Gedenkfeier der anderen Art in der Umweltlernschule im Abfallwirtschaftszentrum des Kreises in Niederzissen
„Bau, Ingenieure und Kommunen müssen zusammenrücken“
Kreis Ahrweiler. Es war eine Gedenkfeier der anderen Art. Unter dem Thema „Nachhaltigkeit, Klimaanpassung und Resilienz im Wiederaufbau drei Jahre nach der Flut im Ahrtal“ traf in der Umweltlernschule des Kreises im Abfallwirtschaftszentrum des Kreises in Niederzissen Praxis auf, Politik, Bürger und Wissenschaft. Gemeinsames Ziel unter Moderation von Eveline Lemke von „Thinking Circular“, einem Partner der von ihr als Mainzer Umweltministerin 2011 eingeweihten Umweltlernschule: „Sich den Herausforderungen stellen.“ Hier eine Auswahlaus den Beiträgen von Ingenieur Marcus Becker, Professor Dr. Lothar Kirschbauer von KAHR, Umweltstaatssekretär Michael Haus aus Mainz und Nachhaltigkeitswissenschaftler Professor Dr. Reinhard Loske, die Stephan Müllers für die Umweltlernschule begrüßte.
Aufgabe für Generationen
So präsentierte Marcus Becker vom gleichnamigen Ingenieurbüro in der Kreisstadt die Cluster Initiative Boden- und Bauschuttmanagement Wiederaufbau Ahrtal. Becker, der sich selbst gerne als „Tiefbaulandarzt“ bezeichnet ist Praktiker durch und durch. Und zieht direkt den Zahn vom „Schnellen Wiederaufbau“. Es sei ein Mehrgenerationen-Projekt, bei dem man aktuell in der Provisorienphase angekommen sei. Es gelte daher Strategien zu entwickeln, „wie bekommen wir das alles gestemmt“. Kein einfaches Unterfangen, denn von den einst zehn kommunalen Ingenieuren seien nur noch zwei im Dienst, „die die Zusammenhänge kennen“. Es sei eine „wahnsinnig große Komplexität zu bewältigen, von der kleinsten Straße bis zum Sportplatz und den vorgesehen 19 Rückhaltebecken im Tal.
Beim technischen Hochwasserschutz gelte es, örtlich auf ein neues hundertjähriges Hochwasser vorbereitet zu ein, überörtlich mit den Becken die Welle zu unterdrücken. Als besorgniserregenden Faktor sieht Becker die Fluktuation im öffentlichen Dienst, denn es gelte das Wissen im Tal zu halten. Daher gehe es neue Formen der Zusammenarbeit zu finden, Nähe unter den Akteuren in der Branche zu schaffen: „Bau, Ingenieure und Kommunen müssen zusammenrücken und Dinge machen, die wirksam sind. So gelte es allein eine Million Kubikmeter Material aus der Ahr nutzbringend zu verwenden. Dafür soll es eine Plattform geben, erreicht durch Transparenz und Gespräche. Denn es gehe unter anderem darum zu klären: „Hier fällt Erde an, dort wird sie gebraucht und hingebracht.“ Hier setzt Becker auf neue Methoden der Informationstechnik aber auch auf Branchentreffs zur Vernetzung, um eine Vertrauenskultur zu schaffen. Sein Werkzeug ist hier eine Art Ticketsystem mit Auftrag, Ziel und Ablauf. Dafür will er ein Treffen der sogenannten Stoffstrommanager arrangieren, vorhandene Plattformen nutzen, die richtigen Leute zusammenbringen.
Neue Organisationsformen
So auch beim „Ersatzbaustoff“ Flüssigboden. Das Material fällt bei der Gewässerwiederherstellung an, kann an einer Station am Bad Neuenahrer Apollinarisstadion aufbereitet werden und als Bodenmörtel, der hart wie Beton wird, beim Aufbau eingesetzt werden. „Das spart weite Wege für den Antransport von Fremdmaterial“, sei das, was beim Aufbau gefragt sei, Recycling pur.
Um solches und anderes zu vereinfachen, setzt Becker auf „inframeta“, eine erst vor Tagen aus der Taufe gehobene Genossenschaft in Gründung, die Tiefbauunternehmen der Region zusammengeführt hat. Da gehe es um eine Plattform für Bauinformationen und auch um ein Baustelleneinrichtungskataster. Durch die Nachhaltigkeit von Informationen soll „doppelte und dreifache Arbeit“ vermieden werden. Dafür brauche es neue Organisationsformen, Kümmern, bürgerschaftliches Engagement und Unternehmenskultur. Am liebsten mit einer Ampel, die den jeweiligen Stand eines Projektes von Rot wie beschlossen über Gelb wie in Arbeit bis Grün wie fertig anzeigt.
Robuste Strukturen
Forderungen für eine Politik mit Zukunft präsentierte Professor Dr. Reinhard Loske. So beim Technologiewandel gleich drei Stufen. Eine „Effizienzrevolution“, die „abfallfreie Kreislaufwirtschaft“ und die „Solarökonomie“ in der „Naturökonomie“. Beim kultureller Wandel setzt er auf das „rechte Maß“ und beim rechtlicher Wandel die „Rechte der Anderen“. Für die soziale Innovationen setzt er auf „Kooperation und/statt Wettbewerb“. Beim Thema institutioneller Wandel will Loske die „Die Rechte der Zukünftigen“ institutionell verankert wissen und setzt bei der Resilienzförderung auf robuste Strukturen. Eben so, wie das Ahrtal es braucht. Denn dort ist Resilienz das Kernthema. GS
