Theologe, Psychologe und Kabarettist Manfred Lütz stellte sein aktuelles Buch vor
Der Skandal der Skandale
„Die geheime Geschichte des Christentums“
Ahrweiler. Die Pfarrkirche Sankt Laurentius hatte sich schon eine halbe Stunde vor der Begrüßung durch Dr. Smolenski, der in einer kurzen Einführung die wesentlichen Fakten über seinen Kollegen, den Mediziner, Psychologen, Psychotherapeuten und Theologen Dr. Manfred Lütz vortrug, gut gefüllt. Die Einnahmen der Benefiz-Veranstaltung fließen der Außenrenovierung der Pfarrkirche zu. Der Kabarettist ist, wie er selbst voller Stolz behauptet, Rheinländer- und zwar linksrheinisch. Nach einem „Soundcheck“, den er schon mit seiner ihm ureigenen witzigen Art durchführte und dabei das gespannte Publikum auf seine Seite zog, verbreitete Manfred Lütz eine Heiterkeit der besonderen Art in den heiligen Mauern von Ahrweiler. Zunächst klärte er die Zuhörer darüber auf, dass er entgegen der Ankündigung keine Lesung durchführe, denn Lesungen mache er nur rechtsrheinisch, als Linksrheinische könnten die Ahrweiler ja selbst lesen, daher hielte er einen Vortrag. Die Basis für sein aktuelles Buch stellt das 800 Seiten starke monumentale Werk „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ des von Lütz verehrten Kirchenhistorikers Arnold Angenendt dar. Angenendt unternahm mit diesem Werk den Versuch, die Klischees um die Geschichte des Christentums systematisch an der historischen Wirklichkeit zu messen. Manfred Lütz versucht mit seinem Buch, die historische Wirklichkeit gegen die Vorurteile über das Christentum, insbesondere über die katholische Variante, darzustellen. Er hat diese Ergebnisse von Angenendt für ein breiteres Publikum ausgewertet, auf 286 Seiten in „normalem Deutsch“ zusammengefasst und das Manuskript nicht nur Angenendt, sondern auch seinem Friseur zum Lesen gegeben.
Licht und Schatten
Auf äußerst heitere und vor allem nachvollziehbare Weise entlarvte Lütz in seinem Vortrag die vorgenannten Vorurteile und fragte die gebannte Zuhörerschaft nach jedem „Kapitel“ „Wussten Sie das? - Ich wusste es nicht – und ich habe fünf Jahre Theologie studiert“. Lütz klärte seine Zuhörer darüber auf, dass man sehr wohl auf Errungenschaften des Christentums stolz sein könne, auch wenn das landläufige Urteil über die Kirchengeschichte als Kette von Verbrechen– der Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennung, Judenverfolgung und Unterdrückungsmoral nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, allerdings lässt sich das Christentum in ihren Verfehlungen nur erkennen, wenn man sie an den Maßstäben des Christentums misst. Dies tut Lütz mit seinem auf gruselige Weise unterhaltsamen Buch, in dem er zwar keine Apologie oder Rundumverteidigung der Kirche geschrieben hat, aber den Leser dazu zwingt, auch das Licht zu sehen, das den Schatten erzeugt.
Lütz gab das Beispiel, welche Stichworte bei einer bevorstehenden Visitation durch den Weihbischof zusammengetragen werden. Dabei geht es meist um die Begriffe „Zölibat, Sex und Kirche, Frauenpriestertum und Priestermangel sowie Primat des Papstes“. Und ganz egal, auf welche Art der Weihbischof zu diesen Fragen Stellung nimmt, es sind alles Fragen, die er nur unbefriedigend beantworten kann mit dem Ergebnis einer, wie Lütz es nennt, „geplanten Frustration“ für die Fragenden. Wenn man sich mit den offensichtlich negativen Aspekten des Christentums, wie beispielsweise den Kreuzzügen, der Inquisition oder Hexenverfolgung beschäftigt, erhält man heute oft die entschuldigende um Verständnis bittende Antwort „Es war damals die Zeit“, im Umland von Köln hört man dazu „Et is, wie et is“. Gregor Gysi, ein in der DDR aufgewachsener Atheist, erklärte einmal in einer Talkrunde, er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil dann die Solidarität abhandenkäme. Lütz erklärt in diesem Zusammenhang, dass Mitleid auch eine christliche Erfindung ist und man in Krankenhäusern tagtäglich Solidarität gegenüber Schwächeren und Bedürftigen zeigt „In den Menschen in Not kann man Christus begegnen“.
Abschließend streifte Manfred Lütz kurz weitere Kapitel in seinem Buch, die sich mit der Toleranz als christlicher Erfindung, mit dem Pazifismus als christlicher Errungenschaft befassen. Die eigentliche Geschichte kommt nach Lütz‘ Worten in seinem Buch gar nicht vor. Weiter forderte er dazu auf, dass Christen sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligten, allerdings schämten sich Christen für ihren Glauben ohne ihn tatsächlich zu kennen, „wir müssen nicht nur unseren Computer kennen, sondern uns im Christentum auskennen“. Ein sehr abwechslungsreicher und informativer Abend, den das Publikum sichtlich genossen hat. Und das wieder „Alles für LAU“.
