Allgemeine Berichte | 13.04.2021

Julia Hansel ist seit einem Jahr Koordinatorin beim Hospiz-Verein Rhein-Ahr

Damit sich die Frage nach Sterbehilfe nicht mehr stellt

Neuanfang in besonderer Zeit – Neue Projekte für die Bürger geplant

Juia HanselFotos: Hospiz-Verein Rhein-Ahr

Kreis Ahrweiler. Kaum war sie da, kam Corona. Kein leichter Start für Julia Hansel, die beim Hospiz-Verein Rhein-Ahr die Arbeit der sechs hauptamtlichen Hospizschwestern sowie der rund 80 ehrenamtlichen Hospizbegleiter koordiniert, die sowohl im ambulanten Dienst bei den Betreuten zu Hause als auch im stationären Hospiz im Ahrtal sowie in Kliniken und in Pflegeeinrichtungen tätig sind. Sie berichtet über ihr erstes Jahr im Dienst für die Menschen im Kreis Ahrweiler, die besonderen Herausforderungen der Zeit und über das, was sie noch umsetzen will.

Frau Hansel, wie war vor einem Jahr Ihr Start als Koordinatorin beim Hospiz-Verein?

Anders als gedacht und erhofft, wegen Corona. Aber den Verein kannte ich schon, weil ich vorher schon fünf Jahre als Krankenschwester in dessen stationären Hospiz tätig gewesen bin. Vorgefunden habe ich einen Verein, der von den Bürgern des Kreises Ahrweiler getragen wird und diesen höchst engagiert in Sachen schwere Krankheit, Tod und Trauer zur Seite steht. Zudem fand ich ein hauptamtliches Team mit hoher Professionalität und kollegialem Zusammenhalt und motivierten ehrenamtlichen Hospizbegleitern.

Was ist eigentlich genau Ihre Aufgabe als Koordinatorin? Wie arbeiten Sie?

Ich leite das hauptamtliche Team von sechs ausgebildeten Hospizfachkräften und leite und/oder führe die Fortbildung der Ehrenamtlichen. Zudem obliegt mir die Durchführung des Vorbereitungskurses für ehrenamtliche Hospizbegleiter. Mit unserer Netzwerkerin Petra Münch unterstützen wir ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen in der palliativen Arbeit durch Qualitätszirkel und Wissensvermittlung.

Hat Corona Sie ausgebremst?

Ja, natürlich. Primär war es erstmal meine Aufgabe, für die Sicherheit unserer Mitarbeiter und dadurch auch der von uns begleiteten Menschen zu sorgen. Da blieb zeitweise nicht viel Raum für Anderes. Es galt, die jeweils aktuellen Verordnungen umzusetzen und zu erklären und zu verantworten, wieviel Kontakt unter welchen Schutzmaßnahmen möglich ist, neue Lösungen zu finden, Material zu beschaffen. Zuletzt kamen regelmäßige Schnelltests dazu. Nach großen Anstrengungen haben wir erreicht, dass wir nun alle geimpft worden sind, sodass sich der Verein aktiv an der Bekämpfung der Pandemie beteiligt.

Gerade in schwierigen Situationen brauchen Menschen Nähe und Unterstützung. Nähe ist aber nicht gerade das, was aktuell angesagt ist…

Richtig. Trotzdem kann man viel tun, um Beistand zu leisten. Unsere ehrenamtlichen Hospizbegleiter schreiben Briefe, bringen kleine Aufmerksamkeiten wie Plätzchen, Blumen und Geschichten und telefonieren. Zudem gibt es aber auch persönliche Begleitung unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen. Reflexionsabende, Supervisionen und Fortbildungen finden zur Zeit online statt.

Mit welchen Ideen sind Sie angetreten, die Sie wegen der Pandemie aber bislang noch nicht umsetzen konnten?

