Allgemeine Berichte | 09.07.2016

Judith N. Levi, Enkelin von Rabbi Albert Levi, machte auf ihrer bundesweiten Lesereise Halt in Mayen

Eine Jüdin auf den Spuren ihrer Väter

Judith N. Levi: „Mayen, das bedeutete für mich eine andere Zeit, eine andere Schrift, eine andere Sprache“

Im Caritas-Mehrgenerationenhaus St. Matthias kamen sie miteinander ins Gespräch: (vorne, von links) Tina Heidger und Judith N. Levi sowie (stehend, von links) Martin Dresler-Schenck, Christoph Schmitz, Emad Girgis, Oberbürgermeister Wolfgang Treis und Caritas-Geschäftsführer Werner Steffens.  E.T. Müller

Mayen. Rabbi Albert Levi war der letzte Rabbiner, Kantor und jüdische Lehrer in Mayen. Früh genug im Jahr 1934 hatte die Familie Mayen verlassen. Seine Enkelin, die amerikanische Linguistin Professor Dr. Judith N. Levi, machte bei ihrer deutschlandweiten Lesereise Halt bei der Caritas in Mayen, vielleicht die emotionalste Station ihrer „Reise der Versöhnung – Eine Jüdin entdeckt ein verändertes Deutschland“. Viele Zuhörerinnen und Zuhörer waren zur Lesung ins Café CaTI des Caritas-Mehrgenerationenhauses St. Matthias - Haus der Familien gekommen, unter ihnen auch Mayens Oberbürgermeister Wolfgang Treis und Christoph Schmitz, Vorsitzender des Caritasverbandes Rhein-Mosel-Ahr e. V.. Allein der Name der Stadt hatte für die Buchautorin eine besondere, geradezu schon magische Bedeutung: „Mayen war für mich wie ein sagenumwobenes Königreich, der Name eines Ortes, an dem ich nur im Traum war. Mayen, das bedeutete für mich eine andere Zeit, eine andere Schrift, eine andere Sprache.“ Und sie berichtete mit großen Emotionen von ihrem ersten Besuch in der Eifelstadt und von der herzlichen Aufnahme bei Martin Dresler-Schenck von der christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft. Dieser positiven Erfahrung standen zunächst unüberwindbar scheinende Hürden entgegen. „Früher dachte ich, alles in Deutschland sei irgendwie verseucht und meine Geringschätzung sei moralisch unanfechtbar“, so Judith N. Levi. Deutschland hatte die Professorin nie besonders interessiert. Ihre Eltern seien ja Juden und nicht Deutsche. Erst ihre israelische Cousine wies ihr den Weg ins Land ihrer Vorfahren.

Jahrestag der Reichspogromnacht 1998

Und sie erzählte im Café CaTI vom 60. Jahrestag der Reichspogromnacht, den sie am 9. November 1998 in Mayen erlebt hatte: „Dass solche Gedenkveranstaltungen auf deutschem Boden abgehalten wurden, hatte ich nicht gewusst. Die Prozession führte von der Synagoge zum Haus Levi und von dort zum jüdischen Friedhof. Diese Erfahrung würde mich gründlich verändern, und zwar zum Guten. Mir wurde klar, dass sie Albert, meinen Großvater, mehr ehrten, als ich es je tat. Mein Großvater wurde für mich lebendiger.“ Bei der Begegnung mit den Orten ihrer Vorfahren fand die New Yorker Jüdin zurück zu ihren deutschen Wurzeln, denn auch diese gehören zu ihrer Identität. Kein Mensch lässt sich auf nur eine Eigenschaft begrenzen, betonte die Referentin: „Für die, die an Gott glauben, sind wir alle Kinder Gottes, Menschen, die nicht auf ein Kriterium zu reduzieren sind, wie etwa der Jude, der Araber und viele weitere.“ Durch ihre mittlerweile 13 Besuche verstärkte sich ihre jüdische Identität, und sie gewann einen weiteren Mosaikstein hinzu: „Als Tochter deutscher Juden komme ich nach Deutschland, als jemand, der sehr deutsch ist. Und ich erkenne viel mehr meine deutsche Identität.“ Auch die vielen Gespräche zum Thema Versöhnung änderten ihre Sicht. Gerne würde Judith N. Levi die englische Übersetzung ihres Buches in Amerika veröffentlichen, denn „in den USA weiß man sehr wenig über das neue Deutschland. Die Amerikaner und auch die Juden sind immer überrascht.“

Lebendige Erinnerungen

Judith N. Levi streckt die Hand zur Versöhnung aus. In der Heimat ihrer Großeltern fand sie einen großen deutschen Freundeskreis. Heute schätzt sie die positiven Auswirkungen deutsch-jüdischer Versöhnung, die der Tochter von Emigranten ein wichtiges Stück ihres Seins zurückgegeben haben.

Auch für die Zuhörer war die Lesung im Caritas-Mehrgenerationenhaus eine wichtige Begegnung. Und der eine oder andere erinnerte sich vielleicht an seine Eltern und Großeltern, die ihren Kindern und Enkeln vom jüdischen Leben in Mayen und vom traurigen Ende, von der Deportation erzählt hatten.

Auch Oberbürgermeister Wolfgang Treis ließ sich von Judith N. Levi ein Buch signieren.

Auch Oberbürgermeister Wolfgang Treis ließ sich von Judith N. Levi ein Buch signieren.

Im Caritas-Mehrgenerationenhaus St. Matthias kamen sie miteinander ins Gespräch: (vorne, von links) Tina Heidger und Judith N. Levi sowie (stehend, von links) Martin Dresler-Schenck, Christoph Schmitz, Emad Girgis, Oberbürgermeister Wolfgang Treis und Caritas-Geschäftsführer Werner Steffens. Fotos: E.T. Müller

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