Telefonseelsorge Mittelrhein feiert 50-jähriges Bestehen
Ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte
74 ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen für Erreichbarkeit rund um die Uhr und bieten Raum für vertraulichen Dialog
Koblenz. Eine Annonce in der englischen Tageszeitung „Times“ im Jahr 1953 soll die Geburtsstunde der Telefonseelsorge gewesen sein. Ein Londoner Pfarrer hatte inseriert: „Bevor Sie Selbstmord begehen, rufen Sie mich an“. 1956 wurde die Telefonseelsorge Deutschland in Berlin gegründet. Als Netzwerkpartner ging 1966 die „Telefonseelsorge Koblenz“, betrieben von einer Handvoll engagierter Ehrenamtler, ans Netz. Wichtigster Unterstützer der Telefonseelsorge in Deutschland ist seit 1997 die Deutsche Telekom, die die Notrufleitungen kostenfrei zur Verfügung stellt. Damit ist die Einrichtung bundesweit gebührenfrei unter den einheitlichen Rufnummern 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar. Die Mail- und Chatseelsorge ist überregional installiert und über www.telefonseelsorge.de anwählbar.
Angebot ist christlich geprägt
In Koblenz wurde die Telefonseelsorge einige Jahre nach ihrer Gründung ökumenisch, als sich evangelische und katholische Kirche mit einer kompetenten fachlichen und finanziellen Unterstützung einbrachten. Damit einher ging eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter, was das christlich geprägte Beratungsangebot erheblich professionalisierte. Jetzt konnte den Menschen aus der Region in ihren Lebenskrisen noch fundiertere Unterstützung gegeben werden. Die Gespräche sind für beide Seiten anonym gehalten und werden an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr angeboten. Darauf ist Diplom-Sozialpädagoge Ulrich Heinen besonders stolz. Er ist katholisch neben der evangelischen Pfarrerin Carmen Tomaszewski eine von zwei hauptamtlichen Kräften im Leitungsteam, das komplettiert wird durch die ehrenamtlich arbeitende Vorsitzende des Vereins „Telefonseelsorge Mittelrhein e.V.“, Dr. Doris Caspers. Gemeinsam mit dem Bistum Trier und dem evangelischen Kirchenkreis Koblenz ist der Verein Träger der „TelefonSeelsorge Mittelrhein“ (TSM), wie sich das Angebot seit 2010 nennt.
74 ehrenamtliche Seelsorger
Obwohl die TSM im Jahr 2015 mehr als 8.000 Stunden zur Entgegennahme von 21.458 Anrufen aufbrachte, woraus sich 12.336 Seelsorgegespräche entwickelten, erstaunt es, dass die Existenz der Hilfseinrichtung in Koblenz kaum bekannt ist. Um so geräuschvoller muss sie auftreten, wenn sie auf der Suche nach ehrenamtlichen Mitarbeitern und Sponsoren ist. Mit einem größeren Mitarbeiterstab, derzeit leisten 74 ehrenamtliche Seelsorger Dienst bei der TSM, könnte auch die Technik erweitert werden. Aktuell stehen im Verbund mit vier weiteren Telefonseelsorge-Stellen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland lediglich sechs Telefonleitungen für ein Einzugsgebiet von etwa vier Millionen Menschen zur Verfügung. Die Folge ist, dass viele, die ein Seelsorgegespräch anfragen, in einer Warteschleife landen. Auf die, die durchkommen, warten Gesprächspartner, die im Durchschnitt dreißig Minuten Zeit aufwenden, um den Ratsuchenden im vertraulichen Dialog viel Raum zu geben, das mitzuteilen, was ihnen Sorgen bereitet, führt Heinen aus. Die Telefonseelsorger bieten weder eine Therapie an noch Belehrungen für die Anrufer. Statt dessen hören sie ihnen wertschätzend zu, beruhigen sie, geben ihnen Sicherheit und versuchen, sie für die nächste, größtmögliche Zeitspanne zu stabilisieren sowie ihnen gegebenenfalls aufzuzeigen, wo sie weitere Hilfen bekommen können. Caspers konkretisiert: „Die Ratsuchenden wollen von uns nicht ihr Leben gelebt bekommen.“ Damit den Anrufern nicht „die eigenen Probleme übergestülpt“ werden, sei für den Telefonseelsorger die Fähigkeit der Selbstreflexion unerlässlich, ein bewusster Umgang mit den eigenen Lebenserfahrungen Voraussetzung, ergänzt Tomaszewski. In erster Linie gehe es darum, gemeinsam mit dem Anrufer dessen Sorgen und Schmerz auszuhalten. Ein für die Mitarbeiter besonders schwer auszuhaltendes Thema sei „Pädophilie“, sagt Heinen, vor allem, wenn es aus der „Tätersicht“ an sie herangetragen werde. Für die Zukunft müsse genauer überlegt werden, wie die TSM mit Tätern umgeht. Was könne in diesen Fällen eine seelsorgerische Haltung sein? Da tue sich etwas Neues für sie alle auf.
Bei wenigstens der Hälfte aller Anrufer drehe sich das Gespräch jedoch um die empfundene Einsamkeit aufgrund fehlender sozialer Kontakte. Da sei ein Anruf bei der TSM der „Draht in die Welt“. Die Telefonseelsorger müssen sich auskennen und umgehen können mit Depressionen, mit suizidalen Menschen, mit dem vielschichtigen Thema Gewalt, mit den Sorgen und Nöten von Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Glaubensinhalten. „Wir sind mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein im Dienst“, stellt Caspers heraus. Für Gespräche, die dem Telefonseelsorger extrem unter die Haut gehen, sagt sie, sei das Angebot von Supervisionen eine wichtige Stütze, um im Gruppenkontext Reflexionsmöglichkeiten zu erhalten. 2015 wurden insgesamt 163 Supervisionsstunden geleistet. Unter dem Strich zeige die Geben-Nehmen-Bilanz für den Telefonseelsorger jedoch ein Plus auf der Nehmen-Seite auf. Im Vergleich mit anderen erfahre man oft eine große Dankbarkeit für das eigene Leben.
Gründliche Ausbildung
Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Telefonseelsorger umfasst 120 Stunden, in denen umfangreiche Kenntnisse in der Gesprächsführung und hinsichtlich der vielfältigen Themen rund um die Seelsorge vermittelt werden. Deshalb stehen erst nach jeweils anderthalb Jahren die neuen Mitarbeiter mit etwa 120 Dienststunden pro Jahr, Wochenend- und Nachtdienste eingeschlossen, am Start. Wer sich für die Arbeit und Mitarbeit bei der TSM interessiert, erhält weitere Informationen im Internet unter „www.telefonseelsorge-mittelrhein.de“. Zur Feier ihres 50-jähriges Bestehens und Wirkens in der und für die Region Koblenz lädt die „TelefonSeelsorge Mittelrhein“ am 16. November um 15 Uhr zu einem ökumenischen Gottesdienst in der Citykirche am Jesuitenplatz ein. Im Anschluss gibt es für geladene Gäste einen Empfang im Historischen Rathaussaal. BSB
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