Allgemeine Berichte | 12.11.2018

Ökumenische Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in der Mendiger Wollstraße

„Hetzereien entschlossen entgegentreten“

Gemeindereferentin Bärbel Gorges (v. l.), Stadtbürgermeister Hans Peter Ammel, Verbandsgemeindebürgermeister Jörg Lempertz, Pfarrer André Beetschen und Schriftsteller Alexander Murrenhoff gestalteten die Gedenkfeier in der Wollstraße. FRE

Mendig. Vor 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannten die Synagogen. Der 9. November ist der Tag, an dem organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand setzten. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa.

Die Synagoge in der Niedermendiger Wollstraße wurde im August 1886 feierlich eingeweiht. Über dem Eingangsportal war in hebräischer Schrift zu lesen: „Aber ich, in der Fülle Deiner Güte, darf Dein Haus betreten.“ Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Synagoge in Niedermendig in Brand gesetzt und zerstört. Die jüdischen Bewohner, die nicht mehr emigrieren konnten, wurden Opfer des Holocausts. Am einstigen Standort der Synagoge in Niedermendig steht seit 1988 ein Gedenkstein mit der Inschrift: „Hier stand von 1886 - 9.11.1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde. Wer seine Fehler verheimlicht hat kein Gedeihen. Wer sie aber bekennt und verlässt, dem wird Versöhnung. Salomon 28.13.“

An diesem geschichtsträchtigen Ort fand am vergangenen Freitag eine ökumenische Gedenkfeier statt, bei der zahlreiche Mendiger der Ermordung vieler jüdischer Mitbürger in der Reichspogromnacht gedachten.

Während Pfarrer André Beetschen und die Gemeindereferentin Bärbel Gorges nach einer gemeinsamen Kranzniederlegung eine ergreifende Andacht zelebrierten, wurde die Gedenkfeier vom evangelischen und katholischen Kirchenchor unter der gemeinsamen Leitung von Wilhelm Ronshausen und Stefan Müller sowie dem Klezmer-Duo „Akklaba“ aus Mainz musikalisch untermalt. Alexander Murrenhof trug mit zwei seiner nachdenklich stimmenden Kurzgeschichten zu der Gedenkfeier bei, und Verbandsgemeindebürgermeister Jörg Lempertz sowie Stadtbürgermeister Hans Peter Ammel brachten jeweils in berührenden Ansprachen ihre große Betroffenheit angesichts des Völkermords zum Ausdruck, der auch vor Mendig nicht haltgemacht hatte.

Stadtbürgermeister Ammel sagte: „Wieder einmal haben wir uns heute, versammelt, um zu gedenken, um Respekt und Trauer zu bekunden und um zur Wachsamkeit aufzurufen, was eine mögliche Wiederholung der Unrechtstaten eines verbrecherischen Regimes anbelangt. Das heutige Datum 9. November wird gemeinhin ‚Schicksalstag der Deutschen‘ genannt. Am 9. November 1848 wurde Robert Blum in Wien von Truppen der Gegenrevolution erschossen und damit das Ende der damaligen Märzrevolution für eine Verfassung zum monarchischen Ausgleich und der Volkssolidarität herbeigeführt. 70 Jahre später, am 9. November 1918, gab Reichskanzler Max von Baden die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. bekannt, und Philipp Scheidemann, stellvertretender Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei, rief vom Balkon des Reichstages die erste deutsche Republik aus. Hiermit endete der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, in dem 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren hatten.

Fünf Jahre später der Hitler-Ludendorff-Putsch, bekannt als der Marsch auf die Feldherrenhalle in München. Hier stoppte noch die bayerische Polizei den Marsch und Hitlers Versuch, an die Macht zu gelangen. Heute vor 80 Jahren, am 9. November, befand Hitler sich mit seiner NSDAP an der Macht und zeigte endgültig nach der Machtergreifung 1933 die Fratze seines menschenverachtenden, Leben verderbenden Regimes. Welche Missachtung des Urrechtes der Kreatur, des Menschen, des Seins schlechthin. Leben wurde beendet auf den Schlachtfeldern der Welt für zig Millionen Soldaten. Leben wurde beendet vom Henker, dem die Opfer einer Terrorjustiz, angeführt von einem Volksgerichtshofpräsidenten Freisler, in Serie in den Tod geschickt wurden.

Leben wurde vernichtet in den Euthanasieanstalten, weil die Opfer geistig geschädigt, gehandicapt waren oder sonstigen Standardvorstellungen dieses Regimes nicht entsprochen haben, und Leben wurde vernichtet in den Konzentrationslagern in der widerwärtigsten Form, die ich mir vorstellen kann – industriell! Sechs Millionen Menschen wurden in einem organisierten System, von Verhaften, Abtransportieren zu Sammelplätzen, Weitertransportieren in Viehwagen zu den Vernichtungslagern, sortiert nach Gesundheit, Alter, Geschlecht, beraubt von allem Brauchbaren und anschließend ermordet in Gaskammern, von Erschießungskommandos oder sie starben durch Auszehrung, Krankheit, Verhungern.

Das alles gab es auch hier bei uns in Mendig. Hier an dieser Stelle befand sich die Synagoge, die vor 80 Jahren plus einem Tag in Flammen aufging. Hier rundherum um diesen kleinen Platz wohnten die jüdischen Familien und nicht weit von hier die Mitglieder der Sinti-Familien Weinand und Kreitz. Die Schülerinnen und Schüler der Realschule plus haben vorgestern die ‚Stolpersteine‘ gesäubert und poliert, die an die Opfer erinnern, zu denen auch die beiden kirchlichen Märtyrer Pfarrer Bechtel und Kaplan Schlicker zählen. In dem Buch ‚Wir waren gerade mal 15 Jahre alt‘ haben Mendiger Zeitzeugen festgehalten, wie sich damals die Nazi-Partei durchgesetzt hatte und wie die Stimmen der Gegner, der Skeptiker und jeder Widerstand erlahmte und gebrochen wurde.

Was sagt es uns heute, wenn wir Bilder ins Wohnzimmer gesendet bekommen von Hitlergruß und ‚Heil Hitler‘-Rufen auf deutschen Straßen? Wenn Politiker einer Partei, die eine Alternative in Deutschland sein will, die Nazizeit als ‚Mückenschiss der Geschichte‘ bezeichnet? Ich denke, dass er allerhöchste Zeit ist, solchen Menschen entschlossen entgegenzutreten und Geschichts- und Faktenverdrehung sowie Hetzereien nicht durchgehen zu lassen und dafür zu sorgen, dass nicht wieder in Deutschland mit dem Datum 9. November irgendwann neuer Opfer und neuer Schandtaten gedacht werden muss.“

FRE

Unter dem Dirigat von Wilhelm Ronshausen und Stefan Müller sangen der evangelische und katholische Kirchenchor.

Unter dem Dirigat von Wilhelm Ronshausen und Stefan Müller sangen der evangelische und katholische Kirchenchor.

Gemeindereferentin Bärbel Gorges (v. l.), Stadtbürgermeister Hans Peter Ammel, Verbandsgemeindebürgermeister Jörg Lempertz, Pfarrer André Beetschen und Schriftsteller Alexander Murrenhoff gestalteten die Gedenkfeier in der Wollstraße. Fotos: FRE

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