Schlosstheater Neuwied muss für vier Wochen schließen
Der Kulturbetrieb kommt zum Erliegen
Neuwied. Einen ganzen Monat muss das Theater in Neuwied geschlossen bleiben. Laut Empfehlung der Bundesregierung und Verordnung der Landesregierung zählen Theater zu den Stätten öffentlicher Veranstaltungen, die im Zuge der Bekämpfung der Coronapandemie im November ihren Betrieb einstellen müssen. Und das, obwohl ausgeklügelte Hygienekonzepte und die Reduzierung der Zuschauerzahlen sowie intensive Belüftung gute Voraussetzungen für einen funktionierenden Ablauf schafften. Sogar die Auswahl der Stücke hatte sich den Bedingungen und Hygieneanforderungen angepasst. Dennoch kam jetzt der Paukenschlag aus Berlin, und das Theater musste für den November schließen. BLICK aktuell bat den Intendanten Lajos Wenzel zu einem Interview.
BLICK aktuell:
Was sagen Sie zu den Maßnahmen der Bundesregierung und der Tatsache, dass alle Theater im November geschlossen bleiben müssen?
Lajos Wenzel: Es war zu erwarten, trotzdem haben wir bis zum letzten Moment gehofft, dass wir weiterspielen dürfen. Es ist auch schwer nachvollziehbar, warum wir schließen müssen, andere Unternehmen aber nicht. Wie sollen wir das unseren Zuschauern, mehr noch aber unseren Künstlern erklären?
BLICK aktuell: Welche Folgen hat die Schließung für den Theaterbetrieb? Wie ist die Stimmung im Haus?
Lajos Wenzel: Als ich die Nachricht verkündete, sah ich die Angst in den Gesichtern der Künstler und Mitarbeiter, denen dies sehr nahe geht. Viele Künstler hatten sich nach dem Lockdown im Frühjahr gerade wieder etwas erholt und begannen, ihre Finanzen wieder in Ordnung zu bringen. Jetzt ist ihre wirtschaftliche Existenz erneut bedroht. 32 Schauspielerinnen und Schauspieler wären im November bei uns aufgetreten, dazu kommen 29 fest angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich tue mich sehr schwer damit, dass die Künstler die Leidtragenden sein sollen. Alle Gehälter und Gagen müssen im November bezahlt werden, und zwar zu 100 Prozent. Denn wir wollen nicht nur unsere Zuschauer behalten, wir möchten auch unsere Künstler nicht verlieren. Sie sind es, die von der Bühne aus diese Stadt zum Strahlen bringen.
BLICK aktuell: Sie haben ein ausgeklügeltes Hygienekonzept erarbeitet und angewendet. Wie finden Sie in diesem Zusammenhang die Schließung des Theaters? Wie fühlen Sie sich?
Lajos Wenzel: Diese Anstrengungen waren nicht umsonst, weil wir das Hygienekonzept noch lange benötigen werden. Unsere Zuschauer haben großes Vertrauen in diese Maßnahmen. Das beweisen die Zahlen. Wir sind bis zum Jahresende ausgebucht. Das Theater und andere Kultureinrichtungen sind wichtig für die seelische Gesundheit. Gemeinsam eine Vorstellung genießen, mit Freunden auf Abstand zusammensein, das halte ich für sehr wichtig. Und es stellt sich mir die Frage: In welcher Welt möchten wir leben? Nur arbeiten, um Steuern zu zahlen? Nur Autos bauen? Ist die Kultur reines Freizeitvergnügen? Irgendwo zwischen Bordellen und Spielhöllen? Nein, ist es nicht. Kultur ist, ohne pathetisch klingen zu wollen der Nährboden auf dem unsere Gesellschaft steht. Auf der Titanic hat das Orchester bis zuletzt gespielt. Da kam niemand auf die Idee es ihnen zu verbieten. Warum wir, als sicherer Ort, jetzt schließen müssen, während die deutsche Bahn und Lufthansa weiter alle Plätze besetzten kann verstehe ich nicht. Wir haben investiert. Unsere Frischluft hat OP Qualität. Wir haben Kontaktverfolgung, Maskenpflicht, Abstand…
BLICK aktuell: Wie sieht es mit den Finanzen aus? Gibt es eine Entschädigung? Wie hoch beziffern Sie die Kosten dieser Maßnahme für das Theater?
Lajos Wenzel: Allein für den November waren 85 Vorstellungen geplant, verteilt auf drei Veranstaltungsorte und die Theatertournee. Wenn man bedenkt, dass jede Vorstellung mit 4.000 bis 10.000 Euro Einnahmen zu Buche
schlägt, kann man sich die Dimension des Verlustes allein in einem Monat vorstellen. Die Gespräche darüber wie ein Teil der Kosten ausgeglichen werden kann laufen. Wir haben hervorragende Kontakte zu unseren Sponsoren, das Schlosstheater hat gute Fürsprecher in der Politik in Stadt, Kreis und Land. Denn nur weil wir Landesbühne heißen bedeutet das nicht, dass allein das Land und hilft. Wir sind getragen von einer gemeinnützigen Stiftung und finanzieren uns überwiegend aus Einnahmen, die jetzt fehlen. Ohne finanziellen Ausgleich wird es nicht gehen. Wir sind aber optimistisch.
BLICK aktuell: Werden die Vorstellungen, die jetzt ausfallen müssen, im Anschluss nachgeholt?
Lajos Wenzel: Leider nicht alle. Ein Teil muss ausfallen und die Zuschauer bekommen entweder das Geld zurück, oder spenden es für uns und unser Kinder- und Jugendtheater.
Wir haben schon jetzt so viele Mehrfachvorstellungen an jedem Tag disponiert, um nachzuholen was im März bis August ausgefallen ist, alles wieder nachzuholen, geht nicht. Doch es ist gelungen, eine große Zahl von Aufführungen der „Mausefalle“ und von „Gut gegen Nordwind“ im Sommer im Anschluss an die Festspiele oben in Rommersdorf zu spielen. Als Theatersommer Rommersdorf. Die Schauspieler und Zuschauer freuen sich darauf und wir können so einen Teil der Einnahmen retten. Ich bin sicher, den November werden wir überstehen und anschließend wieder mit Elan an den Start gehen, denn wir leben für das, was wir hier tun. Wir wollen spielen. Für Neuwied, für Rheinland-Pfalz.
BLICK aktuell: Nehmen wir an, Sie hätten einen Wunsch frei. Was würden Sie sich wünschen?
Lajos Wenzel: Ich will nicht maßlos erscheinen, doch aktuell habe drei Wünsche: Erstens wünsche ich mir einen schönen Dezember mit Gemeinschaft und Nähe trotz Abstand und dass Menschen einander wieder im Theater treffen können. Und zweitens wünsche ich mir, dass wir im Dezember das Junge Schlosstheater mit vielen Vorstellungen eröffnen können. Und drittens wünsche ich mir, dass Neuwied mit seiner lebendigen Kultur, Gastronomie und Einzelhandel aus dieser Krise hervorgeht. Neuwied hält zusammen und wir wollen unseren Teil dazu beitragen, die Stadt zum Leuchten zu bringen.
BLICK aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.-HE-
Mit viel Verantwortungsbewusstsein und Liebe zum Detail hatten die Theatermacher ihr Hygienekonzept erarbeitet und umgesetzt. Man hatte buchstäblich „aus der Not eine Tugend gemacht. Foto: HE
