Verein Zehnthaus Swisttal-Odendorf/Essig
Der Märchengarten birgt Geheimnisvolles und Fantastisches
Odendorf. Das Erzählen von Märchen und das Anlegen von Gärten gehört sicherlich zu den ältesten Kulturleistungen der Menschen. Und so wundert es auch nicht, dass beides auf vielfältige Weise miteinander verknüpft ist. Mit diesen Worten führte der Kunsthistoriker Dr. Ulrich Stevens im Odendorfer Zehnthaus in seinem reich bebilderten Vortrag über das Motiv des Gartens in den Volks- und Kunstmärchen ein. An zahlreichen Beispielen erläuterte er, dass die Lust- wie Nutzgärten im Märchen keine beliebigen Orte der Handlung sind. Mit ihrer Eigenart, ein zwar kultivierter und umhegter, aber auch ein offener Raum zu sein, stehen sie in stetiger Wechselwirkung mit dem Außen – der wilden Natur – und bestimmen den Fortgang der Erzählung immer wieder in besonderer Weise.
Der Märchengarten birgt Geheimnisvolles, Fantastisches, Erstrebenswertes, möglicherweise mitunter Gefährliches. Dabei geht oft auch von dem Reiz des Verbotenen, ein wichtiger literarischer Impuls, aus. So lässt sich in einen Garten sicherlich leichter und mit einem weniger schlechten Gewissen eindringen als in ein Gebäude. Oder wäre der Vater von Rapunzel wohl auch in das Haus der mächtigen Zauberin eingebrochen? Der Garten ermöglicht im Märchen zudem das Zusammenkommen unterschiedlicher oder scheinbar unterschiedlicher Sphären. So kann er auch für die Königstochter und den Gärtner, der allerdings meist ein verkappter Prinz ist, zu einem gesellschaftlich akzeptierten Ort der Begegnung werden.
Immer wieder lenkte Stevens mit plastischen Beispielen das Augenmerk der Zuhörer darauf, wie die Märchen die Lebenswirklichkeit und Erfahrungswelt der Menschen, die diese Geschichten erzählten und hörten, in ihrer Zeit widerspiegelten. Das Publikum im gut besuchten Zehnthaus beteiligte sich sehr rege an der anschließenden Diskussion und dankte dem Referenten mit lebhaftem Applaus.
