Allgemeine Berichte | 20.02.2025

Bürgerinitiative „Sei ein Mensch, Mayen…“ beendet Veranstaltungsreihe

Ein Blick zurück nach vorn!

Der „Bunte Zug der Vielfalt“ bahnt sich seinen Weg auf dem Marktplatz Mayen vor dem City Center. Fotos: Karl Heinz Steffens

Mayen. Mit einer Versammlung unter Freiem Himmel hat die Bürgerinitiative „Sei ein Mensch, Mayen…“ ihre Veranstaltungsreihe zum Gedenktag an die NS-Verfolgung und zur Bundestagswahl abgeschlossen. An der Ecke Marktstraße/ Neustraße, gleich am Anfang der Mayener Fußgängerzone, organisierte die Initiative ein abwechslungsreiches Programm aus Wort- und Musikbeiträgen. Zu dessen Abschluss bewegte sich bereits zum zweiten Mal der „Bunte Lindwurm der Vielfalt“ über den Marktplatz und durch die Fußgängerzone der Eifelstadt. Begonnen hatte die Veranstaltungsreihe „Gedenken und nach vorne schauen!“ am 27. Januar. In Kooperation mit dem Corsokino in Mayen veranstaltete man den Filmabend „In Liebe, Eure Hilde“. 170 Zuschauer kamen zu dieser Vorstellung.

Die Fortsetzung fand bereits im Freien statt. „Mayen bleibt bunt“ lautete das Motto für einen Informationsstand mit Wort- und Musikimpulsen am 1. Februar in der Mayener Fußgängerzone.

„Wir wollen es nicht beim Gedenken belassen. Vielmehr Populisten jeder Couleur unsere lebendige Stimme für Toleranz und Vielfalt entgegensetzen“, betont Mechthild Peters eine der Initiatorinnen der Veranstaltungen.

Nur drei Tage vor „Mayen bleibt bunt“ kam es am Mittwoch, 29. Januar, zu einer völlig unerwarteten Abstimmung im Deutschen Bundestag. Mit den Stimmen von AfD, FDP und einigen fraktionslosen Abgeordneten stimmte das Parlament mit einer Mehrheit von vier Stimmen dem Entschließungsantrag der CDU/CSU-Fraktion zur drastischen Verschärfung des Ausländerrechtes zu.

Zwei Tage später, am Freitag, 31. Januar, scheiterte ein „Zustrombegrenzungsgesetz“ nur knapp. Am Vortag hatten die Berliner Büros der großen Kirchen in einer „Gemeinsamen Stellungnahme“ vor der Verabschiedung des Gesetzes gewarnt. Auch Ex-Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel hatte eine persönliche Erklärung gegen das Gesetz gestellt. Die Mehrheit gegen das Gesetz war trotzdem hauchdünn. Nur 11 Stimmen fehlten zur Verabschiedung.

Schockiert von den neuen Machtverhältnissen im Deutschen Bundestag änderten die Veranstalter den Titel ihrer Abschlussveranstaltung am 15. Februar: „Buntes Mayen - Blick zurück nach vorn“

Impulse – Musik – Bewegung

An deren Anfang stand das Lied „Rosen auf den Weg gestreut“, ursprünglich ein Gedicht von Kurt Tucholsky, geschrieben im schwedischen Exil 1931. Bereits zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nazis hatte Tucholsky seine Leser weitsichtig und sarkastisch mit der drohenden NS-Gewalt konfrontiert.

Verteilt auf vier thematische Schwerpunkte hatten die Initiatoren den Blick in die Zukunft aufbereitet und eine lebendige Diskussion mit Gästen und Mayener Bürgern angekündigt.

Ein Versprechen, das sie gehalten haben.

Im ersten Abschnitt Kirche & Religion betonte Metje Steinau, Pfarrerin der Evangelischen Kirche Mayen: „Wir blicken zurück, nicht, um zu verharren oder zu verherrlichen, sondern um frei nach vorne zu schauen und mit Mut und Kraft die Zukunft zu bewältigen. Wie diese Zukunft aussehen soll, haben wir selbst in der Hand.“

Aus der Würde des Menschen ergebe sich, dass gerade „Menschen, die es schwer haben, die fremd sind, zu unserer Gesellschaft dazugehören.“

Sie brauchen keinen Hass und keine Hetze. „Wir müssen sie unterstützen, ihnen helfen, vor allem aber sie als Mitbürger anerkennen. Nur so wahren wir die Vielfalt, die Buntheit auf Gottes Erde“, schloss die Pfarrerin ihren Impuls.