Für dieses Jahr war das Angebot „Hospiz macht Schule“ für Grundschulen geplant, bei dem geschulte Mitarbeiter Dritt- und Viertklässlern an Projekttagen über Trauer und Traurigkeit, Schmerz, Sterben und Kranksein sprechen. Das verschiebt sich wohl auf 2022. Außerdem sollte das Projekt „Letzte Hilfe“ starten, bei dem Bürger in einem etwa vierstündigen Kursus erfahren, wie sie ihre schwerkranken oder sterbenden Angehörigen begleiten und wo sie auch selbst Unterstützung erhalten. Viele weitere Ideen sind zudem in der Umsetzung, für Kindergartenkinder genauso wie für Trauernde.

Sie haben vorher bei einem Kinderkrankenpflegedienst in Bonn Intensiv- und Langzeitpatienten zu Hause betreut und in Koblenz auch ein Team geleitet. Die Hospizarbeit bedeutete Neuland für Sie. Warum der Wechsel?

Weil ich unbedingt meinen Horizont erweitern und dabei unterstützen wollte, dem Sterben einen guten Platz im Leben zu geben. So habe ich erst als Krankenschwester in der palliativen Pflege gearbeitet und hatte dann das Bedürfnis, den hospizlichen Gedanken noch weiter in die Bevölkerung zu tragen.

Was bedeuten der hospizliche Gedanke bzw. die hospizliche Haltung für Sie?

Es bedeutet, Sterben, Tod und Trauer als zum Leben dazugehörig zu integrieren und die Menschen, welche auf diesem Weg sind, zu begleiten, damit sie auch diesen Teil ihres Lebens selbstbestimmt formen können und sich gut aufgehoben und angenommen fühlen. Die meisten Menschen möchten zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung im Kreis ihrer Lieben sterben. Das gilt kulturübergreifend weltweit. Deshalb möchten wir auch als Hospiz-Verein schwerstkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen psychosozial stützen und entlasten und helfen, Worte für ihre Ängste, Sorgen und Trauer zu finden. Und wir sehen es auch politisch als unsere Aufgabe, den Menschen Mut zu machen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, um aufgeklärt ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können.

Zehn Jahre weiter, was hoffen Sie, das sich dann gesellschaftlich getan hat im Umgang mit Trauer, Tod und Sterbe – auch vor dem Hintergrund der Diskussion um die Sterbehilfe?

Ich wünsche mir, dass der hospizliche Gedanke dann fest in der Bevölkerung verankert ist und die Sprachlosigkeit und Unsicherheit, die mit diesem Thema oft einhergeht, weniger geworden sind. Und, dass sich die Frage nach Sterbehilfe gar nicht mehr stellt, weil die Möglichkeiten der Begleitung und wirklich guten Symptomkontrolle von schwerstkranken und sterbenden Menschen durch die multiprofessionelle Zusammenarbeit von Palliativ-Medizin, palliativer Pflege sowie psychosozialer Unterstützung bis dahin überall bekannt sind. Die Frage sollte vielmehr lauten: Wie kann ich meine letzten Tage / Wochen / Monate im Leben gestalten und mich auf das Sterben vorbereiten bzw. wie kann ich einem schwerkranken Menschen zeigen, wie wertvoll er und wie wertvoll jeder Augenblick mit ihm ist?

Zur Person: Julia Hansel

Julia Hansel stammt aus Bonn, wohnt aber seit mehr als 20 Jahren mit ihrer Familie in der Grafschaft. Nach ihrer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester hat die 52-Jährige unter anderem in der ambulanten Kinderkrankenpflege gearbeitet. Zuletzt hat sie bei einem Kinderkrankenpflegedienst in Koblenz Intensiv- und Langzeitpatienten zu Hause betreut und dort auch ein Team geleitet. Ihr Wissen als Fachweitergebildete in der außerklinischen pädiatrischen Beatmung, algesiologische Fachassistentin, Palliative-care-Fachkraft und als Praxisanleiterin hat sie auch als Dozentin an einer Bonner Schule für Alten- und Krankenpflege weitergegeben.

Damit sich die Frage nach Sterbehilfe nicht mehr stellt

Juia Hansel Fotos: Hospiz-Verein Rhein-Ahr

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