Neuwieder Verkehrsgeschichte
„Elektromobilität" anno dazumal
Vor 110 Jahren fuhr zum ersten Mal die Straßenbahn ins damalige Amt Engers
Neuwied. Das Jahr 2019 war für die Stadt Neuwied verkehrsgeschichtlich ein Jahr voller „runder Geburtstage“, so die Feststellung von Jürgen Moritz aus Engers, der sich seit Jahrzehnten mit der lokalen Verkehrsgeschichte beschäftigt. Denn nicht nur der Schienenstrang der regelspurigen Eisenbahn erreichte die Stadt vor genau 150 Jahren, sondern in einer Zeit, als den Begriff Elektromobilität noch niemand kannte, nämlich vor 70 Jahren, begann die kurze Epoche der elektrisch betriebenen Oberleitungsbusse, der Obuse, die jedoch bereits Anfang der sechziger Jahre schon wieder zu Ende war. Und noch weiter zurück, vor genau 110 Jahren, am ersten Adventswochenende des Jahres 1909, startete die Straßenbahn, die „Neuwieder Kreisbahn“, die schon neun Jahre zuvor Oberbieber mit der alten Stadt Neuwied verbunden hatte, vom Neuwieder Rheinufer ins damalige Amt Engers. Erst im März 1909 waren die Baupläne öffentlich ausgelegt worden, im Mai begann die Berliner Firma Becker und Co. mit den Gleisarbeiten. Im Oktober des gleichen Jahres war sie damit bereits fertig. Der Bau der mehr als elf Kilometer langen Strecke von der heutigen Innenstadt bis nach Gladbach dauerte folglich noch nicht einmal ein halbes Jahr. Von solch kurzen Planungs- und Bauzeiten können heutige Verkehrsplaner nur träumen. Im November begannen die Probefahrten auf der gesamten neuen Strecke, die von einem schweren Unfall in Engers überschattet wurden. Ein Montagewagen war ins Rollen gekommen und überfuhr einen vor dem Wagen spielenden Jungen, der kurz darauf seinen schweren Verletzungen erlag.
Eine Vielzahl von Haltestellen wurde auf der Linie, die in 50 Minuten durchfahren wurde, eingerichtet. Gehalten wurde zum Beispiel an der „Besteckfabrik Fischer“, an den „Obst- und Spargelkulturen Rittershausen“ oder an der „Schwemmsteinfabrik Willach“. Namen, mit denen heute wohl kaum noch jemand etwas anzufangen weiß. Übrigens verlief die Linie vom Neuwieder Rheinufer nach Engers zunächst nicht zum Neuwieder Bahnhof, wie dies heute bei der Buslinie der Fall ist, sondern die Gleise führten aus der Marktstraße in die Hermannstraße und von dort auf die Engerser Chaussee, die heutige Engerser Landstraße.
Am 5. Dezember 1909, einem Sonntag, war es soweit: Zum ersten Mal fuhr ein Wagen der Kreisbahn mit Fahrgästen von Neuwied über Engers nach Gladbach und zurück.
Um 10 Uhr morgens gaben sich Landrat Dr. Kurt von Elbe, Mitglieder des Kreisausschusses und der Bahnkommission sowie Vertreter der beteiligten Gemeinden vom Kreisständehaus (Kreisverwaltung) aus „die Ehre“, um 12.20 Uhr wurde der Publikumsverkehr eröffnet. Ein gewaltiger Ansturm muss an diesem Tag auf die Bahn erfolgt sein, denn der für die örtliche Tageszeitung tätige „Engerser Korrespondent“ berichtete, dass die in Engers zusteigenden Fahrgäste froh darüber gewesen seien, „wenn sie sich ein Plätzchen in fürchterlicher Enge erobert hätten“.
Grund für den großen Zuspruch war der in Neuwied stattfindende „Verkehrssonntag“, einer von mehreren verkaufsoffenen Sonntagen, wie sie früher in der Adventszeit üblich waren. Wenige Tage nach der Premiere berichtete die Neuwieder Zeitung darüber, dass an diesem Sonntag insgesamt mehr als 8000 Personen mit der Straßenbahn befördert worden wären und darüber hinaus der Neuwieder Einzelhandel mit dem Umsatz äußerst zufrieden gewesen sei.
Auch an früheren „Kupfernen Sonntagen“ seien viele auswärtige Besucher in die Stadt gekommen, aber die Käuferzahl stehe in keinem Verhältnis zum Besuch an diesem Tag.
Allerdings hielt die Euphorie für die Benutzung der Straßenbahn nicht lange an, denn die meisten Jahre ihres Betriebs fuhr sie große Defizite ein, was neben anderen Gründen auch zu ihrer Stilllegung in den Jahren 1949/1950 führte. Bereits wenige Tage nach der Betriebsaufnahme entgleisten zwei Straßenbahnwagen in der Nähe des Rommersdorfer Hofs zwischen Heimbach und Gladbach, der Betrieb zwischen beiden Orten musste für einige Zeit unterbrochen werden. Auch die „Gummibahn“, der Omnibus, rundete in diesem Jahr. Vor 90 Jahren wurden von der ehemaligen Kraftversorgung Rhein-Wied AG Omnibuslinien von Neuwied nach Segendorf und nach Leutesdorf eingerichtet. Vor 50 Jahren startete nach jahrzehntelangem Ringen endlich der „Kreisgrenzen überwindende“ Omnibusverkehr zwischen Engers und Bendorf.
Wo aber so viel Mobilitätszuwachs und technischer Fortschritt zu vermelden ist, gibt es allerdings auch einen Rückschritt festzuhalten, denn vor 30 Jahren, im Jahr 1989, wurde der Personenzugverkehr durch das schöne Brexbachtal auf die Höhen des Westerwalds eingestellt. Angesichts der aktuellen Klima- und Verkehrsdiskussion (zum Beispiel Parkprobleme am ICE-Bahnhof Montabaur) vermutlich keine besonders kluge Entscheidung.
Fast lautlos ist der Obus des Typs KM 130 der Münchner Firma Krauss-Maffei vor 70 Jahren in Weis unterwegs.
