Schnuppertag für Schülerinnen und Schüler in Sachen Berufswahl
Berufe hautnah erleben auf dem „Kompetenztag (Aus-) Bildung“
Gymnasium im Kannenbäckerland bot ergänzendes Orientierungsprogramm
Höhr-Grenzhausen. Sommer 2020. Für viele Jugendliche bedeutet dies das Ende ihrer Schulzeit. Sie befinden sich also gerade auf der Zielgeraden. Danach beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Während einige schon genaue Vorstellungen davon haben, was sie nach ihrem Schulabschluss machen wollen, sind andere sich darüber noch nicht im Klaren. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Angefangen von einer Berufsausbildung oder einem Studium bis hin zu einem dualen Studium oder kooperativen Studium stehen den Schulabgängern weitere Alternativen wie zum Beispiel ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Work and Travel oder ein Jahr als Au Pair zur Verfügung. Auch wenn die meisten derzeit erst mal das Ziel haben, einen guten Schulabschluss zu absolvieren, so müssen sie nun beginnen, die Weichen für ein Leben nach der Schule zu stellen. Damit dies besser gelingen kann, bietet die Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen in Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Schulen seit 2012 den „Kompetenztag (Aus-) Bildung“ an, der am vergangenen Freitagnachmittag in der Mensa des Schulzentrums stattfand. An rund 40 Ständen präsentierten Firmen der Region, aber auch bundesweit agierende Unternehmen mit regionalen Standorten, soziale Einrichtungen sowie unter anderem Fachhoch- und Oberschulen, die Bundesagentur für Arbeit und nicht zuletzt die Verbandsgemeindeverwaltung selbst ihren Berufsalltag sowie die unterschiedlichen beruflichen Wege. Auf der Berufs- und Ausbildungsmesse konnten sich die Gäste eingehend über die Chancen, Möglichkeiten und Inhalte der einzelnen Ausbildungsberufe oder Berufsgruppen informieren.
Warmgasziehschweißen live
Und nicht nur das. Viele Firmen präsentierten kleine Auszüge ihres Arbeitsalltags in Mitmachaktionen oder Vorführungen. Bei Lucas Seuser, Auszubildender bei Steuler, konnten die Messebesucher sich im Warmgasziehschweißen versuchen, welches Ausbildungsbestandteil des Verfahrensmechanikers für Kunststoff- und Kautschuktechnik ist. „Diese Technik wird bei uns im Apparatebau angewendet. Wir bauen im Schwimmbadbau zum Beispiel Behälter. Die mit dieser Technik hergestellten Nähte sind wasserdicht, druckdicht und säurebeständig. Die Besucher können das heute hier selbst probieren. Die beiden Materialien bestehen aus Polyethylen (PE). Wir schweißen mit circa 320 Grad Celsius. Das ist die Temperatur, bei der das Material erweicht. Die Untergrundplatte und der Draht werden leicht flüssig und verbinden sich dadurch.“, gibt Lucas fachmännisch Auskunft.
Beim Blindentisch am Stand der Caritas konnte nachvollzogen werden, wie blinde Menschen arbeiten. Mithilfe der konstruierten Vorrichtung können so Deckel gefertigt werden.
