Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte
Bomben statt Weihnachtsfrieden
von Werner Schüller
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Advent 2018! Wie in jedem Jahr bereiten sich die Menschen in den vier Adventswochen auf das Fest der Geburt Jesu, Weihnachten vor. Ja, Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens. Aber wie steht es denn in der heutigen Zeit mit dem Frieden auf der Welt. Fast täglich werden in den Nachrichten im Fernsehen Bilder von zerbombten Städten in Kriegs- und Krisengebieten gezeigt, und es wird über flüchtende Menschen berichtet, die kein Dach mehr über dem Kopf haben. Jüngere, die selbst noch keinen Krieg erlebt haben, sehen dass zwar, aber denken sie nicht eher, das ist ja alles so weit weg? Anders ist es sicherlich bei den Älteren. Sie denken da anders. Denn sie haben den schrecklichen zweiten Weltkrieg mit unendlichem Leid zum Teil noch bewusst miterlebt. Der Krieg hatte auch vor den Toren von verschiedenen Stadtteilen von Bad Neuenahr-Ahrweiler nicht halt gemacht. So waren zum Beispiel bei einem Bombenangriff in Walporzheim am 12. Oktober 1944 auch mehre Todesopfer zu beklagen.
Mit der Überschrift: „Bomben statt Weihnachtsfrieden“ hat die bekannte Winzerin und Walporzheimer Weinkönigin von 1955, Mathilde van Weenen, einen Bombenangriff auf Walporzheim an Weihnachten beschrieben, der zum Glück keine Todesopfer und Verletzte forderte.
„Advent im Kriegsjahr 1944. Die Zeiten waren unruhig und schlecht, aber trotzdem hielten wir es wie in jedem Jahr im Advent. Morgens gingen wir in aller Frühe ins Rorateamt in der Laurentiuskirche nach Ahrweiler. Abends saßen wir oft mit der ganzen Familie in der Küche. Auf dem Tisch brannte dann immer eine dicke Kerze am Adventsgesteck. Wir beteten den Rosenkranz und sangen die schönen alten Adventslieder, und so freuten wir uns alle auf das kommende Weihnachtsfest.
Dann kam der 23. und 24. Dezember. Schnell hatte es sich herumgesprochen, dass unter anderem in Bachem und Ahrweiler Bomben gefallen waren und viele Menschen umkamen. Angst breitete sich aus, auch in unserer Familie. Trotzdem gingen wir am Weihnachtsmorgen noch zur Christmette nach Ahrweiler. Nach der Messe gab es bei der kleinen Bescherung zu Hause für jeden einen Teller mit Plätzchen, Äpfel, Nüssen und ein paar spärliche Geschenke. Die Eltern hatten aber keine Ruhe, und so wurde entschieden, die Wohnung in Walporzheim zu verlassen und Unterschlupf in dem kleinen Winzerhäuschen in unserem Weinberg im Heckenbachtal zu suchen.
Weil Vater etwas gehbehindert war, gingen wir beide schon vor. Mutter wollte noch Essen kochen und dann mit meinen Geschwistern Paul und Angela nachkommen. Nachdem mein Vater und ich im Häuschen angekommen waren, machte er im Kanonenöfchen das Feuer an und schnell wurde der kleine Raum warm.
Während Vater und ich noch zusammen beteten, hörten wir draußen ein Geräusch. Ich stürmte heraus und sah am Himmel schon Kondensstreifen von einem ersten Flugzeug. Vater hatte die Gefahr der Flugzeuge sofort erkannt und schickte mich umgehend ins untere Heckenbachtal, zur Familie Gilles aus Walporzheim, die dort einen Bunker hatte.
Ich kann gar nicht sagen, wie schnell ich herunter gelaufen bin. Ohne die Treppen zu benutzen bin ich mit meinen damals elf Jahren von jeder Weinbergsterrasse zur anderen regelrecht gesprungen, bis ich endlich den schützenden Bunker erreichte. Vater konnte wegen der Behinderung nicht so schnell mit und blieb oben im Häuschen.
Im Bunker war die Familie Gilles versammelt. In einem Körbchen in der Ecke lag das Baby Brigitte und war seelenruhig eingeschlafen. Während wir in dem Versteck noch gemeinsam beteten, schlugen oben schon die ersten Bomben ein. Die mächtigen Schläge und die Erschütterungen waren kaum zu ertragen und die Angst wurde immer stärker. Aber Gott sei Dank blieben wir alle unversehrt. Das war für mich das schönste Weihnachtsgeschenk. Zusammen gingen wir Heim. Aber eine echte Weihnachtsstimmung wollte nach diesem Erlebnis nicht mehr aufkommen.“
Quelle: Gekürzter Auszug aus dem Buch Advent- und Weihnachtsgeschichten aus Bad Neuenahr Ahrweiler. Herausgeber Werner Schüller.
Das kleine Baby aus der Geschichte im Bunker war Brigitte Gilles, verheiratete® Lingen, die sich mit ihren jetzt 75 Jahren freut, dass sie in ihrem Leben keinen Krieg mehr erleben musste. Seit 1945 können alle Deutschen in Frieden leben in der Hoffnung, dass es so bleibt, denn der Frieden ist ein hohes Gut aber auch zerbrechlich wie Glas. Mit diesen Gedanken kann man sich auf das Fest des Friedens, Weihnachten vorbereiten, für den Frieden danken, man soll aber dabei dann auch an die Menschen denken, die noch keinen Frieden haben, gerade jetzt in der Adventszeit.
