St. Pius geht in die Knie, etliche Elemente der Kirche finden wohl keine neue Heimat
Als Erinnerung ein Ziegelstein vom Turm
Ahrweiler. Es ist ein Jammer, finden viele Menschen. Dass die nach der Flutkatastrophe schwer beschädigte Kirche St. Pius abgerissen wird, folgt einem Beschluss. Der Abriss sei nicht zu verhindern gewesen, heißt es seitens der Kirchengemeinde, für eine Sanierung fehle das Geld. Begonnen hat die Abtragung der 2025 profanierten St.-Pius-Kirche mit Dacharbeiten. Der geplante Abrisstermin des Glockenturmes wurde noch ein paar Tage verschoben, bis am Montag, 27. Juli, das Bauwerk fiel. Was vom Turme blieb, sind ein Haufen Ziegelsteine, ein paar davon noch miteinander verbacken, und obenauf thront ein Bagger. Das hat etwas Martialisches.
Ein Fahrradfahrer stoppt, steigt ab, geht langsam auf den Arbeiter zu, der dabei ist Steinbrocken und Staub zusammenzukehren. Ob er einen Stein nehmen darf, fragt er. Der Arbeiter gestattet es. Was mag der Radfahrer damit vorhaben? Der Abbruchhaufen lässt ihn Jahrzehnte zurückdenken: „Mein Vater hat den Turm gebaut.“ Und mehr noch, er, der Sohn des Bad Neuenahrer Bauunternehmers Gregor Steinborn, war dabei, als es hieß die Schalllöcher, durch die Tauben einflogen, mit Draht abzusperren. Rückblickend auf die tolle Jugendarbeit, die sie in St. Pius erlebte, erbittet sich auch eine Passantin zwei Steine.
Leider hat die Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler nicht transparent kommuniziert, was mit allen Inventargegenständen der Kirche passiert ist oder noch passieren soll. So stehen im Altarbereich etwa noch Tabernakel, Ambo und Holzkreuz, aber ohne die zuvor vorhandenen Bronzeelemente. Der Maler und Bildhauer Titus Lerner aus Spessart im Brohltal hatte genau das im Vorfeld befürchtet. Er steuerte vor Jahren ein von ihm 1983 gestaltetes Terracotta -Wandrelief zum Inventar bei. Von einer Bekannten auf den nahenden Kirchenabriss hingewiesen, holte er das Kunstwerk, das er seinerzeit auch eigenhändig angebracht hat, ab. Die Initiative zu dieser Stiftung ging nicht von ihm aus, sondern, so Lerner „ von Rainer Müller, damals engagiertes Gemeindemitglied auch in Sachen Partnerschaft Südamerika aus, er hatte es bei mir gesehen“.
Als der Künstler während der Abholung die sakrale Kunst im Altarraum sah, sorgte er sich, dass man die gut verkäufliche schmelzbare Bronze aus dem Stein brechen werde. Dabei bildeten Stein- und Bronzeelemente eine Einheit. Sie seien so vom Entwerfer Ernst Alt konzipiert und von den Künstlern Rudolf Kniel (Steinarbeiten) und Friede Classen (Bronzereliefs und Kruzifix) ausgeführt worden, was Absprachen erforderte. „Ich erkenne hier eine Art Bauhüttenmentalität“, erklärt Lerner. „So etwas kann man nicht einfach zerschlagen, kritisiert er: „Die Kirche verbaut sich ihre Zukunft, wenn sie ihre Kunst zerstört, eine Instinktlosigkeit, insbesondere im Ahrtal mit seinem Verlusttrauma.“
Verlust macht traurig, will verwunden werden. Aufklärung hilft dabei. Aber gerade die weist empfindliche Lücken auf. Eine ausführliche Auskunft darüber, welche Zukunft für die sakrale Innenausstattung vorgesehen ist, welche Möglichkeiten angedacht sind und welche Argumente für welche Lösungen sprechen, erwarten nicht nur ehemalige Pfarrmitglieder, sondern auch Kunstliebhaber und Bürger, womöglich auch die Nachfahren der beteiligten Künstler.
Manche Fragen sind noch offen, zum Beispiel auch für symbolträchtige Elemente: Wurde der Kirchturmhahn an der Spitze des niedergelegten Turmes gesichert? Hat man Vorsorge für das Kreuz am First der Kirche getroffen? Warum wurde das Verwertungsrecht auf die mit Kupferblech beschlagenen Kirchentüren der Abbruchfirma übertragen? HG
Das Ende eines Glockenturms. Foto:HG