Holocaust-Überlebende besuchte Gymnasium in Bendorf
Geschichte aus erster Hand
Die 78-jährige Tamar Dreifuss berichtete von ihrem Leidensweg
Bendorf.In Kooperation mit „Haus Israel e.V.“ aus Bendorf - einem christlichen Verein unter dem Vorsitz von Udo Winkler, der sich für Juden und Israel einsetzt - besuchte die 78-jährige Tamar Dreifuss, Zeitzeugin und Holocaust-Überlebende, das Bendorfer Wilhelm-Remy-Gymnasium. In ihrem Vortrag vor Schülerinnen und Schülern der 10. Klasse vermittelte die 1938 im litauischen Wilna geborene Wahl-Kölnerin einen Eindruck des Leidensweges, bei dem sie ihre Familie verlor. „Meiner Mutter habe ich es zu verdanken, dass ich heute hier stehe!“ beginnt Tamar Dreifuss ihren Vortrag. Die vielen Schülerinnen und Schüler in dem proppenvollen Klassenraum hörten aufmerksam zu. Denn was sie zu erzählen hat, ist packend, spannend und berührend. Es ist Geschichte aus erster Hand. Es ist die Geschichte einer Überlebenden des dunkelsten Kapitels der Nazi-Herrschaft, der systematischen Ermordung der europäischen Juden, bekannt als Holocaust. Tamar Dreifuss berichtet authentisch von den damaligen Ereignissen und stützt sich dabei auf die Schilderungen ihrer Mutter Jetta Schapiro-Rosenzweig. Diese hat die Geschichte ihres wundersamen Überlebens in dem Buch „Sag niemals, das ist dein letzter Weg“ niedergeschrieben, 1987 übersetzte sie deren Niederschrift aus dem Jiddischen ins Deutsche. Aus diesem Buch las Dreifuss verschiedene Passagen vor und erinnerte sich dabei an Erlebnisse aus ihrer Kindheit.
In ein Lager nach Estland deportiert
Die Familie lebte in Wilna in Litauen und erfuhr die Gräuel durch die Nazis am eigenen Leib. Sie selbst musste die Familie verlassen und wurde bei einer Tante versteckt, während ihre Eltern und andere Verwandte zunächst in einem Benediktinerkloster Zuflucht fanden. Als das Nonnenkloster von den Nazis aufgelöst wurde, kam die Familie ins Ghetto von Wilna. Tamar Dreifuss‘ Großeltern waren Opfer der Massenerschießungen in Ponar, wo zehntausende Menschen ermordet wurden, ihr Vater starb in einem Konzentrationslager. Tamar und ihre Mutter wurden in einem Zug in ein Lager in Estland deportiert. „Man hat uns in Viehwaggons gepfercht“, erinnert sich die alte Dame. Die Zustände während der tagelangen Reise in Richtung eines Konzentrationslagers seien kaum vorstellbar. „Wir waren froh, wenn jemand starb und er aus dem Zug geworfen wurde. Dann war für die Überlebenden mehr Platz.“ Auf der Reise versuchte die Mutter zwei Mal vergeblich mit ihrer Tochter zusammen zu fliehen. Nach der Ankunft im Lager mussten die Neuankömmlinge duschen, danach jedoch holte sich ihre Mutter aus dem Wäscheberg ein Kostüm, zog ihrer Tochter ein Kleid an und ging mit ihrem Kind an der Hand aus dem Lager ohne aufgehalten zu werden. „Den gelben Judenstern hat sie abgerissen“, sagt Tamar Dreifuss. Bis zum Ende des Krieges konnte ihre Mutter dank ihrer guten Russischkenntnisse auf Bauernhöfen arbeiten, um sich und ihre Tochter zu ernähren. „Manche dachten, ich bin stumm“, erinnerte sich die heute 78-Jährige, die sich damals durch ihre Sprache nicht verraten durfte. Einmal mussten sie sich in der Hütte eines Hundes verstecken, der sich mit ihnen sein Essen teilte. „So haben wir überlebt“, berichtete Dreifuss. Im Anschluss an ihre Erzählungen hatten die Schülerinnen und Schüler viele Fragen, die von der Seniorin bereitwillig und geduldig beantwortet wurden.
Die Schüler und Schülerinnen der 10. Klasse hörten gespannt zu.