Drama auf der Landesbühne in Neuwied
Blackbird – Versuch einer Aufarbeitung
Neuwied. Das aktuelle Stück, ein Schauspiel von David Harrover, heißt „Blackbird“. Erzählt wird die (wahre) Geschichte über den Missbrauch eines 38-Jährigen, begangen an einer 12-Jährigen. Zeitpunkt des Dramas ist jedoch nicht die Zeit der Tat, sondern die Begegnung der beiden 20 Jahre später, als das Mädchen erwachsen ist. Voller Wut begegnet sie ihm wieder, sie sucht und findet ihren Peiniger, der nach der Verbüßung einer mehrjährigen Haft seinen Namen geändert hat, in einer Beziehung lebt und mit offenbar untergeordneten Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt fristet, immer bemüht, seine Vergangenheit unter der Decke zu halten. Die junge Frau – höchst eindrucksvoll gespielt von Marsha Zimmermann – attackiert ihn seelisch und auch körperlich, sie hat nur Verachtung und Zynismus für ihn.
Einst hatte sie ihn, der in der Nachbarschaft der Eltern wohnte, bewundert, für ihn geschwärmt, so wie es Mädchen bei herannahender Pubertät und all ihren geistigen und seelischen „Umbauten“ manchmal tun. Wenn der erwachsene Mann sie beachtet, fühlen sie sich als Teil einer neu anbrechenden Zeit – was sie ja auch sind.
Und er? Er verführt sie, triebgesteuert – oder ist es Liebe?
Der Zuschauer wird mit dieser Frage ziemlich allein gelassen und das nicht ohne Grund. Volker Risch spielt ihn sehr authentisch, den Erwachsenen, der sich hinreißen ließ, ein Kind zu missbrauchen und sich Zeit seines Lebens damit herausredet, dass es ja seine Einzige gewesen sei, dass er sie liebe und mit ihr hätte fliehen wollen, um ein neues Leben zu beginnen. Und nur die Tatsache, dass die „Sache“ nach drei Monaten aufflog und der Arm des Gesetzes zugriff, habe dies alles verhindert.
Dann wird es dunkel, nicht sofort, allmählich verringert sich das Licht im Raum und auf der Bühne, und die immer noch gequälte und nicht bindungsfähige Frau erzählt von den Vernehmungen, den Untersuchungen, dem Gerichtsverfahren, als sie „hinter dem Paravent“ sitzen musste, der Mutter, die sie anschreit... und: „Nie sind wir umgezogen, ich musste all ihre Blicke und das Getuschel ertragen.“
Glückwunsch an Autor David Harrower, Glückwunsch an Regisseur Manfred Langner, Glückwunsch an den Dramaturgen Philipp Matthias Müller, an Marsha Zimmermann und Volker Risch für die hervorragende Arbeit, ein derart sensibles Thema in Szene zu setzen.
Und danke an Intendant Lajos Wenzel für den Mut, ein solches Thema auf die Bühne zu bringen. Lachen ist hier nicht angebracht, Rache und Schadenfreude übrigens auch nicht. Ein Hauch von George Orwells „Gehirnwäsche“ ist spürbar, beider Leben sind zerstört, und der Zuschauer fragt sich, wessen Schuld das wohl ist - die von Una auf keinen Fall.
Die weiteren Vorstellungen sind noch bis zum 22. November. Karten und Informationen gibt es unter www.schlosstheater.de.
Foto: MARCO PIECUCH
