Neujahrsempfang des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr: ein Netzwerk für Angehörige und eine Hand für den Einzelnen
Damit das Sterben zu Hause wieder möglicher wird
Remagen. Das „Hallo“ war groß, denn wegen Pandemie und Hochwasser hatte es keinen Neujahrsempfang des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr gegeben. Da er sich als Verein für den gesamten Kreis Ahrweiler versteht und zu den Menschen kommt, „wandert“ er mit seinem Neujahrsempfang. In diesem Jahr lud er nach Remagen ein, wo sich Vertreter aus Politik und Gesellschaft, Ehren- und Hauptamtliche des Vereins und - ausdrücklich auch - andere interessierte Bürgerinnen und Bürger austauschten und musikalischen Beiträgen junger Musikschüler aus Remagen lauschten.
Schwieriger und komplizierter seien die Zeiten in den letzten Jahren geworden, stellte Remagens Beigeordneter Volker Thehos im evangelischen Gemeindehaus fest: „Die allgemeine Stimmung wird zunehmend emotionaler, gereizter und man muss leider auch sagen: aggressiver. Das sind keine guten Voraussetzungen, denn die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft können wir nur gemeinsam meistern.“ Dazu brauche es nicht mehr Spaltung, sondern mehr Verbundenheit, „denn unsere Demokratie ist darauf angelegt, dass wir aufeinander zugehen. Wie Verbundenheit funktioniert, das zeigt der Hospizverein jeden Tag mit seiner Arbeit.“ Dafür dankte Thehos dem Hospiz-Verein Rhein-Ahr ebenso wie der Remagener Pfarrer Johannes Steffens, der sich dafür eines Bildes bediente, genauer gesagt zweier: Auf dem einen Bild eine Hand, die sich am „Dreiecksgriff“ über einem Pflegebett festhält. Auf dem anderen Bild eine Hand, die von einer menschlichen Hand gehalten wird. Steffens: „Da wird die Aufgabe, die Sie erfüllen, ganz deutlich. Nämlich, dass Sie Menschen die Möglichkeit geben, neben den vielen sicherlich auch wichtigen technischen Möglichkeiten, die wir in der Pflege und in der medizinischen Begleitung haben, diesen Halt durch eine menschliche Hand, eine lebendige Hand zu geben.“
Der Hospiz-Verein Rhein-Ahr ist eine Bürgerbewegung ohne institutionellen Träger im Hintergrund, betonte die Vereinsvorsitzende Ulrike Dobrowolny und ging auf das umfassende Aufgabenspektrum ein: „Wir knüpfen ein Netzwerk für das Familiensystem. Unsere Fachkrankenschwestern beraten und vernetzen, unsere Ehrenamtlichen begleiten. Das heißt, sie sind für die Betroffenen und ihre Angehörigen da“.
In Zahlen ausgedrückt: Allein die 74 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter machten im Jahr 2023 1365 Hausbesuche, verbrachten 2735 Stunden bei den Begleiteten und ihren Angehörigen, waren dafür 335 Stunden unterwegs und legten 18639 Kilometer zurück. Die vier hauptamtlichen Koordinatorinnen und Palliativschwestern zählten insgesamt 251 Begleitungen und legten dafür 49117 Kilometer mit dem Auto zurück.
Zum Netzwerk gehört auch das Hospiz im Ahrtal, das der Hospiz-Verein seit 2015 gemeinsam mit der Marienhaus Holding und den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel als Hospiz im Ahrtal gGmbh betreibt. Darüber hinaus hat der Verein im April 2022 die „Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) ins Leben gerufen. Was das bedeutet und für wen es gedacht ist, erläuterte Gabriele Ruggera, die als Geschäftsführerin der Hospiz im Ahrtal gGmbH für SAPV und Hospiz zuständig ist. Sie beantwortete auch die Fragen der Anwesenden. Kurz gesagt: Die SAPV mit ihrem spezialisierten Team aus Pflegekräften und Ärzten arbeitet ergänzend zum Hausarzt und kommt auf dessen Verordnung zum Einsatz, inklusive 24-Stunden-Rufbereitschaft. Das Team kommt dorthin, wo die Menschen leben, und konzentriert sich auf die Kontrolle von Symptomen wie Übelkeit, Luftnot, Schmerzen oder Angst, um den Sterbenden so viel Lebensqualität wie möglich zu erhalten und die Pflegenden - oft die Angehörigen zu Hause - zu entlasten, denn die meisten Menschen wollen zu Hause sterben. Wenn die Versorgung dort aber nicht mehr gewährleistet ist und die Lebenserwartung nach ärztlicher Einschätzung nur noch wenige Monate beträgt, können Sterbende im Hospiz ihr letztes Zuhause finden.
„Wenn man die Menschen nach ihren Ängsten fragt, dann ist die größte Angst, am Ende des Lebens allein zu sein. Hier sind wir alle gefragt“, sagte sie und dankte den anwesenden Politikern aus den Kommunen des Kreises Ahrweiler, darunter mehrere Bürgermeister: „Wir freuen uns sehr, dass sich die Politik immer mehr unserer Bewegung zuwendet und uns auch heute mit ihrer Anwesenheit unterstützt.“ Mit einem Text von Hilde Domin machte sie auch deutlich, dass jeder etwas tun und sich kümmern kann in einer Zeit, in der die professionellen Pflegekräfte weniger werden und es immer schwieriger wird, diese Hilfe auch gegen Geld zu bekommen. Es begann mit den Zeilen „Jeder, der geht, lehrt uns ein wenig über uns selbst. Die wertvollste Lektion am Sterbebett“. Das Gedicht „Unterricht“ weist darauf hin, dass jeder Sterbende an die eigene Sterblichkeit erinnert und dass die Begleitung in der letzten Stunde nicht nur für den Sterbenden, sondern auch für die Existenz und das Leben derer, die ihm beistehen, von Bedeutung ist. Und das kann jeder sein, so Dobrowolny: „Deshalb ist es auch ein Ziel unseres Vereins, dass sich die Menschen wieder trauen, zu Hause zu sterben und ihre Angehörigen zu Hause sterben zu lassen“.
BA
Allein die 74 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter machten im Jahr 2023 1365 Hausbesuche, verbrachten 2735 Stunden bei den Begleiteten und ihren Angehörigen, waren dafür 335 Stunden unterwegs und legten 18639 Kilometer zurück.
