Allgemeine Berichte | 08.02.2024

Schriftsteller Heiner Feldhoff erinnert in der Musikkirche Ransbach-Baumbach ans Leben Pauline Leichers

Ein Abend als würdevolle Verneigung vor einem NS-Opfer

Heiner Feldhoff.  Foto: Peter Bongard

Ransbach-Baumbach. Nur ein paar Kerzen tauchen die Musikkirche in Ransbach-Baumbach in ein warmes Licht; Violinenklänge breiten sich durchdringend aus. Ein angemessener Anfang für einen besonderen Abend. Der Schriftsteller Heiner Feldhoff liest aus seinem Buch „Pauline Leicher oder Die Vernichtung des Lebens“. Ein Werk, das das Leben eines fast in Vergessenheit geratenen Eutanasieopfers nachzeichnet. Oder, wie es Pfarrer Carsten Schmitt zu Begrüßung formuliert: „Ein sehr persönlicher Appell, die Erinnerung zu bewahren und in dieser besonderen Zeit wachsam zu sein.“

Bevor Heiner Feldhoff und Claudia Schwamberger aus dem Werk lesen, erzählt der Autor, was ihn bewegt hat, sich dem Schicksal Pauline Leichers zu widmen. Da ist zunächst dieser „grauenhafte Schrecken“, wie ihn Feldhoff beschreibt. Damals, als er zum ersten Mal vom Schicksal der Frau aus dem Westerwalddorf Lautzert hört – aus dem Ort, in der Feldhoff selbst sein Jahrzehnten lebt. „Allmählich begreife ich: Das ist Deine Aufgabe. Du hast die Zeit und die Sprache, um davon zu erzählen.“

Feldhoff weiß, dass ihn das Kraft kosten wird. Die Unterschrift auf dem Titel des Buches ist das einzige Dokument, das heute noch von Pauline Leicher vorliegt, sagt er. Deshalb ist die Recherche außerordentlich mühsam. Denn über das Thema Euthanasie wird oft geschwiegen, sagt der Autor. Über Pauline Leichers Geschichte auch. Es gibt ein paar Gerüchte, einige wenige Zeitzeugen. Das Buch ist deshalb keine minutiöse Nacherzählung ihres Lebens. Eher ein Vortasten mit vielen Unterbrechungen und Besinnungspausen. So wie das Geigenspiel des Dekanatskantors Jens Schawaller, das die Lesung musikalisch einrahmt.

Die Reise beginnt für Feldhoff in Andernach. In der Rhein-Mosel-Fachklinik erinnert ein Container an die Ermordeten. Und dort steht auch der Name Pauline L. Ein Name, der in den Köpfen der Angehörigen heute oft gar nicht mehr existiert.

Heiner Feldhoff findet trotzdem einige wenige Spuren. Pauline Leicher, so erzählt er im Buch und in Ransbach-Baumbach, kommt 1904 in Lautzert zur Welt. Damals leben 160 Menschen in dem Dorf, viele von ihnen sind Kleinbauern oder Tonstecher. Pauline lebt in einer rechtschaffenden Arbeiterfamilie und hat sieben Geschwister. „Sie selbst ist bildhübsch, aber langsam im Denken. Ein liebes, ruhiges Kind. Ein Sonnenschein“, beschreibt sie Heiner Feldhoff.

Später wird ihre Kindheit dunkel: Ihr Vater stirbt, ihr Bruder nimmt sich mit nur elf Jahren das Leben. Pauline arbeitet als Magd in der Landwirtschaft, wird herumgereicht. „Sie war wohl intelligenzgemindert“, sagt Feldhoff. Menschen mit einer Behinderung werden damals auch „Ballastexistenzen“ genannt; auch von Wissenschaftlern, die schon vor der NS-Zeit laut über die Vernichtung unwürdigen Lebens nachdenken. Dann kommen die Nazis, und Pauline Leicher muss sich am 27. April 1936 im Gesundheitsamt Neuwied einem Test unterziehen. Der Befund: unauffällig. Und doch wird die junge Frau am 25. November 1937 unfruchtbar gemacht.

Heiner Feldhoff und Claudia Schwamberger erzählen im Wechsel davon, wie es fortan bergab ging. Pauline Leicher arbeitet bei einem Bauern, später als Putzfrau, wird immer wieder beleidigt, wird entlassen. Sie isst nichts mehr und weint viel, lesen sie. Dabei tragen die beiden den Text nüchtern und ruhig vor. Die Betonungen sind fein gesetzt; besonders zynisches Beamtendeutsch dehnen sie etwas. Mehr Dramatik brauchen die Worte nicht, denn sie sind kraftvoll genug.

Am 1. März 1940 wird Pauline Leicher in die Anstalt Andernach eingewiesen. Etwas mehr als ein Jahr später bringt ein Bus Pauline und weitere Frauen nach Hadamar. Als sie ankommen, sollen sie duschen. Doch statt Wasser strömt Gas aus den Leitungen. Pauline Leicher wird am 6. Mai ermordet. Als einer von 15000 Menschen, die in Hadamar zwischen 1941 und 1945 getötet werden. „Pauline Leichers Angehörige erhalten später einen ,Trostbrief‘ mit einem gefälschten Todesschein“, erzählt Feldhoff. Dieser Brief existiert heute nicht mehr.

Heiner Feldhoff ist mehrmals in der Gedenkstätte Hadamar. Erinnerungen an Pauline Leicher findet er dort nicht. Sein Buch erinnert an sie – die Annäherung an die Lebensgeschichte einer Unbekannten und Vergessenen. „Ich bin heilfroh ein ins Inferno verstoßenes Menschenkind über Raum und Zeit hinweg ein wenig begleiten zu dürfen“, schreibt er. Der Abend in Ransbach-Baumbach ist eine würdevolle Verneigung vor diesem Menschenkind.

Pressemitteilung

Evangelisches Dekanat

Westerwald

Heiner Feldhoff. Foto: Peter Bongard

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