Rheinbacher gedachten der Novemberpogrome von 1938
„Erinnern, Gedenken und Mahnen“
Erinnern hilft, die Vergangenheit klarer zu sehen und die Gegenwart zu verstehen
Rheinbach. Fast unbemerkt in der Öffentlichkeit und kaum in den Medien erwähnt, jährte sich vergangenem Montag, 9. November, der 77. Jahrestag der Reichsprogromnacht 1938. In den Novemberpogromen wurden 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben, mehr als 1.400 Synagogen, Betstuben, Wohnhäuser und Friedhöfe zerstört. Einen Tag nach dem 9. November 1938 wurden 30.756 jüdische Bürgerinnen und Bürger in Konzentrationslagern inhaftiert. Die Zahl der ermordeten Juden stieg im Laufe der nächsten sieben Jahre auf sechs Millionen an. Grund und Anlass genug zum „Erinnern, Gedenken und Mahnen“. Unter diesem Motto hatten die beiden Organisatoren des Rheinbacher Schweigegangs, Peter Schürkes und Willi Oberheiden, auch in diesem Jahr eingeladen. Zum Gedenken an die Geschehnisse des 9. November 1938 hatte auch Bürgermeister Stefan Raetz zu einer kleinen Gedenkfeier am Standort der zerstörten Synagoge in der Schweigelstraße aufgerufen. Mit einem Gedenkgottesdienst in der St. Martin Pfarrkirche wurde die ökumenische Gedenkstunde eröffnet. In Anwesenheit der Vertreter aller Parteien, des Bürgermeisters und seiner zwei Stellvertreter sowie zahlreicher Rheinbacher Bürgerinnen und Bürger begrüßten Pfarrverweser Dechant Hermann-Josef Zeyen und Pfarrer Diethard Römheld die Besucher. Franz-Josef Zeyen dankte den Teilnehmern und Initiatoren für die Vorbereitung des Schweigegangs in Rheinbach.
Unermessliches Leid und Unheil
Er sei bereits im vorigen Jahr dabei gewesen und habe einen Eindruck erhalten vom unermesslichen Leid und Unheil jener Zeit, dass auch über Rheinbach hereingebrochen war. Der Gedenkgottesdienst erinnerte an die Leidensgeschichte und an den ungebrochenen Glauben des jüdischen Volkes und an den unvergleichlichen Massenmord an Juden. „Gedenken kann nicht oft genug wiederholt werden“, mahnte Zeyen, „denn auch heute erleben wir brennende Häuser, Attentate und Angriffe auf Menschen. Wir müssen als Christen Stellung nehmen.“ Nach der Andacht in der Pfarrkirche machten sich die Teilnehmer des Schweigegangs auf den Weg. Sie verharrten im schweigenden Gedenken an einigen letzten Wohnstätten deportierter jüdischer Rheinbacher Mitbürger. Weitere Stationen waren unter anderem der jüdische Friedhof, die Gedenkstätte im Rathausinnenhof und schließlich die Gedenktafel am Platz der ehemaligen Synagoge in der Schweigelstraße.
Erinnern ist notwendig
In einer sehr persönlichen und bewegenden Ansprache setzte sich Bürgermeister Stefan Raetz mit einem der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte und deren Lehren für heute auseinander. Auch in seiner Rede ging es um die Auseinandersetzung mit der Frage, ob es nun, nach 77 Jahren nicht langsam genug sei mit dem Erinnern. Dem setzte Stefan Raetz entgegen, dass „wir noch lange nicht am Ende des Erinnerns und Nachdenkens sind. Wir erinnern uns, weil wir es nicht begreifen können, weil es so unfassbar ist…“. Zweifellos kann man über die Form des Erinnerns unterschiedliche Auffassungen haben, „nicht aber über die Tatsache, dass Erinnern notwendig ist“, sagte Raetz. Zur Verlegung von Stolpersteinen merkte der Bürgermeister an, dass dies eine „besondere Form der individuellen Erinnerung ist und sehr deutlich macht, dass die Menschen, an die erinnert wird, unter uns lebten, überall in der Stadt, und dass sie ein Teil dieser Gesellschaft waren, bevor sie aus unserer Mitte herausgerissen wurden…“. Mit Sorge betrachtet der Bürgermeister in der Gegenwart das Aufkommen populistischer Bewegungen und das unverhohlene Lautwerden nationalistischer Töne in ganz Europa angesichts der Flüchtlingsströme. „Wieder geht es gegen das Fremde, Ungewohnte, Andere“, sagte Raetz und mahnt unsere Positionierung an, wenn die Würde des Menschen in den Dreck getreten wird. So sei es nicht hinnehmbar, wenn Flüchtlinge vor den Toren Europas umkommen. Außer der Kultur der Erinnerung forderte Raetz eine „streitbare Toleranz“ ein, die sich nur in Freiheit entwickeln kann und die nicht zu verwechseln ist mit Feigheit, Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit. Am Lindenplatz, der letzten Station des Schweigegangs, endete dann die Gedenkveranstaltung mit dem Dank der Organisatoren für die Teilnahme und mit der Einladung zum Schweigegang 2016.
An der Gedenktafel am Platz der ehemaligen Synagoge in der Schweigelstraße legte der Bürgermeister ein Gebinde nieder und hielt eine bewegende, persönliche Ansprache an die Teilnehmer des diesjährigen Schweigegangs.
