Wärmewende an der Mittelahr
Nahwärmeprojekte in VG Altenahr: Innovative Wärmenetze nach der Flut
aus Altenahr
Netzwerkpartner fordern Bürokratie-Abbau bei der Wärmewende und richten konstruktiven Appell an Staatssekretärin Simone Schneider
Dernau / VG Altenahr. Einen Tag nach dem emotionalen und schmerzvollen fünften Jahrestag der Flutkatastrophe kamen in Dernau die Akteure der regionalen Nahwärmeprojekte der Verbandsgemeinde Altenahr zusammen. Das Netzwerktreffen unter dem Motto „Innovative Nahwärmeprojekte im Ahrtal“ machte deutlich: Die Menschen an der Mittelahr vergessen die Opfer und das Leid der Flutkatastrophe von 2021 nicht – möchten aber auch nicht ständig auf das unveränderbare Geschehen zurückblicken. Vielmehr blickt die Region mit Mut, Entschlossenheit und sichtbarem Stolz beim Aufbau ihrer Wärmeversorgung nach vorne.
Die mit der Region eng vertraute Staatssekretärin Simone Schneider (Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Energie und Klima in RLP) eröffnete das Netzwerktreffen und betonte dessen Bedeutung: „Die Flut hat viele Menschen im Ahrtal vor enorme Herausforderungen gestellt. Umso bemerkenswerter ist, mit welchem Engagement die Kommunen und die Bürgerinnen und Bürger neue Wege gegangen sind. Die entstehenden Wärmenetze zeigen, wie der Wiederaufbau genutzt werden kann, um zugleich Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Zukunftsfähigkeit zu stärken. Die Erfahrungen aus dem Ahrtal liefern wichtige Impulse für die Wärmewende weit über die Region hinaus.“
Rainer Metzen, Beigeordneter der Verbandsgemeinde (VG) Altenahr, ging auf die Bedeutung des Veranstaltungstages ein: „Wir wollen und werden das Erlebte niemals vergessen. Aber wir wollen den Blick wieder bewusst nach vorne richten. Aus dem schmerzhaften Tiefpunkt unserer Geschichte ist etwas entstanden, das weit über den reinen Reparaturbetrieb hinausgeht. Statt im Zuge des Wiederaufbaus die fossile Abhängigkeit von gestern wieder einzubetonieren, nutzen die Ortsgemeinden die aufgerissenen Straßen als Hebel. Wo immer Kanäle oder Leitungen gelegt werden, wird die Wärme der Zukunft direkt mitgedacht.“
Ein Satz auf dem Briefpapier der Ortsgemeinde Hönningen, aus der Beigeordneter Rainer Metzen stammt, bringt diese selbstbewusste Haltung auf den Punkt: „Eine Region, die nicht weiß, was sie will, muss nehmen, was sie bekommt!“ „Wir an der Mittelahr wissen genau, was wir wollen: eine sichere, nachhaltige und autarke Zukunft für unsere Kinder“, so Metzen weiter.
Ein zentraler Aspekt des Treffens in Dernau ist das gemeinsame Verständnis, dass die Wärmewende an der Ahr kein Flickenteppich aus Einzelprojekten sein darf. Die Projektmitarbeitenden an der Mittelahr sind hervorragend vernetzt: Sie tauschen sich kontinuierlich aus, teilen Fehler, Erfolge und technisches Wissen miteinander.
In Marienthal läuft bereits seit 2022 ein mit Biomasse und Solarthermie betriebenes Nahwärmenetz. Rech setzt dagegen auf eine kalte Variante mittels oberflächennaher Geothermie, die kontinuierlich erweitert wird. In Altenburg ist die technische Infrastruktur eines weiteren oberflächennahen geothermischen Wärmenetzes weitgehend umgesetzt. Gleichzeitig schreiten die Arbeiten an den Biomasse- und Solarthermie-Wärmenetzen in Dernau und Mayschoß voran, während in Liers (Ortsgemeinde Hönningen) ein ebenfalls oberflächennahes, geothermisches und rein bürgerschaftlich getragenes Nahwärmenetz entsteht.
Inzwischen bieten die realisierten und geplanten Wärmenetze in der VG Altenahr Anschlussmöglichkeiten für über 1.100 Gebäude. Damit ist an der Mittelahr weit mehr entstanden als nur der Ersatz zerstörter fossiler Heizungsanlagen. Die Region zeigt, wie eine klimafreundliche Wärmeversorgung auch im ländlichen Raum gelingen und wie der Wiederaufbau genutzt werden kann, um die Energieversorgung zukunftsfähig und resilient aufzustellen.
Aus dem einstigen Katastrophengebiet ist so in den vergangenen fünf Jahren dank hochgradig engagierter, ehrenamtlicher Projektmitarbeitender ein vernetztes Kompetenzzentrum für Wärmeversorgung im ländlichen Raum geworden, das sein Wissen mittlerweile an Kommunen in ganz Deutschland weitergibt. Dieser Status wäre in dieser kurzen Zeit ohne die Unterstützung durch die Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz (EKA.rlp) nicht möglich gewesen. Dies gilt umso mehr, da die Nahwärmeprojekte zwar durch die Flutkatastrophe initiiert wurden, rechtlich jedoch nicht als „Wiederaufbau“ gelten, da sie vor der Flut nicht existierten – ein entscheidendes Detail bei der Beantragung von finanziellen Förderungen.
Die Energie- und Klimaschutzagentur begleitet die Projekte seit den ersten Planungen nach der Flut fachlich und organisatorisch. „In den vergangenen fünf Jahren ist es gelungen, aus ersten Ideen und lokalen Initiativen konkrete Wärmeprojekte entstehen zu lassen. Möglich wurde dies durch das Zusammenspiel vieler engagierter Akteure vor Ort sowie die Unterstützung durch Land, Bund und Europäische Union“, sagt Paul Ngahan, Leiter des Referats und Kompetenzzentrums Nahwärme bei der Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz.
Trotz aller Erfolge wurde auf dem Treffen auch Klartext gesprochen. Unisono adressierten die ehrenamtlichen Projektleitenden konstruktive Kritik an die Staatssekretärin, die diese Impulse aus der Praxis offen und dankbar annahm. Die deutliche Botschaft von der Mittelahr: Die bürokratischen Hürden, langwierige Genehmigungsprozesse und starre Förderrichtlinien (wie etwa beim Klimaschutzprogramm KIPKI) bremsen die ohnehin stark belasteten Ehrenamtlichen und ihre Projekte unnötig aus. Hier hoffen alle Projektmitarbeitenden auf spürbare Veränderungen.
Über die Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz (EKA.rlp):
Die EKA.rlp unterstützt Kommunen sowie Bürgerinnen und Bürger in Rheinland-Pfalz bei der Umsetzung von Aktivitäten zur Energiewende und zum Klimaschutz. Sie wurde 2012 als Einrichtung des Landes gegründet und informiert unabhängig sowie produkt- und anbieterneutral.
Für die Verbandsgemeinde Altenahr begrüßte Beigeordneter Rainer Metzen (oben li.) die Gäste. Foto: Thorsten Trütgen / VG Altenahr
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