Allgemeine Berichte | 30.11.2020

Ein lokales Wintermärchen mit einem wahren Kern

Der Schuster und die 30 Silberlinge

von Thomas Napp

Im tiefen Wald machte der Schuster den Räubern einen Vorschlag...Foto: kbl

Vor vielen Jahren lebte einst ein armer Schuster in Rheinbreitbach. Sein Name war Aloys und er hatte 4 Söhne. Seine Frau war schon früh gestorben, sodass er die Kinder alleine versorgen musste. Zusammen mit seinen Kindern lebte er in einem kleinen Fachwerkhaus in der Vonsbach. Dort saß Aloys bis spät in der Nacht im Lichte einer kleinen Kerze und reparierte die Schuhe der Dorfbewohner.

Doch das Geld von den Reparaturen reichte vorne und hinten nicht. Die Menschen in Rheinbreitbach waren zu dieser Zeit einfache Bauern und Bergleute, die sich neue Schuhe oder Reparaturen nur selten leisten konnten. Zudem lebte eine Räuberbande im Wald rund um das Dorf herum. Diebstähle waren somit immer wieder an der Tagesordnung. Das Geld für die Familie des Schusters war daher sehr knapp.

Von Geldsorgen geplagt ging der Schuster Aloys zum Rhein hinunter. Dort besaß er aus alten Tagen ein kleines Stückchen Gartenland in der Nähe der Rolandsecker Fähre. Kartoffeln, Möhren, Salat, Gurken und anderes Gemüse baute er dort für sich und seine Kinder an. Das Stück Gartenland brachte die Familie durch. Als die Fähre wieder einmal über den Rhein gesetzt hatte, sah Aloys einen alten Mann aus dem Fährboot steigen. Er trug eine schlichte schwarze Kutte, einen großen runden Hut und hatte einen kleinen Koffer bei sich. Zielstrebig ging der alte Mann auf Aloys zu und begrüßte ihn „ Guten Morgen mein Herr, mein Name ist Pater Franziskus, ich bin Franzose und bin auf der Suche nach einem Zimmer für die kommenden Tage. Können Sie mir hierbei weiterhelfen?“

Aloys betrachtete kurz den Pater und überlegte, ob er jemanden in Rheinbreitbach empfehlen könne, der ein Zimmer frei hätte. Da fiel ihm plötzlich die kleine Dachkammer in seinem eigenen Haus ein: „ Guten Tag Pater, ich könnte euch selbst ein Zimmer unterm Dach anbieten. Es ist zwar nicht sehr groß, aber es hat ein Bett und eine Waschgelegenheit. Verpflegung könnte ich euch gegen Aufpreis organisieren. Was haltet ihr davon?“

Dankend nahm der Pater das Angebot an und der Schuster führte den Pater zu seinem Fachwerkhaus in die Dachkammer. Dort gab der Pater dem Schuster einige französische Silbermünzen als Bezahlung für das Zimmer und begann seine Habseligkeiten auszupacken. Am Morgen, zur Mittagszeit sowie am Abend stieg der Pater von der Dachkammer hinab in einen kleinen Innenhof des Hauses. Dort sprach er seine Gebete, bevor er das Essen zu sich nahm oder zu Bett ging. Es war ein harmonisches Zusammenleben zwischen dem Schuster, seinen vier Söhnen und dem Pater, der der Familie nun ein festes Einkommen brachte.

Eines Tages jedoch klopfte es abends an die Türe. Der Schuster öffnete langsam die Türe einen Spalt und draußen standen zwei schwarz gekleidete Männer. Sie trugen einen Degen und hatten eine Pistole im Halfter.

„Abend. Wir haben gehört, dass hier ein französischer Pater wohnen soll. Ist das richtig?“ Dem Schuster kam die Situation nicht ganz geheuer vor, sodass er vorerst schwieg und abwartet. „Wir sind auf der Suche nach dem Pater. Er wird in Frankreich wegen seiner Religion gesucht. Auf ihn ist ein Lösegeld ausgesetzt. 30 Silberlinge.“ erklärte der zweite Mann und hielt Aloys den Beutel voller klimpernden Münzen hin.