Jörg Schuh, Dekan im Pastoralen Raum Mayen stellte gleich zu Beginn seines Impulses „meine liebsten Kollegen, den „Herr-Mann Müsste“ vor. Der verstehe es bestens Forderungen zu stellen. Andere zum Handeln aufzufordern, das sei meist sehr leicht .

„Aber ich selbst, auf mich gestellt? Da wird es erheblich schwieriger. Was bedeutet die „Würde des Menschen“ für mich persönlich? Was ist mein Beitrag sie zu sichern und für jeden Menschen zu verteidigen.“

Zum Abschluss des ersten Abschnitts stimmte das Projektensemble „Sei ein Mensch, Mayen...“ das Lied „Wenn man in einen falschen Zug einsteigt…“ an. Dessen ernüchterndes Fazit: einmal falsch eingestiegen „nützt es nichts, wenn man im Gang gegen die Fahrtrichtung läuft (und läuft und läuft und läuft).

Ulrich Klan, Chorleiter aus Wuppertal, hat auf dieses Zitat von Dietrich Bonhoeffer einen Kanon komponiert. Sofort hatte Klan seine Zustimmung gegeben, sein Lied in die Eifel nach Mayen zu „exportieren“. Für die Proben des Projektensembles hatten nur 90 Minuten zur Verfügung gestanden. Dank einer sehr erfahrenen Chorleiterin brachte das Ensemble ein respektables Ergebnis auf die Straße. Die Melodie war eingängig. Bald sangen fast alle Gäste und Passanten gemeinsam gegen die eisige Kälte. So brachte es „Der falsche Zug…“ sogar in die Abendnachrichten des SWR Fernsehens Rheinland-Pfalz.

Flüchtlinge und Ausgegrenzte

Bruder Lukas Ruegenberg OSB, Mönch in Maria Laach im 96. Lebensjahr, eröffnete das nächste Panel. Die ModeratorInnen hatten Bruder Lukas die Anreise aus Maria Laach in die eiskalte Mayener Innenstadt nicht zumuten wollen. Als Platzhalter hatten sie einen liebevoll dekorierten Stuhl eingerichtet. Dieser Stuhl war dekoriert mit einem seiner ersten Kinderbilderbücher und einem Foto, das ihn auf den Stufen des Eisenbahnwagons auf dem Gelände des „Kellerladens“ zeigt. Den hatte Bruder Lukas bereits im Jahr 1972 im Kölner Stadtteil Bickendorf gegründet.

Desweiteren ein Plakat „Die Cellistin von Auschwitz“, zu seiner gerade erst zu Ende gegangenen Ausstellung in der „Alten Synagoge Niederzissen“.

Sein Statement hatten die ModeratorInnen am Wochenende zuvor bei einem Besuch in Maria Laach aufgezeichnet. Björn Zielke vom „Haus der Jugend“, Mayen spielte den O-Ton über die Lautsprecheranlage.

Bruder Lukas beschreibt darin seine Erfahrungen als Jugendlicher im Berlin der Nazizeit. Seine mutige, Hitler-kritische Mutter prägte mit ihrer Zivilcourage „mein ganzes weiteres Leben“.

Nachdem sie mit einer jüdischen Nachbarin eine Stunde für Brot angestanden hatte, wollte die Verkäuferin diese Jüdin wieder an das Ende der Schlange zurückschicken. Ruegenbergs Mutter forderte laut: „Die Dame bekommt jetzt ihr Brot!“

Der Stimme von Bruder Lukas hörte man an, wie energisch seine Mutter diese Forderung vorgetragen hatte. Das Brot wurde ausgegeben.

