Allgemeine Berichte | 18.01.2019

Buchvorstellung in Bendorf

Die Arbeiter der Sayner und der Mülhofener Hütte

Freundeskreis präsentiert zum Jahresbeginn einen neuen Band seiner Schriftenreihe

Arbeiter der Mülhofener Hütte 1898. Freundeskreis Sayner Hütte e.V.

Bendorf. Mit der Präsentation von Band 4 seiner Schriftenreihe eröffnete der Freundeskreis Sayner Hütte e.V. seine Aktivitäten im neuen Jahr. Eine große Zahl interessierter Zuhörer, darunter Bürgermeister Michael Kessler und Erster Beigeordneter Bernhard Wiemer sowie Vertreter des Stadtrats und des Ortsverbands des Deutschen Gewerkschaftsbunds, waren der Einladung in den Bendorfer Buchladen gefolgt, um die Erkenntnisse von Autorin Dr. Anne Höndgen und dem Leiter des Teams „Schriftenreihe“ im Freundeskreis, Dietrich Schabow, aus erster Hand zu verfolgen.

Freundeskreis-Vorsitzende Rehlinde Glöckner freute sich bei der Begrüßung besonders, dass die in Bayern lebende Autorin ihr Werk, das auf einer Magisterarbeit aus dem Jahre 1991 gründet, persönlich vorstellen konnte. Dr. Anne Höndgen hatte – damals noch unter ihrem Geburtsnamen Anne Aengenvoort - ihre wissenschaftliche Untersuchung über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterschaft der Sayner und der Mülhofener Hütte anhand von Originalquellen unterschiedlicher Archive und umfangreicher Fachliteratur erarbeitet. Gegenstand war der Zeitraum von 1815 bis 1914 – insgesamt einhundert Jahre, in denen beide Hütten sowohl Blütezeiten als auch wirtschaftliche Unsicherheiten erlebten. Vor dem Hintergrund einer Veröffentlichung in der Schriftenreihe des Freundeskreises erklärte sich Anne Aengenvoort gerne zu einer Bearbeitung ihrer Texte bereit. Dietrich Schabow ergänzte die Arbeit mit Erkenntnissen aus neuerer lokalhistorischer Forschung und sorgte zusammen mit dem Team des Freundeskreises für die Bebilderung und Gestaltung des Bandes.

Lebens- und Arbeitswelt blieb lange unerforscht

Die Lebens- und Arbeitswelten der Arbeiter in den Hütten waren lange Zeit in den vorliegenden wissenschaftlichen Betrachtungen und Forschungen zur Sayner und zur Mülhofener Hütte nur eine Randerscheinung. Die Untersuchungen bezogen sich vielmehr auf architekturhistorische und technikgeschichtliche Erkenntnisse und Gesichtspunkte. Die sozialgeschichtliche und arbeiterhistorische Erforschung der Lebens- und Existenzbedingungen der Hütten- und Gießereiarbeiter war weitgehend ausgeklammert. Dabei waren die Arbeitsbedingungen beider Hütten keineswegs gleich. In preußischer Zeit war die Sayner Hütte als Musterbetrieb konzipiert, zu dessen Aufgaben auch die Förderung neuer Produktionswege und Ausbildungsformen gehörte. In Sayn leistete dazu die von Carl Ludwig Althans gegründete Werkschule einen wertvollen Beitrag. In ihr wurden tüchtige Arbeiter zu Betriebsmeistern ausgebildet.

Anne Höndgen, die ihre Magisterarbeit 1991 an der Universität Bonn einreichte, beschäftigt sich im vorliegenden Band mit der regionalen und sozialen Herkunft der Arbeiter, vergleicht Arbeitsordnungen, Arbeitszeiten, Arbeitsprozesse und Arbeitsbedingungen. Die Lohn- und Altersstrukturen der Arbeiterschaft finden ebenso Beachtung wie das Thema Kinderarbeit und Ausbildung. Den betrieblichen Sozialleistungen der Firma Krupp widmet die Autorin einen Abschnitt und kommt zu dem Ergebnis, dass die Haltung der Unternehmensleitung zur Arbeiterschaft konservativ-patriarchalisch geprägt war.

Historische Studie bildete eine wichtige Quelle

Für Höndgen waren die Forschungen des französischen Sozialwissenschaftlers Le Play, die dieser 1851 während eines längeren Aufenthalts in Sayn betrieben hatte, eine wichtige Quelle. Le Play hatte am Beispiel einer konkreten Arbeiterfamilie die Lebensweise und die Haushaltung eines Industriearbeiters mit Zuverdienst aus der Landwirtschaft sowie seine soziale Stellung und Absicherung für Krankheitsfall und Ruhestand dokumentiert.

Die intensive Forschungsarbeit machte Fahrten zu Archivorten und längere Aufenthalte dort erforderlich. Dabei half der damaligen Studentin Anne Aengenvoort ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung, das von dem ehemaligen Beigeordneten der Stadt Bendorf und damaligen Vorsitzenden des Ortsvereins Bendorf des Deutschen Gewerkschaftsbunds vermittelt wurde. Ziel der Förderung war damals vor allem, das Museum der Stadt Bendorf sozialhistorisch und museumsdidaktisch auf einen neuen Stand zu bringen.

Nächster Band der Reihe ist bereits in Vorbereitung

Zum zweiten Mal präsentierte der Freundeskreis Sayner Hütte einen Band seiner Schriftenreihe im Bendorfer Buchladen. Rehlinde Glöckner bedankte sich in besonderer Weise beim Betreiber des Buchladens Uwe Sigismund für die gute Zusammenarbeit und kündigte gleich die Fortsetzung der Schriftenreihe an. Band 5 ist bereits in Vorbereitung.

Mit dem dritten Band „Eisenerz für die Sayner Hütte“ war ebenfalls ein erfreuliches Werk gelungen, das bereits aufgrund großer Nachfrage nachgedruckt werden musste.

Die Autorin hatte vor der Buchpräsentation nach 28 Jahren erstmals wieder die Sayner Hütte besucht und zeigte sich begeistert von den Veränderungen vor Ort. Höndgen: „Ich habe Sayn wiederentdeckt und bin gespannt darauf zu sehen, wie die Entwicklung voranschreitet.“

Anne Höndgen und Dietrich Schabow bei der Buchpräsentation.

Anne Höndgen und Dietrich Schabow bei der Buchpräsentation.

Arbeiter der Mülhofener Hütte 1898. Fotos: Freundeskreis Sayner Hütte e.V.

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