Aloys sah seine Chance gekommen. Ohne zu zögern nahm er das Geld an sich und wies den beiden Männern den Weg zur Dachkammer hin. Der Pater, den die beiden aus dem Schlaf rissen, war völlig überrascht. Er hatte noch nicht mal Zeit seine Habseligkeiten zu packen. Die beiden lachenden Männer banden ihn mit einem Seil an eines ihrer Pferde und brachen mit ihm nach Frankreich auf.

Währenddessen legte sich der Schuster Aloys in sein Bett. Auf seinem Nachttisch lag der Beutel mit Silbermünzen. Nun hatte er genug Geld, um sich und seine Familie bis an sein Lebensende glücklich durchzubringen. Zufrieden fiel er bald in einen tiefen Schlaf.

In seinem Schlaf träumte er davon, wie er von den Silbermünzen ein großes Gasthaus an der Kreuzung der Hauptstrasse und Rheinstrasse in Rheinbreitbach für seine Söhne errichten würde. Auch Grundstücke und blühende Ländereien würde er für sich und seine Söhne kaufen. Zahlreich würden seine Enkel wegen seines Reichtums sein.

Doch plötzlich verdunkelt sich der Traum. Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf. Ein Grollen ist zu hören. Aloys sieht seine Söhne krank und elend. Die von den Silberlingen gekauften Felder verdorren und die blühenden Landschaften existieren nicht mehr. Alles vertrocknet. Ein Sturm bricht los, der alles hinwegfegt. Als der Schuster davon erfasst wird, hört er eine Stimme rufen: Deine Gewissenlosigkeit wird dein Untergang sein!

Schweißgebadet wacht der Schuster Aloys aus seinem Traum auf. Draußen war es immer noch Nacht. Keuchend setzt er sich auf den Rand seines Bettes. Er betrachtet den Beutel mit den Silberlingen auf seinem Nachttisch. Ihm wurde bewusst, dass das Geld ihm kein Glück bringen werde. Doch was sollte er jetzt tun?

Aloys beschloss, einen waghalsigen Plan einzugehen. Er nahm die Hälfte der Silbermünzen, zog sich an und ging im Scheine einer kleinen Laterne aus dem Haus in Richtung des Waldes. Sein heißer Atem qualmte in der kalten Nacht und seine Hände zitterten. Lange streifte er auf dem Weg in Richtung Auge Gottes durch den Wald. Er war auf der Suche nach den Räubern.

Plötzlich knackte es im Geäst. Eine dunkle Männerstimme rief: Halt! Wenn dir dein Leben lieb ist! Aloys blieb angsterfüllt stehen. Vier Räuber mit Säbeln und Pistolen bewaffnet kamen aus verschiedenen Büschen heraus. „Gibs uns alles, was du hast!“, fuhr ihn einer an. Aloys schlotterte vor Angst. Doch er wollte seinen Plan in die Tat umsetzen. „Ich habe für euch 15 Silbermünzen!“, erwiderte er und hielt ihnen die Silberlinge hin. Die Räuber glaubten kaum, was sie da hörten und lachten. Einer schritt auf Aloys zu. „Woher hat denn ein so armer Wicht, so viel Geld.“ sagte er während er das Geld an sich nahm. „Das ist unwichtig.“ erwiderte Aloys „ Ich biete euch aber weitere 15 Silberlinge an, wenn ihr einen Auftrag für mich erfüllt.“ Die Räuber schauten sich gegenseitig an und grinsten dann breit über ihre dreckigen Gesichter. „Für 15 Silberlinge machen wir so einiges.“, erwiderten sie. „Gut. Vor ein paar Stunden haben zwei Franzosen einen Pater aus meinem Haus abgeholt, gefesselt und sich auf dem Weg nach Frankreich gemacht. Ich will, dass ihr ihn zurückholt, ihn hierher bringt und danach für immer aus unseren Wäldern verschwindet“.

