Ausstellung im Montabaurer Kunst-Natur-Kulturzentrum B-05
Das Finstere austreiben
Ausstellung „Sprengkraft“ testet das Miteinander der Religionen
Montabaur. „Was unsere Gesellschaft im Moment am meisten bewegt, ist meiner Auffassung nach die Hetze, diese Erschöpfung, die wir uns antun, und kulturpolitisch das Thema Religion.“ Was Annette Philp sagt, hat Sprengkraft. Entspannt plaudert sie mit BLICK aktuell, in einem eingezäunten Gelände im Stadtwald von Montabaur. Man sitzt vor fünf Bunker, in einem eingezäunten Gelände, einst von der US-Army streng bewacht und abgeschirmt. B-05 heißt das Areal tief im Wald nahe bei Horressen, einem Stadtteil von Montabaur.
Philp diagnostiziert eine Sprengkraft, die in zwei Richtungen wirkt: da gibt es zum einen die Religion. Sie helfe eigentlich, zu uns zu finden, angemessen mit der Schöpfung umzugehen und sich als deren Teil zu begreifen, nicht als Teil einer Ausbeutungskette. Doch die Religion sei vergessen worden und werde nicht mehr in Anspruch genommen, beobachtet die Professorin für Kunstvermittlung an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Zum anderen sei Religion ein Sprengkraftsthema geworden, weil die Gesellschaft sich mit einer weiteren Religion, dem Islam, auseinandersetzen müsse. „Es wird eine neue Stufe von gemeinsamen Zusammenleben und einer gemeinsamen Wertehaltung geben müssen, die wir hier auf einem kulturellen Weg schon einmal testen.“ Und deshalb sei es wichtig, einem Künstler aus der islamischen Kultur im B-05 Raum zu geben, mit seinen Erfahrungen zu sprechen.
Menschliches in der Kunst
Gedacht, getan. Philp hat den Syrer Alaa Aldin Nabhan aus Höhr-Grenzhausen in seinem Atelier besucht und gefragt: „Wo siehst du den religiösen Ausdruck in deinem Werk?“ Darüber habe er sich vorher nie Gedanken gemacht. Kunst kommt für Nabhan aus dem Bauch heraus: eine Sprache, die man nicht sprechen, aber ausformen kann. Er versteht sich als anthropomorphen Performer. Nabhan spielt mit seinem Körperausdruck, mit seiner Keramikkunst, mit Mimik und Gestik und der neuen Sprache, die er hier kennengelernt hat. „Das ist eine ganz neue Sprache, die ganz anders klingt als meine Muttersprache. Die hat ganz andere Worte.“ Das Spiel mit der anderen Kultur fasziniert ihn. Religion ist für ihn die konkrete Beschäftigung mit dem Menschen. „Mein Werk ist anthropomorph. Das Menschliche gehört dazu.“ Die islamische, christliche oder jüdische Religion ist für ihn gleichwertig.
Ein sensibler Blick sieht Einheit, nicht Konflikt
Der Islam wird für ihn in den hiesigen Medien zu einseitig dargestellt, geradezu schwarzgemalt. „Religion ist nicht nur schwarz, ist nicht nur schlecht. Es gibt viele Momente, für die kann man wirklich danken. Das habe ich mit meiner Familie, mit meinen Nachbarn erlebt. Ich kenne viele nette Leute, die auch religiös erzogen, aber tolerant sind und ein tolles, entwickeltes, erfolgreiches Leben führen.“ Sein bester Freund aus Syrien sei Christ und arbeite hier. „Ich kenne ihn seit 20 Jahren, und wir harmonieren total miteinander. Wir sprechen ganz offen über alle Religionen. Wir finden immer Punkte, die fast gleich sind.“ Die Konfessionsunterschiede in den Religionen sind für ihn nicht wichtig. „Islam bedeutet, dass du an etwas glaubst, das ist die Wortbedeutung. Das bezieht sich auf die ganze Religion auf der Erde.“ Alle Religionen tränken aus der gleichen Quelle. Das könne man wahrnehmen, wenn man feinfühlig auf Religion schaue, und nicht immer darauf, wo die Konflikte verliefen.
„Ich erkläre die Religion aus meinem Erleben, meinen Begegnungen heraus.“ Oft sei die Tradition stärker als die Religion, beobachtet Nabhan. „Alle Menschen leben auf der gleichen Mutter Erde. Der Sauerstoff ist gleich, überall. Das Wasser, das wir trinken, ist das gleiche. Wenn ich jemandem aus Deutschland in Afrika ein Glas Wasser anbiete, soll er dann fragen: Soll ich dieses Wasser trinken? Ja, denn es ist das gleiche Wasser!“ Nur schmecke es für den einen süß, für den anderen salzig oder bitter oder sauer, aber es sei immer eigentlich das gleiche Wasser, weltweit. Ebenso verhält es sich für Nabhan mit dem Ton. „Gott hat den Menschen aus Ton gemacht. Alles kommt von der Mutter Erde, was der Mensch selbst macht, Eisenoxid und so weiter. Und dann bin ich selbst ein Teil der Mutter Erde.“
„Es geht darum, da zu sein.“
Sein im Bunker ausgestelltes Kunstwerk mit dem Titel „Schwer auf den Schultern, leicht im Herz“ erklärt Nabhan folgendermaßen: „Religion ist oft etwas, was man schwer auf den Schultern trägt. Aber wenn sie aus dem Herzen heraus kommt, ist sie ganz leicht.“ Jeder habe die Freiheit zu entscheiden, welchen Weg er gehen will.
