Ausstellung „Reformation in Linz“ eröffnet
Exponate beleuchten die wechselvolle Geschichte der evangelischen Gemeinde
Linz. Mit einer ökumenischen Vesper eröffneten die Pfarrer Lothar Martin Anhalt und Christoph Schwaegermann im Lutherjahr 2017 am Samstagnachmittag in St. Martin offiziell die Ausstellung „500 Jahre Reformation in Linz am Rhein“. Während in der ehrwürdigen Emporenbasilika die vorreformatorische Frömmigkeit und die Reformationswirren anhand von Dokumenten aus dem Stadt- und Pfarrarchiv sowie durch ergänzende Exponate Linz als Zentrum der Reformation im Kurfürstentum Köln beleuchten, werfen in der evangelischen Kirche Ausstellungsstücke Schlaglichter auf die Geschichte der Kirchengemeinde seit ihrer Gründung im Jahr 1845.
„In versöhnter Verschiedenheit miteinander leben“
„Die Reformation ist an Linz nicht spurlos vorbeigegangen. Man darf sich aber nicht darauf beschränken, diese Spuren zurückzuverfolgen. Wir müssen die Christenheit erneuern und von der Einheit im Glauben Zeugnis geben“, wandte sich Lothar Martin Anhalt an die Besucher, darunter auch Stadtbürgermeister Hans Georg Faust. Die Reformation habe zwar Kirche und Welt verändert, im Jubiläumsjahr werde aber nicht die „Geschichte der Spaltung“ gefeiert, ergänzte sein evangelischer Kollege. „Wir können zwar die Unterschiede nicht einfach übertünchen. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg sind wir aber aufgerufen, Zeugnis zu geben, dass wir in Jesu versöhnt sind und in versöhnter Verschiedenheit miteinander leben und einander schätzen“, so Christoph Schwaegermann. Er dankte dem Förderverein „St.-Martin-Kirche“ um Peter Gillrath für die Initiative zu der Ausstellung, der Stadt und der Stiftung „Stadtsparkasse Linz am Rhein“ für die finanzielle Unterstützung sowie vor allem Stadtarchivarin Andrea Rönz für die Gestaltung der Ausstellung und die professionelle Aufbereitung.
„Reformation im katholischen Sinn“
„Linz war Kopf des um die Wende zum 16. Jahrhunderts gegründeten Verteidigungsbündnisses kleinerer mittelrheinischer Städte, der ‚Linzer Union‘, und unterzeichnete 1463 mit der ‚Erblandesvereinigung‘ die Verfassungsurkunde des Erzbistums Köln“, führte Rönz aus. Das 1517 bis 1527 errichtete Bürger- und Ratshaus spiegele das Selbstbewusstsein der Stadt gegenüber der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit ebenso wider wie das städtische Statutenbuch. Landesherr war seit 1515 Hermann von Wied, ursprünglich ein Anhänger des alten Glaubens, der 1520 Luthers Schriften verbrennen ließ, für die Ächtung des Reformators eintrat und 1529 die Hinrichtung evangelischer Prädikanten auf dem Scheiterhaufen billigte. „Als Erzbischof versuchte der Kurfürst ab Mitte der 1530er-Jahre innerkirchliche Reformen im katholischen Sinn durchzusetzen. Als er scheiterte, ließ er Anfang der 40er Philipp Melanchthon und Martin Butzer, der im April 1543 sogar von der Kanzel der Linzer Pfarrkirche predigte, eine reformatorische Kirchenordnung ausarbeiten“, wusste Rönz. Gleichzeitig habe sich in Linz eine klerusfeindliche Stimmung ausgebreitet, weil sich Pfarrer Johannes Helie nicht in der Stadt aufhielt, sondern von einem Vikar vertreten wurde. Als der Pfarrer für diesen keinen Nachfolger finden konnte, schickte Hermann von Wied zunächst mit Matthias von Lyskirchen einen nachweisbar protestantischen Prediger in die Stadt. „Im April 1545 schickte Hermann von Wied schließlich mit dem Reformator Albert Hardenberg einen neuen Pastor nach Linz, unter dem es zum ‚Bildersturm‘ kam“, so Rönz. Schon im November 1544 hatte das Domkapitel beklagt, dass „das Ampt der Heyligen Meß sampt allen alten loeblichen Gottes diensten zu Lintz abgethan, die Cruzifix daselbst und anderßwo umbgerissen“ worden sei. Die Stadt war gespalten. So belegen Bürgermeisterrechnungen aus den Jahren 1545/46, dass es nach Tumulten bei der Bürgermeisterwahl 1543 ganz offensichtlich sogar eine Doppelspitze aus einem altgläubigen und einem reformierten Vertreter gegeben hat.