Mit dem letzten Wort wurde Aloys etwas mulmig zumute. Er war unsicher, ob er nicht zu viel eingefordert hatte, doch die Räuber stellten sich kurz zusammen und berieten. Dann drehten sie sich zu Aloys um. „Morgen Nacht treffen wir uns wieder hier. Die Silberlinge solltest du dann dabei haben.“

Danach verschwanden die Räuber so geräuschlos, wie sie gekommen waren. Nachdem sich Aloys etwas beruhigt hatte, ging er zu seinem Haus zurück. Immer wieder drehte er sich dabei um, ob ihn auch niemand folgen würde. Doch es blieb ruhig. Als er an seinem Haus in der Vonsbach ankam, ging gerade die Sonne auf. Er weckte seine Söhne, verteilte die Hausarbeiten und machte seine Arbeit als Schuster. Die ganze Zeit dachte er dabei daran, ob die Räuber wohl seinen Auftrag ausführen würden.

Als es Abend wurde, beendete Aloys rasch seine Arbeit. Er ging nach Hause, holte die restlichen Silberstücke, packte die Sachen des Paters und ging wieder im Schein einer Laterne in den dunklen Wald hinein. Voller Anspannung erreichte er die Waldstelle, wo er gestern Nacht die Räuber getroffen hatte. Niemand war zu sehen oder zu hören.

Plötzlich raschelte es in den umliegenden Gebüschen. Ein lautes Gelächter war zu hören. Die vier Räuber kamen zum Vorschein. Bei sich hatten Sie den Pater, der einen Sack über den Kopf gezogen hatte.

„Hast du den Franzosen gesehen, wie er in Unterhose davongelaufen ist. Der wird uns so schnell nie wieder besuchen!“ amüsierten sich die Räuber. Als sie Nahe genug an Aloys herangekommen waren, sprach einer der Räuber ihn an.

„Hier ist wie von dir gefordert der Pater. Hast du die restlichen Silberstücke dabei?“ Aloys nickte und holte den Beutel mit den Silberstücken heraus. Der Räuber wollte diese greifen, doch Aloys stockte. Zuerst wollte er das Gesicht des Paters sehen und forderte die Räuber auf, den Sack vom Kopf des Paters zu ziehen. Mit einem Ruck war der Sack vom Kopf gezogen und Aloys sah das Gesicht des sichtlich verängstigten Paters. Doch als dieser Aloys erblickte, wich seine Angst Verwunderung. Aloys gab den Räubern das Geld. Angespannt wartete er nun darauf, was sie tun würden. Doch die Räuber freuten sich so sehr über die restlichen Silberstücke, dass sie so schnell verschwanden, wie sie gekommen waren und sie hielten ihr Wort. Nie mehr waren sie im Breitbacher Wald gesehen.

Aloys und der Pater standen nun allein im dunkeln Wald. Beide schwiegen, bis zu dem Zeitpunkt als Aloys das Wort ergriff. Er entschuldigte sich für das, was er getan hatte, bereute aufrichtig seinen Verrat und der Pater verzieh ihm letztendlich. Versöhnt nahm der Pater seine Sachen an sich und verschwand in der Dunkelheit. Aloys hingegen kehrte in sein Haus in der Vonsbach zurück. Seine Erkenntnis aus diesem Erlebnis war, dass skrupellos erworbener Reichtum keinen Mann glücklich werden lässt.

Dieses Märchen als Podcast zum Anhören unter https://www.podcast.de/episode/508282317/2.+Dezemberpodcast+Adventsm%C3%A4rchen+%22Der+Schuster+und+die+30+SIlberlinge%22/

In einem kleinen Fachwerkhäusschen am Vonsbach saß der Schuster und reparierte die Schuhe der Breitbacher. Foto: pixabay/Hans

In einem kleinen Fachwerkhäusschen am Vonsbach saß der Schuster und reparierte die Schuhe der Breitbacher. Foto: pixabay/Hans

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