Alle seine Kunstwerke haben mit Nabhans Heimat zu tun. „Ich wollte nie meine Heimat zerstört sehen. Durch eine Kugel. Die Mutter Erde ist eine Kugel. Und die Bombe ist eine Kugel. Stellen Sie sich den großen Unterschied vor zwischen einer grünen Mutter Erde und einer schwarzen Kugel, die vom Himmel fällt und die ganze Stadt kaputt macht.“ Es gebe tausende Bilder von schönen Kugeln, immer eine Kugel, um Schönheit zu präsentieren. „Und in der gleichen Zeit wird etwas ganz Schwarzes präsentiert. Das ist das Gegenteil von Wahrheit. Was ist richtig, und was ist falsch? Wir müssen beide akzeptieren. Beide sind da. Wir müssen nur einfach gut entscheiden, zusammen entscheiden, was besser für die Menschen ist, und was wirkt schwer auf den Menschen?“ Ziel sei es, dass Schwarz und Weiß ins Gleichgewicht kommen. Wer sein Werk im Bunker betrachte, bemerke das direkt. „Ein Auge fokussiert die schwarzen Kugeln, und eine nur ist weiß. Es geht nicht darum, wieviel. Es geht darum, da zu sein.“
Das Zentrum des Friedens
An das Thema Frieden zwischen den Religionen knüpft auch Philipp Schönborn an. Seine Ausstellung „Heiliges Land“ zeigt seine Friedensvision. „Wenn irgendwann einmal in Jerusalem Frieden einkehrt, dann haben wir überall Frieden. Das ist sozusagen der Brennpunkt der religiösen Auseinandersetzungen.“ Jede der drei abrahamitischen Religionen wisse: „Es gibt nur einen Gott.“ Zu ihm gebe es verschiedene Wege, über die nicht gestritten werden müsse. Ein gangbarer Weg sei die Mystik. Der sei allerdings für die Religionen schmerzhaft, weil es die Religion nicht mehr bräuchte, wenn jeder ein Mystiker wäre. „Es ist mein Wunsch und meine Überzeugung, dass es den direkten Weg zu Gott gibt und man den gehen sollte. Man sollte an seiner Vervollkommnung arbeiten, an seiner Erleuchtung, und nicht diese vielen Vorschriften. Die sind einfach über die Jahrhunderte angewachsen.“
Heilige leuchten
Die dunklen, kalten und feuchten Bunker hat Schönborn zum ersten Mal im Winter besichtigt und habe sich kaum vorstellen können, hier auszustellen. Aber dann habe er sich überlegt: „Ich versuche, die dunkle Vergangenheit dieses Ortes mit leuchtenden Arbeiten zu erhellen, und auch das Finstere auszutreiben, regelrecht.“ „Ich möchte die Heiligen zum Leuchten bringen“, beschreibt er seine Motivation, die heilige Hildegard von Bingen und die heilige Elisabeth von Thüringen in Form von Leuchtkästen in Sargform, in die er seine Fotokunst modelliert, vor allem durch sakrale Räume in Kirchen wandern zu lassen. Der Bunker als Ausstellungsraum fällt diesbezüglich buchstäblich aus dem Rahmen.
Natürlich benütze er in seiner Kunst die Inspirationen aus der Religion, aber nicht in einem streng dogmatischen Sinn, wie der bekennende Katholik und Bruder des Wiener Erzbischofs Kardinal Christoph Schönborn im Gespräch immer wieder betont. Es gebe auch Arbeiten bei ihm, die muslimisch inspiriert seien. Insgesamt ist für ihn leitend: „Ich versuche, das Miteinander der Religionen in der Ausstellung zu versammeln.“ Das hat Sprengkraft.
Die Ausstellung kann noch bis zum 26. August jeweils freitags ab 17 Uhr, samstags ab 14 Uhr und sonntags ab 11 Uhr im Kulturzentrum B-05 im Montabaurer Stadtwald bei Horressen besichtigt werden.
Eine Sequenz von insgesamt fünf Filmen zum Thema Industrie und Geschwindigkeit präsentiert Annette Philp in diesem Bunker.
Philipp Schönborn vereint die drei abrahamitischen Religionen. Das hat Sprengkraft.
Der Hildegardschrein leuchtet, das Heilige drückt sich aus und das Finstere wird vertrieben.
Alaa Aldin Nabhan aus Höhr-Grenzhausen spricht mit BLICK aktuell über sein Werk.
