Faszinierender Vortrag von Dr. theol. Benedikt Müntnich, ehemaliger Abt der Benediktinerabtei Maria Laach
„Franziskus, Papst für unsere Zeit“
St. Johann. Da der Vortrag des Vorsitzenden der Friedrich-Ebert-Stiftung, Kurt Beck zum Thema „Europa-Herausforderung und Chance“ ausfallen musste, ist es dem langjährigen Organisator der erfolgreichen Veranstaltungsreihe „Dichtung und Wahrheit“ auf Schloss Bürresheim, Dieter Dierkes (Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht a. D.) mit der freundlichen Unterstützung von Gernot Mittler (Staats- und Finanzminister a.D.) wieder einmal kurzfristig gelungen, für einen mehr als adäquaten Ersatz zu sorgen. Der ehemalige Abt der Benediktinerabtei Maria Laach, Dr. theol. Benedikt Müntnich, hielt vor ausverkauftem Haus einen spannenden und gleichermaßen unterhaltsamen Vortrag zum Thema: „Franziskus, Papst für unsere Zeit“.
Abt Benedikt hat mehr als 40 Jahre im Kloster Maria Laach gelebt. Im September 2002 wurde er zum 49. Abt der Benediktiner Abtei gewählt. Nach Ablauf seiner zwölfjährigen ersten Amtszeit wurde er im September 2014 von seinen Mitbrüdern leider nicht als Abt bestätigt.
Faszinierender Vortrag
Nachdem sowohl Frau Dr. Angela Kaiser-Lahme, Direktorin von Burgen-Schlösser-Altertümer, als auch Dieter Dierkes und insbesondere das Publikum den sympathischen Geistlichen mit großer Begeisterung und Herzlichkeit begrüßt hatten, faszinierte dieser mit einem Vortrag über den ersten Papst aus Lateinamerika und ersten Pontifex aus dem Jesuitenorden, Papst Franziskus, indem er zunächst einmal klar stellte: „Es bringt nichts, die bisherigen Päpste miteinander zu vergleichen, da jeder von ihnen über eine ganz besondere Persönlichkeit verfügte.“ Dennoch habe Jorge Mario Bergoglio (so der bürgerliche Name von Papst Franziskus, der sich als erstes Kirchenoberhaupt nach dem heiligen Franz von Assisi benennt) weltweit eine große Bedeutung für die heutige Zeit, so Abt Benedikt Müntnich, der sich zunächst dem apostolischen Schreiben des Heiligen Vater: „Evangelii Gaudium“ aus dem Jahre 2013 zuwandte. In diesem lesenswerten Werk befasst Papst Franziskus sich unter anderem mit der missionarischen Umgestaltung der Kirche. Ein weiteres Kapitel handelt von der Krise des gemeinschaftlichen Engagements, die eine Herausforderung für die Welt von heute bedeute. Hier sagt Papst Franziskus: „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung, zur neuen Vergötterung des Geldes, zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen und zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt.“ Zu den Versuchungen der in der Seelsorge Tätigen schreibt der Papst: „Nein zur egoistischen Trägheit, Nein zum sterilen Pessimismus, Ja zu den neuen, von Jesus Christus gebildeten Beziehungen, Nein zur spirituellen Weltlichkeit und Nein zum Krieg unter uns“. Drei weitere Kapitel sind den nicht weniger spannenden Themen: „Die Verkündigung des Evangeliums“, „Die soziale Dimension der Evangelisierung“ und „Evangelisierende mit Geist“ gewidmet.
Verblüffende Anekdoten
Abt Benedikt „würzte“ seinen Vortrag immer wieder mit einigen verblüffenden Anekdoten. So habe Papst Franziskus in einer Audienz den Heiligen Geist als „Belästigung“ bezeichnet, was sich zuvor niemals ein Papst gewagt habe. Papst Franziskus hingegen habe dies mit den Worten begründet, es sei für die Menschen nicht möglich, den Geist zu zähmen, sondern es sei die Kraft Gottes, die den Menschen vorwärts bringe. Außerdem habe der Papst das Schicksal der Armen nie vergessen. So habe der Heilige Vater sich bei seiner Ernennung geweigert, in den für ihn vorgesehenen Mercedes einzusteigen - stattdessen fuhr er mit dem Bus. Weiterhin verzichtete er auf die Papstwohnung mit der Begründung, dort sei es ihm zu einsam und zog in das Pilgerzentrum.