Zu dieser Zeit konnte Hardenberg dem Kurfürsten berichten, dass in Linz der Heiligenkult unterbunden, der Ritus der Messfeier und die Sakramente geändert worden seien sowie der lutherische Kirchengesang eingeführt sei. „Kirchenvermögen, Bruderschafts- und Stiftungsgut wurden damals beschlagnahmt, sodass sich die altgläubige Partei mit Unterstützung des Kölner Domkapitels 1545 hilfesuchend an Kaiser Karl V. wandte“, berichtete die Stadtarchivarin. Als Linz, anders als Bonn und Andernach, den protestantischen Prediger nicht entließ, habe der Kaiser der Stadt alle Würden und Einkünfte aberkannt. Außerdem bannte Papst Paul III. im Sommer 1546 den Kurfürsten und setzte ihn als Erzbischof ab. Anfang 1547 wurde mit Adolf von Schaumburg ein entschiedener Gegner der Reformation neuer Erzbischof und Kurfürst.
Auf kaiserlichen Druck erkannte Linz den neuen Landesherrn zwar an. Es wurden aber weiterhin protestantische Predigten gehalten, sodass der Kurfürst im Sommer 1547 einen katholischen Geistlichen in die Stadt schickte, damit die „Ketzerie uißgeroettet wurde“. Als sich Linzer trotzdem im Juni des nächsten Jahres der Festnahme evangelischer Prediger widersetzten, kam es zu Tumulten, in deren Folge Adolf von Schaumburg ein Verfahren gegen die Stadt eröffnete, das mit der „Unterwerfungsurkunde“ vom 8. Juni 1548 beendet wurde, wodurch der alte Glaube in der Stadt endgültig wieder hergestellt wurde.
Protestanten wurden aus der Stadt vertrieben
„Trotzdem gab es in Linz weiterhin eine evangelische Gemeinde, die aber zusehend unter Druck geriet. So sollen Bürger, die nicht die päpstliche Messe besuchten, von Haus und Hof vertrieben worden sein“, berichtete Andrea Rönz. Schließlich erklärten 1570 laut Ratsprotokoll die letzten elf Neugläubigen, dass sie „der Religion halben Austzihen wollen“ und baten „umb Abscheidsbrieffe.“ Spätestens ab 1618 konnten dann nur noch Katholiken das Bürgerrecht in Linz erwerben.
„Erst 1812 sind wieder acht Evangelische in der Stadt nachweisbar, bevor sich der Zuzug mit dem Übergang an Preußen merklich verstärkte, sodass 1843 in Linz und Umgebung etwa 130 Protestanten lebten, die zunächst von der Pfarrei Remagen betreut wurden“, so die Stadtarchivarin.
Die „Geschichte der evangelischen Gemeinde“ wird nicht nur im Ausstellungskatalog dokumentiert, parallel zu den Exponaten in St. Martin werden bis Freitag, 3. November, jeweils mittwochs bis sonntags von 13 bis 17 Uhr auch in der evangelischen Kirche am Grabentor Dokumente und Fotografien gezeigt. Außerdem beleuchtet Andreas Metzing nach dem Vortrag „emporung, ufroir und ungehorsam - Die Reformation unter Kurfürst Hermann von Wied“ von Professor Stephan Laux am Freitag, 15. August, ab 19.30 Uhr in St. Martin am Freitag, 20. Oktober, zur selben Uhrzeit in der evangelischen Kirche den „Protestantismus in der Diaspora - Die Gründung der evangelischen Kirchengemeinde in Linz“. Am Feiertag, Dienstag, 31. Oktober, lädt die Trinitatis-Gemeinde ab 10 Uhr zum „Gottesdienst zum Reformationstag“, bevor die Ausstellung mit der konzertanten Lesung von Jessica Burri „Die Apostel Gottes: Frauen der Reformation“ in der evangelischen Kirche ab 19.30 Uhr die Veranstaltungen zum Lutherjahr beendet. DL
Eingehend beleuchtet Stadtarchivarin Andrea Rönz auch im Ausstellungskatalog die Reformation in Linz um Kurfürst Hermann von Wied.
