Allgemeine Berichte | 12.08.2016

Koblenzer Rechtsanwältin und Mitglieder der Deutsch-Kurdischen Juristenvereinigung reisten in den Irak

Einsatz und Unterstützung für ein unabhängiges Kurdistan

Dlovani mit Frauen aus der Region bei der Ankunft in Lalish. Dietmar Guth

Koblenz. Als Ezidin (auch: Jesidin) gehört Zemfira Dlovani einer religiösen Minderheit innerhalb der mehrheitlich sunnitischen Kurden an. Durch Flucht vor Diskriminierung und Verfolgung gelangte ihre Familie schon im Jahr 1915 nach Armenien, wo Dlovani ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschlechterte sich zunehmend die Situation auch für die Eziden, sodass sie mit 14 Jahren gemeinsam mit der Familie in das sichere Deutschland auswanderte - nach Bielefeld, wo sie später ihr Abitur machte und anschließend Jura studierte. Im Jahr 2011 gelangte die jetzt 37-Jährige von ihrem letzten Wohnort, dem nordrhein-westfälischen Essen nach Koblenz. Hier ließ sie sich als Rechtsanwältin, als Fachanwältin für Sozialrecht nieder.

Politisches Engagement auf vielen Ebenen

Dlovani bezeichnet sich als einen politischen Menschen, der Kritik klar und deutlich zum Ausdruck bringt, dabei aber stets politisch korrekt bleibt. Geprägt von der über tausendjährigen Geschichte des Volkes, das seit seiner Existenz mehr als siebzig Genozide erleiden musste, sei man als Ezide wohl von Geburt an politisch, meint sie. Folgerichtig schloss sie sich in Deutschland einer politischen Partei an. Am ehesten konnte sie sich mit der CDU und ihren Werten identifizieren; auch, weil sie ihrer Meinung nach das ihr wichtige Thema Migration und Integration am stärksten fokussiert. Zusätzlich ist sie Gründungsmitglied des in der Partei organisierten Christlich-Alevitischen Freundeskreises, in dem sie sich für ein friedliches Miteinander nicht-muslimischer Minderheiten und der gemeinsamen Gestaltung von Politik engagiert. Schon von Jugend an sei es ihr dringender Wunsch gewesen, Recht zu studieren und das Gelernte zu nutzen, um den weitestgehend rechtlosen Kurden, das weltweit größte Volk ohne eigenen Staat, speziell den ezidischen Kurden zu helfen. Als sie im Sommer 2014 durch die Berichterstattung im Fernsehen von dem durch den „Islamischen Staat“ begangenen Völkermord an Eziden und anderen, in dessen Augen Ungläubigen, im Irak erfuhr, lebten in ihr die Bilder von Versklavung, Misshandlung und Mord auf, die ihr Urgroßvater in seinen Erzählungen aus seiner Jugend immer wieder aufgemalt hatte. Ihr war klar, dass sie etwas tun musste. Auf jeden Fall wollte sie alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen, um die Öffentlichkeit auf das grauenhafte Schicksal ihres Volkes hinzuweisen. Seitdem gibt sie zahlreiche Interviews, hält Vorträge und beteiligt sich an Informationsveranstaltungen. Als ihr die Idee der Gründung einer Deutsch-Kurdischen Juristenvereinigung (DKJV) vorgestellt wurde, war sie sofort begeistert. Prompt wurde sie im Januar 2015 Gründungsmitglied dieses Netzwerks für Juristen mit Fokus auf Minderheitenschutz und Rechtsstaatlichkeit. Bei den Vorstandswahlen im Mai 2015 wurde sie zur 2. Vorsitzenden gewählt. Über diese Vereinigung und ihr schnell wachsendes Netzwerk will sie Praktika und Arbeitsplätze für Jura-Studenten und Absolventen des Jura-Studiums vermitteln und später möglichst auch einen Studentenaustausch realisieren, innerhalb dessen kurdischen Studenten an der Universität das deutsche Rechtssystem vorgestellt wird. Ferner steht die DKJV den juristischen Kollegen in Kurdistan als Kooperationspartner zur Verfügung. Außerdem gründete sie sich in der Hoffnung, fachliche Beiträge zum deutschen Asyl- und Ausländerrecht leisten zu können und die Zuwanderungsdebatte in Deutschland mitzuprägen.

