Die Willy-Brandt-Stiftung lud zu einer Matinee mit dem Kabarettisten Norbert Alich ein
Der Pantheonike bedauerte nicht nur den Rhein „die arme Sau“
Unkel. Zu einer „Preußen-Matinee in Liedern“ hatte die Stiftung Willy-Brandt-Forum am Sonntag eingeladen. Und da der Vorsitzende Christoph Charlier den Bonner Kabarettisten Norbert Alich eingeladen hatte, sein Programmen „Der Rhein – die arme Sau“ zu präsentieren, war man direkt in den großen Sitzungssaal der Verbandsgemeinde umgezogen.
„So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergeh’n“, schmetterte der Kabarettist, am Flügel begleitet von Stephan Ohm, zu Beginn seines Auftritts das wohl bekannteste rheinland-pfälzische Karnevalslied. „Mit dem Rhein hat es aber gar nichts zu tun. Geschrieben hat es kein Rheinländer, sondern ein Hamburger Gastronom und Boxpromotor“, verriet Alich und war schon bei seinem Lieblingsthema, den „Fremden“, die „aber auch janix mit dem Rhein zu tun haben“ und sich trotzdem etwa wie Konrad Beikircher erdreisten, als Südtiroler zu erklären, was es mit dem Rhein und seinen Anrainern so auf sich habe. „Das geht doch nicht, das macht man nicht“, klagte er. Ja selbst der „Urkölner“ Millowitschs Willi bekam sein Fett weg. „Die ganze Sippschaft kommt doch aus dem tiefsten Jugoslawien“, so der gebürtige Weißenthurmer. Seit den ollen Römern sei man hier eben der Spielball der Nationen und müsse alles ertragen, vor allem die Bahn mit ihrem Lärm. „Dabei müsste die doch nur einmal die Reifen wechseln, was ich jedes Jahr zweimal machen muss“, monierte Norbert Alich, um sich dann über den furchtbaren Rhein-Reim-Zwang mit klein, sein, Mägdelein und natürlich dem Wein zu ereifern, der sich durch das Liedgut mäandert von der Romantik über Willi Schneider bis zu den Höhnern. „Man könnte doch ganz einfach auf Reben zurückgreifen und wäre schon weg vom Wein“, schlug er vor, um sich dann seinem Lieblingsthema zu widmen: Wer den armen Rhein, die arme Sau, und mit diesem Wort bewusst den Reim „Rhein-Schwein“ vermeidend, so alles gequält hat.
„Dabei bringt der doch nur das Wasser aus den Alpen nach Holland und damit den ganzen Driss der Schweizer, Franzosen und Westfalen. Und dafür muss der Mülleimer der Nation dann auch noch jedes Jahr brennen an mehreren Stellen so wie gestern hier zwischen Linz und Bonn“ erinnerte der Kabarettist.
Friedrich August der Gerechte hatte sich während der Napoleonischen Kriege 1806 auf die Seite Frankreichs gestellt, wofür er von Napoleon zum König erhoben worden war. Mit dem Wiener Kongress verlor er zunächst über die Hälfte seines Territoriums an Preußen „und sollte dafür das Rheinland quasi als Strafe bekommen. Stellen sie sich vor: Sächsisch, also Sprechen als Belästigung, wäre unsere Amtssprache geworden“, lästerte der Kabarettist und erwies sich sogleich als Beherrscher der unbeliebten Dialekts. strenge Ordnungsfanatiker seien.
„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?“
„Von der Römern haben wir die Kultur, von den Franzosen das gute Essen und von den Preußen - die Knöllchen“, so Norbert Alich, bevor er das martialische Preußenlied im satten Bariton schmissig schmetterte: „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben? Die Fahne schwebt mir weiß und schwarz voran; dass für die Freiheit meine Väter starben, das deuten, merkt es, meine Farben an!“ So etwa könne nur jemand schreiben der Piefke heiße, allerdings stammt der Text von dem Dortmunder Gymnasialdirektor Bernhard Thiersch, der das patriotische Lied 1830 als Geburtstagsgeschenk für den Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. geschrieben hat.
„Weiter ging es mit der Preußen-Plage, kamen mit denen aus dem Osten doch der Protestantismus ins Rheinland. „Nur in Neuwied hatte es diese anderen Menschen hier im Rheinland mit den Herrenhutern, unheimlich strengen Leuten, vorher gegeben. Dagegen ist der rheinische Katholizismus unser Naturzustand, älter als das Christentum in seiner Art, mit dem Leben zurechtzukommen“, konstatierte der Pantheonike. Die einzig wahre Kirche habe versucht, ihre Gläubigen mit Sätzen wie: „Der liebe Gott sieht alles!“ unter der Knute gehalten, aber die hätten dafür einfach pfuschen gelernt. Und die Erfindung „Fegefeuer“ habe der Kirche unheimlich viel Geld gebracht.
Nun gut; Luther habe die Bibel übersetzt, aber wer würde das Buch schon lesen. In der katholischen Kirche sei alles auf Latein mit Weihrauch abgelaufen. Man habe zwar nicht genau gewusst, was Sache sei, dafür habe man als Messdiener beim Weihrauch heimlich noch nie Schippe drauf getan und schon habe die erste Reihe flach gelegen, erinnert er. „Der Protestant ist auch ein Mensch. Schließlich kann er nix dafür, weil man wird ja da reingeboren“, gestand der Kabarettist der anderen Konfession zu, um direkt wieder einzuschränken: „Sie wohnen zwar nebenan, aber liegen mir ferner als China!“ Diese Einstellung brachte er mit einem Lied zum Ausdruck, das er zusammen mit Jürgen Becker schon vor Jahren geschrieben hat: „Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin. Die haben doch nix anderes als Arbeiten im Sinn. Als Katholik da kannste pfuschen, dat eine ist gewiss: Am Samstag gehste beichten und fott ist der janze Driss“, so der Refrain. Kein Weihrauch, keine Witze, keine Heiligen in Stein, immer alles ernst gemeint, das passt nicht an den Rhein. Fünfundneunzig Thesen, die sind uns viel zuviel. Wir brauchen 100 Tresen und ‚nen Tisch fürs Kartenspiel“, forderte er, um dann „seine“ Kirche auf den Arm zu nehmen: „Die Evangelen werden von uns gerne gemieden, Denn bei denen sind die Pfarrer alle schon geschieden. Aber bei den Katholiken isset supercool. Bei denen sind die Pfarrer Polen, Inder oder schwul! Zölibat und Hopfen und Malz, Gott erhalt’s. “
Angesichts dieses augenzwinkernden Humors und den flusstiefen Geschichtskenntnisse, die im ungezwungenen Plauderton zwischen den Liedern vorgetragen wurden, bedauerten die Zuhörer zutiefst: „Ach wie bald entschwinden schöne Stunden und die Tage im Wind verwehn. So ein Tag, auf den man sich so freute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn!“ Aber es gib ja ein Wiedersehen mit dem Kabarettisten und das schon bei der Matinée des Willy-Brandt-Forums am Sonntag, 28. Mai, wenn Norbert Alich mit „Chiantiwein und weiße Schiffe“ zu einer satirischen Reise durch die deutsche Schlagerwelt einlädt, um mit Paris von der Liebe zu träumen, mit Freddy Quinn auf einem Weißen Schiff nach Hongkong zu fahren, während Elvis inbrünstig bat: „Love me tender, love me sweet!“
DL