Zum Abschluss seines Vortrags ging der ehemalige Abt von Maria Laach auf das seiner Meinung nach geradezu revolutionäre nachsynodale Papstschreiben: „Amoris Laetitia – Über die Liebe in der Familie“ vom 8. April 2016 ein.
Gesamtkirchlicher Reflexionsprozess
Der Text fasst einen gesamtkirchlichen Reflexionsprozess zur Ehe, Familie und Sexualität zusammen, der mit der Einberufung einer Außerordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode im Herbst 2014 begonnen hatte. Diese Versammlung, der erstmals eine Befragung der Katholiken weltweit vorangegangen war, diente der Vorbereitung einer Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode im Herbst 2015. Erneut wurden die Gläubigen auch hierzu um ihre Stellungnahmen gebeten. Papst Franziskus war während dieses gesamten Diskursprozesses in erster Linie ein „hörender Papst“, ließ jedoch von Beginn an keinen Zweifel daran, dass es seinem Dienst an der Einheit der Kirche entsprechen werde, die vielen Stimmen schließlich zusammen- und weiterzuführen. Mit seinem nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia“ hat er die Ergebnisse des synodalen Weges gesammelt, die Aspekte abgewogen und weiterentwickelt. Er hat sie in die Gesamtlehre der Kirche eingefügt und zugleich den Gläubigen in gut verständlicher Weise zugänglich gemacht. Insgesamt geht es Papst Franziskus spürbar darum, in positiver und ermutigender Weise Wertoptionen, Möglichkeiten und Perspektiven für das Leben in Ehe und Familie zu eröffnen. „Als Christen dürfen wir nicht darauf verzichten, uns zugunsten der Ehe zu äußern“, so der Papst. „Wir würden der Welt Werte vorenthalten, die wir beisteuern können und müssen.“ Er rät den Familien, „mit Realismus die Grenzen, die Herausforderungen oder die Unvollkommenheit zu akzeptieren und auf den Ruf zu hören, gemeinsam zu wachsen.“ Außerdem erfährt der Leser des Papstschreibens eine ausnehmend positive Würdigung der menschlichen Sexualität und der Erotik: „Wir dürfen die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen, die zum Wohl der Familie toleriert werden muss, sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten, das die Begegnung der Eheleute verschönert.“
Im Blick auf die Art und Weise der kirchlichen Verkündigung mahnt der Papst eine „heilsame Selbstkritik“ an, da man anerkennen müsse, „dass unsere Weise, die christlichen Überzeugungen zu vermitteln, und die Art, die Menschen zu behandeln, manchmal dazu beigetragen haben, das zu provozieren, was wir heute beklagen.“
Unterstützung und Hilfe
Gefordert werden dagegen Unterstützung und Hilfe für die Ehepaare und Familien: „Wer kümmert sich heute darum, die Ehen zu stärken, ihnen bei der Überwindung der Gefahren zu helfen, die sie bedrohen, sie in ihrer Erziehungsrolle zu begleiten und zur Beständigkeit der ehelichen Einheit zu motivieren?“
Im achten Kapitel geht das Schreiben schließlich auch auf die Gläubigen ein, die in – wie der Papst bewusst sagt – sogenannten „irregulären“ Situationen leben, die dem kirchlichen Leitbild von Ehe und Familie nicht oder nur teilweise entsprechen, also Gläubige, die ohne Trauschein oder in einer Zivilehe zusammenleben und auch die zivil geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken. Hier sind dem Papst zwei pastorale Prinzipien wichtig. Zum einen hebt er die „Logik der Integration“ hervor, die niemanden aus der kirchlichen Gemeinschaft ausschließt: „Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums!“ Zum anderen fordert er die Seelsorger auf, die konkreten Situationen, in denen die Gläubigen leben, genau zu unterscheiden. Es ist gerade die Vielfalt und Komplexität der Situationen, die es verbietet, eine generelle Regel undifferenziert anzuwenden. „Es ist nicht mehr möglich, zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.“
Insbesondere die einfachen und griffig formulierten katechetischen Hinweise des Papstes eignen sich, um sie mit ins alltägliche Leben zu nehmen. So etwa, wenn Papst Franziskus sein eigenes, schon bekanntes Diktum wiederholt: „In der Familie ist es nötig, drei Worte zu gebrauchen: „Darf ich, danke und entschuldige.“
FRE
Der ehemalige Abt von Maria Laach beeindruckte das zahlreich erschienene Publikum mit seinem exzellenten Vortrag.
