprenkel mit lila Tupfen, ein Farbfond, aus dem eisblumenartige Dekore erwachsen, sind halb versteckte Eroten auszumachen, die sich, scheinbar losgelöst von Zeit und Raum, dort tummeln. Erstmals befruchten zwei getrennte Werkgruppen einander: Figuren dringen ins geometrische Gefüge der Farbflächenbilder ein. In der „Bacchantischen Szene“, einer wie mit flüssig Blut gemalten Papierarbeit, geben sich die Protagonisten lustvoll dem Trunke und der Lebensgier hin. Rot-schwarz getuschte Zeichnungen komprimieren dagegen den Überschwang auf wenige gleichwohl poetisch grundierte Linien. Anne Stilper und Tim Hippmann bedienen innerhalb des Weinthemas nostalgische Sehnsucht. Die Werke entstehen in einem selbstentwickelten Druckverfahren auf beschichteten Holzblöcken. Für die originellen künstlerischen Bild- und Schriftmontagen greift das Design- und Künstlerduo mit seiner Agentur DAC -- Design am Chiemsee ins große Motivreservoir alter Postkarten und gemeinfreien Bildmaterials. Nicht allein gekonnte Farbregie und geschickt komponierte Text- und Bildelemente überzeugen. Es sind vor allem jene der Versatzstücke-Kombination entspringenden Botschaften, welche frappieren und erheitern. Etwa, wenn zum lateinischen Spruch „Aquam foras, vinum intro!“ (Wasser raus, Wein rein) ein moppeligerBacchusknabe von Renaissancemaler Guido Reni in schöner Gleichzeitigkeit selbstvergessen trinkt und pieselt. Andere Liebhaber des vergorenen Regensaftes erwärmten sich für Traubendrucke in unterschiedlichen Farbfassungen, amüsierten sich über den „Flaschenöffner“, ein Mann, welcher verdrießlich bemüht ist, seinen Finger aus dem Flaschenhals zu drehen oder dekorativ gesetzte Sinnsprüche. An denen war kein Mangel. Zu lesen war etwa „Am Rausch ist nicht der Wein schuld, sondern der Trinker“ sowie /“///Rotwein//ist für alte //Knaben//eine von den besten Gaben“. Beherzigenswert, weil aktuell wie eh und je ist ohne Frage auch Goethes Einsicht „Das Leben ist zu kurz um schlechten Wein zu trinken“. HG
Das Haus des Winzers“ von Wolfgang Kutzner lebt von der Vielfalt malerischer Akzente.