Hervorragende Berufsaussichten
Am Stand des Forschungsinstituts für Anorganische Werkstoffe - Glas/Keramik (FGK) wurden Versuche mit flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius gezeigt. Der Flummi, der normalerweise springt, verliert diese Eigenschaft, wenn man ihn stark unterkühlt. Dipl.-Ing. (FH) Stefan Link, Projektleiter Silikatkeramik und stellvertretender Laborleiter des FGK war mit der Resonanz und dem Zuspruch der Schülerinnen und Schüler an diesem Tag sehr zufrieden. Im Interview mit „Blick aktuell“ gab er Einblicke in die Arbeitsinhalte und Berufsaussichten des Prüftechnologen Keramik. „Wir bilden unter anderem in dem seit knapp zwei Jahren neuen Beruf „Prüftechnologe/Prüftechnologin Keramik“ aus, an dessen Neugestaltung das FGK maßgeblich beteiligt war. Dieses Berufsbild löste den Stoffprüfer Keramik ab, der noch aus dem Jahr 1938 stammte. Mit dem neuen Beruf haben wir diesen etwas aufgepeppt und moderner gemacht, zusammen mit dem Bundesinstitut für berufliche Bildung. Der Prüftechnologe Keramik kontrolliert die Rohstoffe, die Werkstoffe, die man aus Keramik herstellen kann. Das fängt an mit Baukeramik, geht über Sanitärkeramik bis hin zu Teilen, die auf dem gedeckten Tisch stehen. Diese werden alle unter Einwirkung von Temperatur, Schlag usw. sowie hinsichtlich der Eignung für Spülmaschine oder Mikrowelle geprüft. Zum Einsatz kommt dieser Beruf in der Rohstoffindustrie, in Prüflaboratorien und in der Keramik-, Fliesen- und Feuerfestindustrie, aber auch in der Zement- und Natursteinindustrie. Die Berufsaussichten nach der Lehre sind hervorragend. Man kann sich auch weiterbilden und beispielsweise den Techniker machen oder ein Studium anschließen.“, gibt der Experte Auskunft.
Durch ein Praktikum zur Ausbildung
Leon Schughart, Auszubildender bei der Westerwaldbank, repräsentierte sein Unternehmen und stellte den Schülerinnen und Schülern zusammen mit seinen Kollegen einerseits den Ausbildungsberuf zum Bankkaufmann (m/w/d) und andererseits den dualen Bachelor vor. Die Frage, was man so in diesem Beruf macht und wie er selbst diesen Beruf für sich gewählt hat, beantwortete Leon Schughart so: „Das Tätigkeitsfeld ist sehr vielfältig. Dazu gehört die direkte und persönliche Arbeit mit dem Kunden, beispielsweise bei der Kreditvergabe oder in der Anlageberatung. Es gibt ein sehr breites Spektrum an Dienstleistungen und auch Beratungsleistungen. Das finde ich total spannend. Darauf gekommen, dass dies der richtige Beruf für mich ist, bin ich durch einen Freund, der die gleiche Ausbildung absolviert hat. Seine Schilderungen über die Inhalte haben mich sehr interessiert. Ein Praktikum hat mir dann bestätigt, dass dies der richtige Beruf für mich ist.“
GiK bot ergänzendes Orientierungsprogramm
Doch nicht nur der Nachmittag stand im Zeichen der beruflichen Zukunft. Bereits am Vormittag bot das Gymnasium im Kannenbäckerland (GiK) Vorträge für die komplette Oberstufe an. Ein Schwerpunkt war dabei die Aufstellung der Hochschulen sowie die Angebote für die Studierenden an dualen und normalen Studiengängen, die beispielsweise an der Uni Koblenz-Landau angeboten werden oder auch an der Hochschule Koblenz mit ihren drei Standorten. „Wenn man sieht, welche Möglichkeiten die beiden Hochschulen bieten, ist das schon enorm. Wir haben ja vor zwei Wochen eine Kooperation mit der Hochschule Koblenz geschlossen und hatten selbst eine Führung. Ich war beeindruckt, was diese Hochschule alles macht und welchen Ansatz sie grundsätzlich hat.“, so Nino Breitbach, Schulleiter des GiK.
Des Weiteren boten sieben Firmen Einblicke in ihr Unternehmen sowie den Arbeitsalltag und die Ausbildungsberufe und zeigten damit die Bereitschaft, sich nicht nur nachmittags auf dem Kompetenztag (Aus-) Bildung zu präsentieren, sondern in die Schule zu kommen, um die Schülerinnen und Schüler umfassend vorzubereiten. Konstantin Prinz von der Uni Koblenz und Dustin Gries von TV Mittelrhein fanden dabei mit ihren Vorträgen zu ihrer ehemaligen schulischen Wirkungsstätte zurück.
