Allgemeine Berichte | 02.06.2017

Jubiläumsveranstaltung der Neuwieder Reihe „IRRwege verstehen“

Gemeinsames Gespräch stärkt die Psyche

Die Gesprächspartner der Jubiläumsveranstaltung (v.l.): Moderatorin Melitta Hofer, Rhein-Mosel-Akademie, Dr. Julia Schwaben, Gesundheitsministerium Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Jörg Degenhardt, Chefarzt St. Antonius Krankenhaus, Anne Nick, Angehörigengruppe, Janine Timm, Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft, Dr. Ulrich Kettler, Psychiatriekoordinator, Achim Hallerbach, 1. Kreisbeigeordneter, Christa Bergerhausen, Selbsthilfenetzwerk, Alexandra Felten, Borderline Selbsthilfe, Dr. Brigitte Pollitt, Chefärztin Johanniter-Zentrum.Privat

Neuwied. „Ein überzeugendes Konzept, ein neutraler Veranstaltungsort und eine experimentierfreudige Arbeitsgruppe, das sind die Zutaten für eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe“, mit diesen Worten begrüßte Psychiatriekoordinator Dr. Ulrich Kettler die zahlreich erschienenen Gäste. Seit 1999 wurden gemeinsam vom Selbsthilfenetzwerk gemeindenahe Psychiatrie e.V., der Volkshochschule Neuwied sowie der Psychiatriekoordinationsstelle des Landkreises Neuwied 50 Veranstaltungen zu psychosozialen Themen und psychiatrischen Krankheitsbildern organisiert. Im Mittelpunkt der Jubiläumsveranstaltung stand die Frage, wie sich das Verhältnis gegenüber psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft geändert hat.

Die Moderatorin, Melitta Hofer von der Rhein-Mosel-Akademie Andernach führte aus, dass psychische Erkrankungen so alt wie die Menschheit sind. Sie gab einen kurzen historischen Überblick, wie psychische Erkrankungen erklärt und wie sich die Gesellschaft gegenüber psychischen Erkrankungen verhalten hat. Dabei ging sie auch auf dunkle Kapitel wie die Zeit der Nazidiktatur ein. Eine positive Entwicklung ist seit der Psychiatrie-Enquete im Jahre im Jahre 1975 sowie der rheinland-pfälzischen Psychiatriereform im Jahre 1996 zu verzeichnen. Die Referentin für Psychiatrie und Forensik, Dr. Julia Schwaben aus dem Mainzer Gesundheitsministerium erläuterte, wie die gesetzlichen Rahmen die Bedingungen verbessert und ein entsprechendes Versorgungsangebot in den Kommunen aufgebaut wurde.

Die Veranstaltungsreihe „IRRwege verstehen“ verzichtet bewusst auf Vorträge und lädt Experten, zu denen auch psychiatrieerfahrene Menschen und Angehörige zählen, als Gesprächspartner ein. Schnell entwickelte sich eine gemeinsame intensive Diskussion. Der 1. Kreisbeigeordnete Achim Hallerbach führte aus, dass der Landkreis Neuwied von Anfang an dem Thema gemeindenahe Psychiatrie eine hohe Bedeutung beigemessen hat. „Beim Auf- und Ausbau der Gemeindepsychiatrie wurden psychiatrieerfahrene Menschen und deren Angehörige stets einbezogen“, so der Kreisbeigeordnete. So sind beispielsweise psychiatrieerfahrene Menschen und Angehörige im Psychiatriebeirat des Landkreises Neuwied vertreten. Weitere Diskussionspunkte waren beispielsweise die Frage, ob sich Menschen zu ihrer psychischen Erkrankung oder der psychischen Erkrankung eines Angehörigen öffentlich bekennen sollen. Die Diskussion verdeutlichte, dass Vorurteile gegenüber der Psychiatrie abgebaut werden konnten. Hierbei gibt es jedoch Unterschiede, eine Depression oder die Demenz eines Angehörigen sind kaum noch mit Vorurteilen behaftet. Anders ist dies bei Psychosen, Schizophrenien oder einer Borderline-Erkrankung. Teilnehmer berichteten, welchen Reaktionen sie nach bekannt werden ihrer Borderline-Erkrankung ausgesetzt waren.

Chronifizierung im Alter vermeiden

Intensiv diskutiert wurde auch darüber, dass Hilfen bei psychischen Erkrankungen möglichst frühzeitig ansetzen müssen, hierzu führte die Chefärztin des Johanniter-Zentrums Dr. Brigitte Pollitt aus: „Je früher Hilfen ansetzen, umso eher kann eine Chronifizierung der Erkrankung im späteren Alter verhindert werden. Handlungsbedarf sehe ich insbesondere im ländlichen Raum, wo die Versorgung weiter verbessert werden muss“. Eine wichtige Rolle kommt hierbei der Schulsozialarbeit zu. Gerade an Schulen sollte weiter über psychische Erkrankungen und im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen informiert werden.

Immer wieder berichteten Teilnehmer über ihre eigenen persönlichen Erfahrungen. Dies macht anderen Teilnehmern Mut, sie sehen, dass auch andere Menschen von ihrem Problem betroffen sind. Und sie sehen, wie Andere mit dem Thema umgegangen sind. „Ich bin erfreut zu sehen, wie offen psychisch kranke Menschen, Angehörige und professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam über psychische Erkrankungen in dieser Runde sprechen“, so der Chefarzt des St. Antonius Krankenhauses Waldbreitbach Prof. Dr. Jörg Degenhardt. „Nach 25 Jahren Tätigkeit sehe ich eine deutliche Verbesserung des Umgangs mit psychischen Erkrankungen“.

Für das musikalische Rahmenprogramm sorgte die Musikschule Neuwied mit dem Gitarristen Jan-Luka Lemgen und der Jazz-Combo um Oleg Bejak. An zahlreichen Infoständen konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Hilfsangebote im Landkreis Neuwied informieren. Die Veranstaltungsreihe wird am 18. Oktober 2017 mit einer Veranstaltung zum Thema „Wenn das Herz gebrochen ist - wenn der Kummer zur Lebenskrise wird“ fortgesetzt. Weitere Informationen im Internet unter www.psychiatrie-neuwied.de.

Die Gesprächspartner der Jubiläumsveranstaltung (v.l.): Moderatorin Melitta Hofer, Rhein-Mosel-Akademie, Dr. Julia Schwaben, Gesundheitsministerium Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Jörg Degenhardt, Chefarzt St. Antonius Krankenhaus, Anne Nick, Angehörigengruppe, Janine Timm, Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft, Dr. Ulrich Kettler, Psychiatriekoordinator, Achim Hallerbach, 1. Kreisbeigeordneter, Christa Bergerhausen, Selbsthilfenetzwerk, Alexandra Felten, Borderline Selbsthilfe, Dr. Brigitte Pollitt, Chefärztin Johanniter-Zentrum.Foto: Privat

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