Gemeinde Swisttal erhält Hilfe aus Sachsen
Swisttal. Auf mindestens 90 Millionen Euro schätzt Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner (CDU) die Schäden, die die Starkregenkatastrophe in der Nacht zum 15. Juli allein an der Infrastruktur und an den Gebäuden im Eigentum der Gemeinde Swisttal verursacht hat. Straßen und Wege, Abwasserkanäle und Wasserleitungen, Brücken und Unterführungen, Schulgebäude und Kindergärten, Dorfgemeinschaftshäuser und Sportstätten, Feuerwehrgerätehäuser und nicht zuletzt das Rathaus in Ludendorf selbst waren betroffen. Dies alles wieder in Ordnung zu bringen, übersteige die Möglichkeiten der Gemeindeverwaltung bei weitem.
„Deshalb freuen wir uns, dass wir Unterstützung aus Sachsen bekommen von Leuten, die in Sachen Wiederaufbau nach Hochwasser sehr erfahren sind“, stellte Kalkbrenner das Team vor, das in den kommenden Wochen und Monaten zunächst alle Schäden aufnehmen und anschließend Vorschläge für deren Behebung machen soll. „Spätestens im Januar wollen wir einen Wiederaufbauplan vorlegen, mit dem die Gemeinde Geld aus dem Wiederaufbaufonds des Bundes beantragen kann“, versprach Geschäftsführer Olaf Schwarz von der C&E Engineering & Consulting GmbH aus Chemnitz, die gemeinsam mit dem Planungsbüro Schumacher GmbH aus Wiehl mit der Koordinierung und dem Projektmanagement des Wiederaufbaus beauftragt wurde. Denn der Wiederaufbau der kommunalen Infrastruktur soll so schnell wie möglich vonstattengehen, bekräftigte die Bürgermeisterin.
Allein mit Bordmitteln nicht leistbar
Die immense Größe der Aufgabe mache es jedoch erforderlich, dass die Gemeindeverwaltung Unterstützung von außen erhalte. „Die Verwaltung allein ist nicht dazu in der Lage, die gewaltigen Herausforderung des Wiederaufbaus zusätzlich zu den vorhandenen Aufgaben zu stemmen“, erklärte Kalkbrenner. Die Verwaltungsmitarbeiter seien ohnehin schon eingedeckt mit zahlreichen Projekten, vor allem in Fachbereichen Hoch- und Tiefbau. So seien unter anderem der Neubau der Gesamtschule sowie die Maßnahmen aus dem Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) zu schultern. Fachbereichsleiter Jürgen Funke bestätigt: „Allein mit Bordmitteln können wir den Wiederaufbau als zusätzliche Aufgabe nicht leisten.“
Deshalb sei es umso besser, dass man nun Unterstützung von Planungsbüros bekomme, die ihrerseits auf eine große Erfahrung bei der Bewältigung von Hochwasserschäden vorweisen könnten. „Diese Erfahrung war für uns ganz essenziell“, betonte Kalkbrenner. Die C&E Engineering & Consulting GmbH von Olaf Schwarz etwa war schon mit dem Elbe-Hochwasser 2002 in Sachsen sowie mit den folgenden Fluten von 2010 und 2013 befasst. „Damals haben wir bei null angefangen, aber nach den Erfahrungen aus diesen Ereignissen wissen wir mittlerweile, wie es geht.“ Schließlich habe seine Firma eine spezielle Datenbank für Hochwasser-Multiprojekt-Maßnahmen entwickelt. Wenn alles nach Plan verlaufe, werde die Gemeinde nach dem Wiederaufbau sogar schöner als vorher war er überzeugt. Das PBS Planungsbüro Schumacher GmbH hat ebenfalls schon jede Menge Hochwasserschäden speziell im Straßen- und Tiefbau bearbeitet, etwa in Bonn-Mehlem, berichtete Geschäftsführer Jörg Timmermann.
Enge Zusammenarbeit zwischen Fachbüros und Gemeindeverwaltung
Von Anfang an arbeiten die Fachbüros eng mit der Gemeindeverwaltung zusammen, auch bei der Buchhaltung. Eine Mitarbeiterin der Arbeitsgemeinschaft kümmert sich beispielsweise ausschließlich um die korrekte Verbuchung der Rechnungen, die bei der Bezirksregierung zur Erstattung der Kosten für die Behebung von Flutschäden eingereicht werden sollen. So seien der Gemeinde allein für die Müllentsorgung infolge der Katastrophe bereits Kosten in Millionenhöhe entstanden, so die Bürgermeisterin.
Drei Teams der Arbeitsgemeinschaft sind in den betroffenen Gebieten der Gemeinde bereits unterwegs, zwei weitere Teams sollen in den nächsten Tagen hinzukommen. Zuallererst gehe es für die insgesamt 20 Mitarbeiter darum, einen umfassenden Überblick über die entstandenen Schäden zu erhalten, erklärt Schwarz.
So geht die scherzhaft „Wandergruppe“ genannte Einheit zu Fuß die 36 Kilometer Gewässer, Flüsse und Gräben im Gemeindegebiet ab, berichtet Projektmitarbeiterin Sonja Kinder. Die Hälfte des Weges hätten sie schon geschafft. „Dabei nehmen wir alles Wichtige auf und dokumentierten es mit moderner Technik.“
Die durch die Starkregenkatastrophe entstandenen Schäden würden mit Fotos und dem genauen GPS-Standort dokumentiert und in die Datenbank eingetragen. Wenn möglich werde bereits eine erste Einschätzung über die Schadenshöhe und die beste Möglichkeit zur Schadensbeseitigung ergänzt.
Vorarbeiten bilden hervorragende Grundlage
Eine andere Gruppe nimmt derweil die Wirtschaftswege in der Gemeinde unter die Lupe. „Swisttal hat etwa 500 Kilometer Wirtschaftswege, die wir derzeit alle befahren und die dort entstandenen Schäden aufnehmen“, erläutert Timmermann. Die Befahrung soll in ein paar Wochen, wenn der erste Nachtfrost bislang versteckte Schäden offensichtlich macht, wiederholt werden. Erfreulicherweise hätten die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung direkt nach der Flut schon sehr viele Schäden erfasst, diese Vorarbeit bilde eine hervorragende Grundlage für die Arbeit. Zunächst konzentrierten sich die Teams daher auf die noch nicht in Augenschein genommenen Bereiche.
Wenn die Schäden dann alle ermittelt seien, gehe es darum, einen Maßnahmenplan zu entwickeln, wie die Schäden wieder behoben werden könnten. Das Ganze soll dann in einem Wiederaufbauplan münden, der sämtliche zu erledigende Maßnahmen mit den dazugehörigen Kosten auflistet und zugleich eine Priorisierung vorschlägt. Über das ganze Paket müsse dann letztlich der Gemeinderat entscheiden, so Kalkbrenner, bevor der Wiederaufbauplan bei der Bezirksregierung eingereicht werden kann. Dies ist notwendig, damit die Gelder aus dem Wiederaufbaufonds des Bundes für den Wiederaufbau der kommunalen Infrastruktur beantragt werden können. Zwar habe die Gemeinde dafür bis Mitte 2023 Zeit, doch so lange will man auf keinen Fall warten und so schnell wie möglich mit dem Wiederaufbau beginnen. Deshalb auch der ambitionierte Zeitplan, im Januar 2023 bereits den Wiederaufbauplan fertig zu haben. „Und in diesem Wiederaufbauplan wird eine Summe stehen, die nicht klein sein wird“, sagte Kalkbrenner voraus.
JOST
