Professor eröffnet mit beeindruckendem Vortrag Zehn-Jahres-Feier des Netzwerks Bad Ems-Nassau
Frühzeitige Diagnose entlastet bei Demenz
Bad Ems/Nassau. (Geistiges) Altern ist keine Krankheit, Demenz ist eine Krankheit. Mit dieser Feststellung warb Professor Dr. Andreas Fellgiebel, einer der führenden Forscher Deutschlands im Bereich Altern, Neurodegeneration und Demenz, um eine frühzeitige medizinische Diagnose, warum das Gedächtnis in Mitleidenschaft gezogen wird. Fellgiebel war Festredner zum Auftakt der Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen des Demenz-Netzwerks Bad Ems-Nassau im Sitzungssaal des Bad Emser Rathauses.
„Die Leute kommen erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, berichtete Fellgiebel von der Erfahrung aus der Gedächtnis-Ambulanz der Uni-Kliniken in Mainz, dessen wissenschaftlicher Leiter er ist. 50 bis 60 Prozent vermeintlicher Demenzfälle seien gar nicht diagnostiziert. Dabei könne eine frühzeitige Diagnose dazu beitragen, mit einer Demenz, deren häufigste Ursache eine Alzheimer-Erkrankung ist, gut leben zu können. Der Referent schilderte „normale“ Alterungsprozesse, die Stadien von Alzheimer sowie Therapieformen.
Als Gründe für eine frühe Diagnose – ob in der Gedächtnis-Ambulanz oder neurologischen Einrichtungen in der Region – nannte Fellgiebel: den Wunsch nach Klärung von Seiten der Betroffenen, den Ausschluss von Erkrankungen mit anderen Therapiemöglichkeiten, eine Prognose für die weitere Lebens- und Versorgungsgestaltung sowie die frühe Heranführung betroffener Familien an bestehende Versorgungsnetzwerke, um bedarfsgerechte Hilfen ermitteln zu können.
Bereits ab einem Alter von 30 Jahren verlangsame sich die Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen im Gehirn. „Das merken sie auch mit 40 noch nicht, aber wenn sie mal 50 sind, schon“, so der Chefarzt der Gerontopsychiatrie in Alzey. „Spielen sie mit ihren Enkeln Memory! Da können sie noch so intelligent sein – sie werden verlieren!“, beschrieb Fellgiebel den Abbau der „flüssigen Intelligenz“ im normalen Altern im Gegensatz zur „kristallinen Intelligenz“, die bildungs-, erfahrungs- und sozialisationsabhängig sei und bis ins hohe Alter stabil bleiben oder sogar gesteigert werden könne. Die Häufigkeitskurve von Demenz steigt ab einem Alter von 80 Jahren rasant an. Fellgiebel: „Gebildete Menschen bekommen sieben bis zehn Jahre später Demenz“.
Typische Syndrome in der Entwicklung von Alzheimer seien ein Nachlassen von Kurzzeitgedächtnis und Merkfähigkeit, Probleme bei Wortfindung und Aufmerksamkeit; die Schwelle zur Demenz werde erreicht, wenn zeitliche Orientierung sowie planendes Denken und Handeln nachlassen. Schließlich funktioniere die Organisation des Alltags nicht mehr. Begleitet werde diese Entwicklung von emotionalen Veränderungen wie Traurigkeit, einer Affektlabilität, Reizbarkeit, Apathie oder einem sozialen Rückzug, „weil die Betroffenen Angst vor einer Stigmatisierung haben und die Fassade wahren wollen“. Dabei verstärkten Rückzug und Isolation die Krankheit zusätzlich.
Der Referent sprach über, aus seiner Sicht, vielversprechende neue Medikamente sowie Tabletten, die kaum Wirkung haben. Auch das Glas Rotwein könne protektiv sein; wichtig seien körperliche Aktivität und geistige Trainings sowie ein Maßhalten bei Kalorien im Alter. Entgegen demografisch gestützter Prognosen sei die Häufigkeit der Demenz eher rückläufig. „Zumindest sieht es so aus“, sagte Fellgiebel und nannte eine steigende Bildung sowie die bessere Behandlung vaskulärer Risikofaktoren wie den Blutdruck als mögliche Ursachen dieser Entwicklung.
Ein Lob richtete der Neurologe an die Demenz-Netzwerke. „Sie sind da in vielen Dingen schon weiter als die Medizin, wo es noch viele offene Fragen gibt“, sagte Fellgiebel. Mehr Wissensvermittlung und -austausch wünschte er sich im Bereich der Hausärzte sowie mehr Pflegeexperten in den Wohnungen Betroffener.
Pressemitteilung
Dekanat Nassauer Land
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