Allgemeine Berichte | 26.03.2019

Mediziner Rainer Böhm hilft ehrenamtlich

Ein Lotse mit dem Blick fürs Ganze

Seinen roten Rucksack hat Dr. Rainer Böhm immer gepackt. Über 100 ehrenamtliche Hausbesuche haben er und sein Rucksack auf dem Buckel.Foto:-SEL-

Grafschaft-Ringen. Die Hinwendung zum Menschen ist die Leidenschaft von Mediziner Rainer Böhm. 45 Jahre lang machte er seine Passion zum Beruf, weite Teile davon mit eigener Niederlassung als Dermatologe in der Kur-stadt. Seit knapp zwei Jahren kümmert sich der Arzt im Ruhestand nun einmal in der Woche ehrenamtlich um medizinische Notfälle und unzureichend versorgte Patienten in der Grafschaft. Zu Beginn bestand sein Patientenklientel insbesondere aus Asylsuchenden. Mittlerweile sind es im Rahmen des von der Caritas geleiteten Projektes „Älterwerden in der Grafschaft“ vermehrt hilfsbedürftige Senioren, denen er bei Bedarf auch einen Hausbesuch abstattet.

Zugegeben: Der Woche eines klassischen Ruheständlers entspricht die des 73-jährigen Rainer Böhm nicht. Montags und wenn der Montag ein Feiertag ist am Donnerstag, berät er ehrenamtlich Patienten im Praxiszimmer des Ringener Rathauses. Jeden Dienstag praktiziert er drei Stunden in seiner Privatpraxis in Bad Neuenahr. Zudem ist er seit über 40 Jahren als Arbeitsmediziner für ein Unternehmen tätig. Wieso er sich ein solch straffes Programm im Ruhestand antut? Die Antwort auf diese Frage wurzelt in der Lebensphilosophie des ganzheitlich arbeitenden Mediziners. Jeden Tag bewusst leben, die grauen Zellen nutzen und Dinge zu tun, die Freude bereiten, so sein Credo. Dazu gehören als Ausgleich zum Medizinerdasein, das tägliche Telefonat um zehn Uhr mit seiner Frau, die Zeit für seinen Hund und der Karneval.

Ein Blick hinter die Fassade

Wer ist der Mann, der seinen eigenen Zustand als „Unruhezustand“ umschreibt? Als Arzt, der Nagellack trägt, hat er längst seinen Ruf weg. Doch ein zweiter Blick auf die Hände des Mediziners lohnt. Ganze sieben Ringe, die seine Finger zieren, fallen auf. Vier von ihnen haben eine persönliche Bedeutung und sind zu täglichen Wegbegleitern geworden. Neben seinem Ehering sind dies ein Geschenk und ein Erbstück seiner Mutter. Zuletzt ziert den kleinen Finger der linken Hand ein Ring mit dem Yin-Yang-Symbol. Yin und Yang bilden die Grundlage der traditionellen chinesischen Medizin, die Krankheit als Folge eines Ungleichgewichts und Gesundheit als Harmonie der Gegensätze versteht. Gegensätze wie das taffe Auftreten des großen, hageren Mannes, welches den sensiblen und tiefgründigen Menschen hinter der Fassade nur erahnen lässt. Auch ein Blick hinter die „Fassade“ des Praxiszimmers in Ringen lohnt. Zwischen Behandlungsliege, Waage und Fachliteratur, wird auch hier die persönliche Note des Mediziners deutlich. Ein Akupunkturmodell am Kopf der Behandlungsliege auf der Fensterbank, gleich neben einem Bild seines Hundes. Naturheilkundliche mischt sich unter klinische Fachliteratur, im Kühlschrank neben Injektionslösung statt etwas Kaffeesahne für das Heißgetränk, welches der Mediziner aus seiner Schutzengel-Tasse trinkt.

Als Lotse in der Grafschaft tätig

Was ihn am kommenden Montag im Ringener Rathauskeller erwartet, das weiß Böhm nie so genau. Sein Aufgabenportfolio ist entsprechend breit gefächert. Medizinische Erstversorgung mit einer anschließenden Weiterleitung an fachkundige Kollegen zählen ebenso dazu wie Beratungsgespräche, in denen es vor allem um ausführliche Aufklärung geht. Hausbesuche leistet er ihm Rahmen des Caritas-Projektes „Älterwerden in der Grafschaft“ bei Patienten, die nicht mehr ausreichend mobil sind, um in die barrierefreie Praxis zu gelangen oder einen Arztbesuch fürchten. Stigmatisierung ist da laut Einschätzung des Mediziners ein großes Thema. „Viele der Patienten haben keine Angst vor dem Arztbesuch an sich, sondern vor der Bewertung von außen. Auch und gerade in einer älterwerdenden Gesellschaft werden die Beschwerden des Alters häufig unter den Teppich gekehrt.“ Was sind da die typischen Beschwerden? Knochen- und Gelenkschmerzen sind ein häufiges Problem. Nicht selten leiden die Patienten, die Rainer Böhm in seiner Lotsenfunktion zu Gesicht bekommt, aber auch oder hauptsächlich seelisch. Dies äußert sich bei einem Patienten in Magenbeschwerden, bei einem anderen in einer bereits manifestierten Essstörung. Hier braucht es Zeit, Geduld und Fingerspitzengefühl, um Zusammenhänge zwischen Körper und Seele verständlich zu erklären. Bei seiner Beratung steht für Böhm der Mensch im Vordergrund, das theoretische Fachwissen ist nur die Basis, auf die er zurückgreift. Apropos Fachwissen – davon hat der Mediziner einiges vorzuweisen. Bereits während seines Medizinstudiums in Bonn und Paris, besuchte er Veranstaltung verwandter Disziplinen wie der Psychologie. Der ganzheitliche Ansatz prägte ihn und seine medizinische Laufbahn von der Pike auf.

Wie oft ein Patient bei Böhm vorstellig wird, hängt maßgeblich vom Störungsbild ab. Mitunter reicht ein einziges Gespräch, in anderen Fällen bedarf es häufigerer Beratung. Auch bei seinen ehrenamtlichen Hausbesuchen, die durchschnittlich einmal in der Woche vorkommen, ist seelisches Leid ein großes Thema. Bei keinem seiner über 100 Hausbesuche in den vergangenen zwei Jahren, hat er das Instrumentarium aus seinem roten Rucksack je benötigt. Statt Instrumenten und Medikamenten waren vor allem Zeit und ein offenes Ohr gefragt.

Lob und kritische Stimmen

Lob, Dankbarkeit, Schulterklopfen - das Feedback, das Rainer Böhm von Patienten und Angehörigen erhält, ist durchweg positiv. Etwas differenzierter fällt die Reaktion der Kollegen aus. Die meisten begrüßen und schätzen sein Engagement und seine Vorarbeit als Lotse mit fachlichem Hintergrund. Freilich äußern sich aber vereinzelt auch kritische Stimmen. Solche Reaktionen gehen selbst an einem so erfahrenen Mediziner wie Böhm nicht spurlos vorbei. „Mit dem Alter wird man sensibler“ erklärt er. Bei einem runden Tisch mit dem Bürgermeister wurden die Irritationen mittlerweile ausgeräumt.

Seinen roten Rucksack hat Dr. Rainer Böhm immer gepackt. Über 100 ehrenamtliche Hausbesuche haben er und sein Rucksack auf dem Buckel.Foto:-SEL-

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