Christina Heim-Cleppien, zuständig für die Studien- und Berufsberatung am GiK gab zu diesem Aktionstag folgende Auskünfte: „Unsere Idee war in diesem Jahr, dass wir als Gymnasium mit dieser Gestaltung des Vormittags die Chance nutzen, uns an die Ausbildungsmesse dranzuhängen. Die Schüler konnten sich im Vorfeld für die Vorträge, die sie interessieren, eintragen und das war eine große Bandbreite. Dabei waren die Hotelakademie, die Bundespolizei und die regionalen Firmen Schütz, Steuler, TV Mittelrhein, WEPA sowie die Westerwaldbank. Die Resonanz war sehr gut. Ich denke, dass der Vormittag und die Ausbildungsmesse den Schülerinnen und Schülern einen guten Blick über den Tellerrand geboten haben, denn viele sind noch auf Schule und Abitur fixiert. Was danach kommt, ist noch nicht richtig im Fokus. Sie erhielten einen Einblick in ihre mögliche Zukunft und können sich Gedanken darüber machen, wozu die Schule eigentlich das Sprungbrett ist.“
Vervollständigt wurde das Programm von Viktor Kurz von den Wirtschaftsjunioren, der nachmittags zweimal ein einstündiges Bewerbertraining anbot, welches jeweils bis auf den letzten Platz besetzt war.
Gute Plattform zur beruflichen Orientierung
So konnten die jungen Besucherinnen und Besucher an diesem Freitag direkt mal ins Berufsleben reinschnuppern und sich durch die Vorführungen und persönlichen Gespräche eine Vorstellung davon machen, womit sie es in ihrem späteren Beruf zu tun haben werden. Die Aussteller gaben bereitwillig Einblick in ihren Arbeitsalltag und ließen ihre vielleicht zukünftigen Arbeitskolleginnen und -kollegen die Tätigkeiten hautnah erleben. Der „Kompetenztag (Aus-) Bildung“ bot auch in diesem Jahr wieder eine gute Plattform, um Kontakte zu knüpfen, sich beruflich zu orientieren oder vielleicht einen Praktikumsplatz zu sichern.
Schülerstimmen:
Der Tag zur Berufs- und Studienorientierung war insgesamt sehr gut. Die Vorträge waren zum Teil witzig gestaltet. Vor allem das Bewerbertraining war klasse. So etwas könnte es an der Schule öfter geben. Die Vorträge der einzelnen Firmen am Vormittag waren auch relativ gut. Allerdings fand ich sie etwas zu ausschweifend. Mir haben kurze, prägnante Erklärungen gefehlt. Die Ausstellung in der Mensa war gut, denn man konnte sich informieren, worüber man wollte, und die Leute waren sehr aufgeschlossen. Hervorzuheben ist auf jeden Fall die große Bandbreite an Firmen.
Mir ist aufgefallen, dass die Firmen, die sich präsentiert haben, sehr gut über alles Bescheid wussten und alles gut erklären konnten. Meine Fragen wurden mir sehr detailliert beantwortet, sodass ich mir beispielsweise ein gutes Bild über eine Ausbildung bei der Polizei machen konnte. Allerdings hätte ich mir gewünscht, mehr zum Thema „Studium“ zu erfahren. Dazu gab es am Nachmittag kaum Ansatzpunkte.
Für mich war der Tag weniger interessant, da ich bereits weiß, was ich nach meinem Schulabschluss machen möchte. Als sinnvolle Ergänzung würde ich es erachten, wenn es einen Stand zur Studienfinanzierung oder dem Ablauf eines Auslandsaufenthaltes geben würde. Für diejenigen, die sich noch nicht sicher sind, was sie nach der Schule machen wollen und vor allem für die, die im Westerwald bleiben wollen, ist die Ausbildungsmesse auf jeden Fall eine gute Möglichkeit sich zu informieren und orientieren.
Ich finde es gut, dass wir so etwas in Höhr-Grenzhausen haben. Da ich nächstes Jahr auf jeden Fall eine handwerkliche Ausbildung beginnen möchte, hat mir der Nachmittag eine gute Möglichkeit gegeben, mich bei den verschiedenen Firmen zu informieren.
Am Stand der Caritas konnten die jungen Leute an einem Blindentisch arbeiten.
Christina Heim-Cleppien und Nino Breitbach vom GiK freuen sich über die hohe Resonanz und das breite Firmenspektrum.
Versuche mit flüssigem Stickstoff veranschaulichten den Beruf des Prüftechnologen.