Nach Bruder Lukas „Blick zurück auf die Ausgrenzung der Juden in der Nazizeit“ beschrieb im aktuellen Teil dieses Panels Liwesa FaizZada, die neue stellvertretende Vorsitzende des Ausländerbeirates der Stadt Mayen, zunehmende Ressentiments gegen Ausländer und Flüchtlinge: „Wir leben seit 2016 in Mayen, und bewähren uns in Schule und Beruf. Über acht Jahre haben wir für eine sichere Zukunft in Deutschland gekämpft. Viele Flüchtlinge sehen diese Zukunft jetzt bedroht.“

Gertrud Kohlhaas vom „Netzwerk Flüchtlingshilfe im Raum Mayen“ beschrieb wie deutsche Freiwillige die neu Ankommenden durch Sprachkurse und Hilfen im Kontakt mit deutschen Behörden unterstützen. Flüchtlingshelferin Angelika Diagayete ergänzte: „Ich bin Teil einer bunten Familie und möchte, dass mein Mann, meine Kinder und Schwiegerkinder sowie meine Enkelkinder in unserem Land (…) ohne Hass, Hetze und Rassismus leben können.“

Josef Brodam von der Lebenshilfe Mayen beschrieb, wie die Euthanasie der Nazizeit brutal das Leben behinderter Menschen auslöschte. Darauf sei „Inklusion“ die Antwort. „Diese muss nicht beschworen sondern gelebt werden!“

Die Barmherzigen Brüder Saffig bieten psychisch kranken Menschen Unterstützung, Therapie und Heimat. Erik Hau, in Saffig „Direktor Unternehmenskultur“ war erst vor Kurzem damit konfrontiert, dass eine Bürgerinitiative die Wiedereingliederung ehemals psychisch kranker Straftäter um jeden Preis verhindern wollte. Sein Fazit „Die Menschenwürde von psychisch Kranken darf nicht mit Füßen getreten werden!“

Internationale Kontakte und Städtepartnerschaften

„Aus Fremden werden Bekannte und Freunde…“, so fasste Michael Sexauer, stellvertretender Vorsitzender des Deutsch-Tschechischen Freundschaftskreises Mayen - Uherské Hradište seine Erfahrungen mit dieser 30-jährigen Städtepartnerschaft zusammen. Sein Statement war der Auftakt zum vierten Themenschwerpunkt.

Burkhard Vielhaber vom Freundeskreis Mayen - Tschyhyryn hatte gerade erst ein Päckchen aus der Partnerschule in der Ukraine mit selbstgebastelten Postkarten erhalten: „Partnerschaften sind keine Einbahnstraße!“

Eine Hymne zum Abschluss

Der Vormittag in Mayens Fußgängerzone endete mit Leonard Cohens Lied „Anthem“ (Hymne) von 1992. Lothar Evers formulierte -voice over- Cohens Fazit: „Die Glocken läuten, die noch nicht verstummt sind… auf perfekte Verlockungen verzichten... denn Risse und Sprünge gibt es in Allem und überall... Nur so kommt Licht ins Dunkel“

„Ring the bells that still can ring

Forget your perfect offering There is a crack, a crack in everything That´s how the light gets in“

Mechthild Peters bat die Teilnehmer sich zum „Bunten Lindwurm der Vielfalt“ aufzustellen. Mit dessen Starthymne dem in österreichischen Akzent vorgetragenen „Awarakadabara“ formierten sich die Teilnehmer in Richtung Marktplatz.

Nach einem Blick zurück ein Marsch nach vorn!

Metje Steinau, Pfarrerin Evangelische Kirche Mayen bei ihrem Eröffnungsimpuls im Panel „Kirche und Religion und Moderatorin Mechthild Peters (li.)

Metje Steinau, Pfarrerin Evangelische Kirche Mayen bei ihrem Eröffnungsimpuls im Panel „Kirche und Religion und Moderatorin Mechthild Peters (li.)

Das Projektensemble „Sei ein Mensch, Mayen trägt das Lied „Wenn man in einen falschen Zug einsteigt“ vor.

Das Projektensemble „Sei ein Mensch, Mayen trägt das Lied „Wenn man in einen falschen Zug einsteigt“ vor.

Auf dem Panel Ausgegrenzte und Flüchtlinge der Veranstaltung „Blick zurück nach vorn (v.l.): Angelika Diayagete, Gertrud Kohlhaaas und Liwesa FaizZada.

Auf dem Panel Ausgegrenzte und Flüchtlinge der Veranstaltung „Blick zurück nach vorn (v.l.): Angelika Diayagete, Gertrud Kohlhaaas und Liwesa FaizZada.

Mechthild Peters (re.) und Manuela Wange.

Mechthild Peters (re.) und Manuela Wange.

Der „Bunte Zug der Vielfalt“ bahnt sich seinen Weg auf dem Marktplatz Mayen vor dem City Center. Fotos: Karl Heinz Steffens

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