Allgemeine Berichte | 26.08.2019

Unter dem Motto „Frauen der Kirche stehen auf“ referierte die Pastoralreferentin Jutta Lehnert in Holler

„Das Wichtigste ist, dass wir Gott tun“

Unter dem Motto „Frauen der Kirche stehen auf“ referierte die Pastoralreferentin Jutta Lehnert aus dem Dekanat Koblenz (Bistum Trier) auf Einladung der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands und der Katholischen Erwachsenenbildung Westerwald Positionen aus der Feministischen Theologie.Foto: GBA

Holler. Unter dem Motto „Frauen der Kirche stehen auf“ referierte die Pastoralreferentin Jutta Lehnert aus dem Dekanat Koblenz (Bistum Trier) auf Einladung der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands und der Katholischen Erwachsenenbildung Westerwald Positionen aus der Feministischen Theologie. „Wenn die Veränderung für die Kirche wirklich kommt, dann geht sie von Holler aus“, zeigte sich die Trägerin des „Dorothee Sölle-Preises für Aufrechten Gang“ vom von Zuhörerinnen und Zuhörern aus allen Nähten platzenden kleinen Vortragsraum begeistert.

Feministin von Anfang an

Schon seit Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit sei sie feministische Theologin, betonte Lehnert und erzählte zu Beginn eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit in einer Gemeinde, als allein das plötzliche Auftreten des Pfarrers im Raum das vorher rege Frauengeplauder zum Schweigen brachte. „Die Temperatur sank um 10 Grad“, erinnerte sich Lehnert an die eisige Atmosphäre zurück.

„Zynismus der Macht“

Bezüglich der aktuellen Situation der Kirche fasste sie ihre Gefühle folgendermaßen zusammen: „Es zerreißt einem fast, dass sich nichts zu ändern scheint.“ Die Macht der Männer sei das Durchhaltevermögen der Frauen. Den Bischöfen gehe das Lügen und Vertuschen durch, auch die steigenden Kirchenaustrittszahlen würden nach Lehnerts Einschätzung daran nichts ausrichten. Der „Zynismus der Macht“ könne sich anscheinend auf die Mehrheit stützen, auch gesellschaftlich. Nach der von den Bischöfen selbst in Auftrag gegebenen MHG-Studie habe man es oft mit „ziemlich vielen sehr problematischen Männern“ zu tun. Die Bischöfe zeigten eine „völlig irrationale Gegenreaktion“ auf den öffentlichen Druck. „Machtkonstellationen werden immer wichtiger“, meinte Lehnert. Obwohl die „Argumente eindeutig auf unserer Seite“ seien, werde eine Aussitzungsstrategie a la Helmut Kohl praktiziert. Diese Art der Auseinandersetzung mache schwer und müde. „Wenn man so richtig fighten könnte!“, forderte Lehnert. „Man hat das Gefühl, der Streit wird verweigert. Kein Dialog, kein offener Austausch. Es gibt einen eklatanten Theologiemangel in der Kirche.“ Feministische Theologinnen und Theologen schrieben sich die Pfoten wund. „Theologie ist eine Wissenschaft, die sich fortentwickeln muss!“ Kein Gottesbild sei ein für allemal festzuzurren.

Mehr Tiefe

Lehnert vermisst in der kirchlichen Praxis vor allem eine spirituelle Tiefe. „Die normale Messe ist ganz hohl geworden. Es gibt außerdem einen Riesenmangel an Wissen bei den Gläubigen.“ Auf die To do-Liste der Kirche würde Lehnert interreligiöse Gespräche, den Dialog mit den Humanwissenschaften und vor allem den Widerpart und Einspruch im gesellschaftlichen ethischen Diskurs schreiben. Doch die Formeln der Kirchensprache seien so gestanzt, dass sie „mit dem Leben nichts zu tun“ hätten, so Lehnert. „Die Verzweiflung ist groß, noch größer ist unsere Ratlosigkeit.“

Menschwerdung, nicht Mannwerdung

Bezüglich der vieldiskutierten Forderung des Zugangs von Frauen zu den kirchlichen Weiheämtern spitzte Lehnert zu: „Ich glaube nicht, dass Gott nur die Männer erlöst hat.“ Sie stellte den biblischen Befund zu Maria von Magdala dagegen, „die missachteste und vergessenste Frau der Kirchengeschichte“. In allen vier Evangelien sei belegt: sie war mit Jesus unterwegs, habe bis zum Kreuz durchgehalten, und sie war die erste Empfängerin der Botschaft von Jesu Auferstehung. „Allein diese Tatsache hätte genügen müssen für ein ganz massives Frauenverkündigungsamt.“ Bis zum Zweiten Jahrhundert habe es eine eigene Maria von Magdala-Traditionslinie gegeben, die davon berichte, dass sie als Prophetin in Phrygien hingerichtet worden sei. Doch bestimmend für die weitere Entwicklung sei dann die von der Kirche übernommene patriarchalische Struktur des römischen Staatswesens gewesen. Das heutige Wort „Bischof“ sei ursprünglich eine Bezeichnung für den römischen Finanzbeamten gewesen. Gnostisch geprägte Gemeinden dagegen seien durch Ausgrenzung in Extreme geraten. Der Apostel Paulus ist nach der Auslegung Lehnerts kein Frauenfeind gewesen. Diese habe, vom ihm in den Mund gelegten Schweigegebot für Frauen in der Gemeinde durch einen später hinzugefügten Einschub abgesehen, ganz stark auf Frauen in der Gemeinde gebaut. Im 16. Kapitel des Römerbriefs seien allein ein Drittel der dort aufgezählten Namen weiblich, in 1 Kor 7 erlaube der Apostel sogar den Frauen die Scheidung im Falle unterschiedlichen Glaubens. Priska und Aquila hätten Paulus sogar den Glauben gelehrt und seien mit ihm von Dorf zu Dorf gereist. Durch einen Machtkampf zwischen Frauen und Männern in den frühen Gemeinden seien viele Textbelege nicht mehr auffindbar.

