Gedanken im Blick - Glaube, Traditionen und Persönliches
Die Wunden heilen
Eine theologische Kolumne von Gunnar Bach
„Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.“ (Lk 5,31). Das Wichtigste ist: „Wunden heilen, die Wunden heilen.“ Das sagte Papst Franziskus vor ein paar Jahren in einem Interview. Und er vergleicht die Kirche mit einem Feldlazarett.
Viele Menschen sind verwundet. Doch die Kirche scheint diese Wunden nicht zu sehen. Sie wartet, dass die Sünder*innen kommen – zum Gastmahl. Doch viele Bänke bleiben leer, und das auch schon lange vor Corona. Jesus geht hinaus. Er wartet nicht darauf, dass die Sünder zu ihm kommen. Nein, er macht es umgekehrt. Er geht zum Beispiel zu Levi, einem Zöllner, hin. Er sieht ihn am Zoll sitzen. Er trifft ihn in seiner Lebenswelt, auf seiner Arbeit. Und er urteilt nicht über das Schlimme, was er tut, sondern er fordert ihn auf. „Folge mir nach“. Mit Erfolg. Levi schmeißt sogar eine große Party für Jesus, bei ihm zuhause. In seinem ganz privaten Raum. Da darf Jesus hinein. Und das stößt auf großen Widerstand, besonders des geistlichen und weltlichen Establishments. Wie kann er nur, sich mit solchen korrupten Leuten abgeben? Mit Sünder*innen. Sehen die Machthabenden die Wunden? Nein, sie schimpfen, sie verurteilen, sie reden über die Sünder*innen und Verwundeten, aber nicht mit ihnen. Und Jesus muss sich den Mächtigen gegenüber rechtfertigen.
Er wird von Lukas als Arzt gesehen. Doch Jesus ist gar kein ausgebildeter Arzt. Wer ist bei uns für die Verwundeten zuständig, sozusagen systemrelevant? Wir Hauptamtlichen in der Kirche? Wir regelmäßigen Gottesdienstbesucher*innen?
„Wunden heilen, die Wunden heilen“, das ist das Wichtigste. Damit die Wunden heilen können, müssen die Verwundeten von der Kirche erst einmal wahrgenommen werden. Nicht nur die Sünder*innen, auch die Verwundeten. Davon gab und gibt es viele. Jesus geht hin. Er sieht den einzelnen Menschen, seine Geschichte, seine Wunden. Sie brauchen ihn, als Heilenden, als Arzt. Damit Wunden heilen, müssen sie gesehen werden, gut behandelt werden, und dann können sie auch heilen, wenn Vertrauen da ist, zum Arzt. Und erst dann, sowas braucht Zeit, kann das große Fest gefeiert werden, mit persönlichem Bezug, weil der oder die Verwundete Jesus eingelassen hat, in seinen persönlichen Raum.
Was wäre das für ein Fest!
Ihr Gunnar Bach