„An Kurdistans Verfassung mitzuarbeiten wäre ein Traum“

Mit dem Ziel, Lobbyarbeit zu leisten, traten im März dieses Jahres 14 Mitglieder der DKJV aus Belgien, der Schweiz und Deutschland, darunter auch Zemfira Dlovani, eine Delegationsreise nach Südkurdistan im Norden des Iraks an, wo sich das Hauptsiedlungsgebiet der Eziden befindet. Hier sollten Partner gefunden werden, um als juristische Fachorganisation die demokratische und rechtsstaatliche Entwicklung Südkurdistans zu unterstützen. Gemeinsam mit der Parlamentarischen Union Kurdistans (KPU) vereinbarten sie, sich für die Unabhängigkeit Kurdistans einzusetzen. „Mit unserem Knowhow an Kurdistans Verfassung mitzuarbeiten – das wäre ein Traum!“, sagt Dlovani, die als Juristin mit kurdischen Wurzeln und Kontakten in die deutsche Politik gefragter Gesprächspartner während der achttägigen Reise war. Von Erbil, der im Irak gelegenen Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan, wo natürlich die Besichtigung der Zitadelle (UNESCO Weltkulturerbe) auf dem Programm stand, besuchten sie unter anderem das kurdische Parlament, die Heilige Stätte der Eziden in Lalish mit der Grabstätte von Scheich Adi, Menschen in Flüchtlingscamps sowie die zerstörte, aber seit November vorigen Jahres durch kurdische Kämpfer von der Terrormiliz IS befreite Stadt Shingal („wo man den Krieg noch riechen konnte“). Außerdem gab es zahlreiche Treffen mit bedeutenden politischen und religiösen Amtsträgern, mit ezidischen Abgeordneten, ezidischen Militär-Kommandeuren, Vertretern der kurdischen Anwaltskammer, dem Justizminister und vielen mehr.

Hilfe für traumatisierte und misshandelte Frauen

Die Reise hat tiefe Eindrücke bei Dlovani hinterlassen. Vor allem die Treffen mit den Vertretern aller Religionen und Ministerien haben ihr gezeigt, dass es jetzt gelte, die wohl bestehenden demokratischen Strukturen in Südkurdistan zu stärken. Sie sieht die Kurden zwar als ein liberaleres Volk an als die Nachbarn im Nahen Osten, aber auch in Kurdistan wäre noch sehr viel zu tun. Um zu erleben, wie sich ihr Volk hier weiterentwickelt, will sie mindestens einmal pro Jahr wieder herkommen. Es gelte, langfristig zu denken und Projekte und Ideen entstehen zu lassen. Auch konkrete Pläne gibt es schon. Zusammen mit der Frauenunion will Dlovani es schaffen, dass das Land Rheinland-Pfalz die Kosten übernimmt, um die von IS-Kämpfern misshandelten, traumatisierten Frauen und Kinder als Kontingent-Flüchtlinge herzuholen, damit sie hier psychologisch betreut werden können. Vielleicht gelingt es ihr sogar, Geld aufzubringen, um Frauen, die sich noch in IS-Gewalt befinden, freizukaufen. Ihren persönlich größten Wunsch bezeichnet sie als fast ein wenig egoistisch. Die in Lalish lebenden Eziden müssten hier für immer leben dürfen. Dieser „märchenhafte Ort“ sollte ihnen sogar gehören. Hier, nur knapp 200 Kilometer von Shingal entfernt, will sie selbst im Alter gerne wohnen. In einem eigenen Häuschen nahe der Heiligen Stätte. „Vielleicht gelingt es mir, etwas für mein Volk zu tun, vor allem für die etwa 250.000 Menschen, die derzeit auf der Flucht sind. Ein nächster Schritt führt sie zu der schon in den Startlöchern stehenden Europäisch-Kurdischen Juristenvereinigung, in der sie sich als 1. Vorsitzende einbringen möchte. Dafür hat sie sich im Mai aus dem Vorstand der DKJV verabschiedet.

BSB

Die Delegation der DKJV mit jesidischen Politikern und Abgeordneten vor dem Heiligtum in Lalish.

Die Delegation der DKJV mit jesidischen Politikern und Abgeordneten vor dem Heiligtum in Lalish. Foto: DIETMAR GUTH

Zemfira Dlovani vor der Grabstätte Scheich Adis, ein wichtiges jesidischen Heiligtum in Lalish.

Zemfira Dlovani vor der Grabstätte Scheich Adis, ein wichtiges jesidischen Heiligtum in Lalish. Foto: DIETMAR GUTH

In Dlovanis Koblenzer Kanzlei schaut sie sich mit dem mitgereisten Fotografen Dietmar Guth noch einmal die Bilder der Reise an.

In Dlovanis Koblenzer Kanzlei schaut sie sich mit dem mitgereisten Fotografen Dietmar Guth noch einmal die Bilder der Reise an.

Jedes Jahr möchte Dlovani wieder nach Kurdistan zurückkehren, um die Entwicklung des Volkes weiter miterleben zu können.

Jedes Jahr möchte Dlovani wieder nach Kurdistan zurückkehren, um die Entwicklung des Volkes weiter miterleben zu können. Foto: DIETMAR GUTH

Auf ihrer Reise konnte Dlovani viele Eindrücke sammeln.

Auf ihrer Reise konnte Dlovani viele Eindrücke sammeln. Foto: DIETMAR GUTH

Dlovani mit Frauen aus der Region bei der Ankunft in Lalish. Fotos: Dietmar Guth

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