„Humorvoller Zorn“

Bezüglich der aktuellen Kirchenkrise meinte Lehnert: „Die Geduld muss jetzt zu Ende sein. Wir brauchen einen heiligen, humorvollen Zorn.“ Sich allein an der Kirchenleitung abzuarbeiten mache mürbe. „Wir haben es mit kaputten Leuten zu tun. Dafür sind wir zu schön, dafür sind wir zu lustig“, sagte Lehnert süffisant in ihrer Eifeler Mundart. Als Handlungsstrategie empfahl Lehnert einen ganz gezielten Ungehorsam, „um sich nicht die Depression in den Hals zu ziehen.“ Vor Augen schwebte ihr zum Beispiel eine sonntägliche Mahlfeier ohne Priester im eigenen Wohnzimmer. „Die Mahlfeier gehört nicht der Kirche, sondern der Welt. Wir haben nicht das Recht, das einzuengen und am Priesteramt festzumachen.“ Dazu erzählte Lehnert eine selbst erlebte Geschichte bei einer Jugendfreizeit, bei der ihr ein kleines Mädchen beim Brotteilen zugeflüstert habe: „Jutta, ich kann die Wörter!“ Lehnert habe dann die Initiative des Kindes aufgegriffen und diese die Wandlungsworte sprechen lassen. „Wir können die Wörter alle! Worum sollen wir sie nicht sagen? Da machen wir Gott zu klein, wirklich!“ Glaube sei für Lehnert ein Tätigkeitswort. „Gott will getan werden!“ „Tomaten, Trauben, alles auf den Tisch, Stille, Eröffnungsgebet, Lied, Gitarre, biblische Lesung, Brot, Wasser, Traubensaft, Schlussgebet – so ähnlich war es auch bei den ersten Christen“, stellte sich Lehnert vor.

Eucharistie zuhause

Auch der Apostel Paulus beschreibe im Zwölften Kapitel des Ersten Korintherbriefs eine „Mitbringfete“. „In unserer Liturgie mit der Pappscheibe sind wir weg von diesen Realitäten.“ Wer in kleinen Gemeinschaften von etwa acht Personen einen Gottesdienst zuhause feiere, mache damit eine positive Erfahrung, die einem niemand mehr nehmen könne. „Ich glaube, es ist nicht verboten, dass man zuhause Eucharistie feiert. Wenn ich den Jesus cool finde, finde ich den cool. Nichts kann uns trennen von der Liebe Christi.“ Folgerichtig lehnte Lehnert eine kirchliche Verwaltungsstruktur und die Ämtergeschichte ab. „Die Zeit der Priester ist vorbei. Wir brauchen Seelsorgerinnen und Seelsorger. Gott braucht keine Vorzimmerdame“, war sich Lehnert sicher. Das Zweite Vatikanische Konzil proklamiere die Gottesunmittelbarkeit eines jeden Menschen. „Alle haben Zugang zum Allerheiligsten. Das ist meine Meinung, und so lebe ich auch.“

Nicht nur Frauenpriestertum

Dass sie mit ihrem Bischof im Dauerclinch über diese Fragen liege, störte Lehnert nicht. „Den Jugendlichen wird Gott vorenthalten, um einen Machtapparat zu erhalten.“ Zur aktuellen nachsynodalen Struktur-Reform des Bistums Trier bemerkte sie: „ Es wird diskutiert, dass wir die Kirche so bauen, dass Priester wieder die Bosse sind.“ Das Priesteramt in der heutigen Form sei erst auf das Sechste Jahrhundert historisch rückführbar. „Nach dem Hebräerbrief gibt es nur einen Priester, und das ist Jesus.“ Sakramente seien Zeichenhandlungen für das angebrochene Reich Gottes. Diese sollten nach Lehnerts Meinung nicht von geweihten Priestern kultisch überhöht werden. „Mit dem Frauenpriestertum ist es in der katholischen Kirche nicht getan. Die Diskriminierung von Frauen geht viel tiefer.“ Lehnert selbst wolle deshalb auf keinen Fall geweiht werden. „Die Ämter verfälschen die Menschen. Da wird man direkt eingetütet ins System.“ Lehnert wünscht sich dagegen eine Kirche als Gemeinschaft von Gleichgestellten, beauftragte demokratisch auf Zeit gewählte Leitungsteams.

Unter dem Motto „Frauen der Kirche stehen auf“ referierte die Pastoralreferentin Jutta Lehnert aus dem Dekanat Koblenz (Bistum Trier) auf Einladung der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands und der Katholischen Erwachsenenbildung Westerwald Positionen aus der Feministischen Theologie.Foto: GBA

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