Allgemeine Berichte | 02.05.2017

Ein Tag im Felixianum in Trier mit Rebecca Britz

„Ich weiß jetzt, was ich will“

Die 20-jährige Koblenzerin absolviert ein Orientierungs- und Sprachenjahr

Beim gemeinsamen Mittagessen mit Oliver Laufer-Schmitt (links), dem Leiter des Felixianums.  privat

Trier/Koblenz. „Für mich war das Priestersein immer ein Rätsel“, sagt Rebecca Britz mit fester Stimme. Die aufgeweckte junge Frau sitzt am Frühstückstisch in der Gemeinschaftsküche, nippt an ihrem Tee. Gerade kommt sie aus dem Morgengebet. „Warum schlagen junge Männer diesen Weg ein?“ Die Küche teilt sie sich mit acht jungen Männern. Mit ihnen lebt die 20-jährige Koblenzerin als einzige Frau seit Oktober 2016 unter einem Dach – fünf von ihnen hat Bischof Dr. Stephan Ackermann gerade auf deren Wunsch hin ins Priesterseminar aufgenommen. Rebecca und die „Jungs“, wie sie ihre Mitbewohner nennt, machen das Felixianum – ein einjähriges Orientierungs- und Sprachenjahr. Es wird angeboten vom Bischöflichen Priesterseminar Trier in Kooperation mit der Diözesanstelle „geistlich leben“ im Bistum Trier und der Theologischen Fakultät. Sie wohnen im Felizianum, einem Gebäudeteil des Priesterseminars in der Trierer Innenstadt, bekommen Sprachunterricht in Latein, Griechisch, Hebräisch sowie Spanisch, besuchen Rhetorikeinheiten und lernen in Biografie- und Glaubenskursen sich selbst und die eigene Spiritualität besser kennen. „Mit unseren Angeboten und unserer Begleitung wollen wir jungen Menschen helfen, die nach dem Abi eine Auszeit brauchen und nicht wissen wohin, ihren Weg zu finden und eine gereiftere Entscheidung zu treffen“, sagt Oliver Laufer-Schmitt, Leiter des Felixianums.

Orientierung finden

So ging es Rebecca Britz im vergangenen Jahr, als sie ihr Abitur in der Tasche hatte. In der Pause zwischen Latein und Spanisch blickt sie zurück: „Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was ich danach machen wollte.“ Das Angebot des Felixianums habe sie überzeugt. „Die Gemeinschaft ist toll und jeder hat am Ende etwas in der Hand, ob das Latinum oder ein Sprachzertifikat in Spanisch.“ Entschlossener als Britz war da Christian Jager aus Rimlingen im Saarland. „Ich habe mich beworben mit dem Ziel, Priester zu werden“, sagt der 20-Jährige beherzt. „Ich will Orientierung finden, meinen Glauben vertiefen und mir die Zeit nehmen, um zu sehen, ob der Weg der richtige ist.“ Vor ihm auf dem Tisch in seinem Einzelappartement stehen zwei selbstgebastelte Kerzen. Überall liegen Hinweise auf die Trierer Bistumssynode; dort das Abschlussdokument „heraus gerufen“, hier ein Perspektivwechsel. An seiner Zimmertür haben seine Mitbewohner das Schild ausgewechselt: „Christian Jager, Diplom-Herausgerufener – Synodensekretariat Außenstelle“ steht nun dort. Jager wohnt in der „Kommune 1“, wie Britz. Dass sie nur mit männlichen Teilnehmern zusammenleben würde, habe sie von Anfang an gewusst – nur dass sie fast alle Priester werden wollten, sei ihr nicht so klar gewesen. „Manchmal habe ich schon gedacht: Wo bin ich denn hier gelandet, zum Beispiel wenn sich die Jungs über irgendwelche Kreuzdesigns unterhalten haben“, sagt sie. „Aber ich bewundere sie auch, dass sie sich so sicher sind, was sie später werden wollen.“ Jager ergänzt: „Rebecca holt uns auch mal auf den Boden der Tatsachen zurück.“

Streng geregelter Tagesablauf

NcI – Nominativus cum Infinitivo, das sind die Tatsachen im Lateinunterricht. Der „Stowasser“, das lateinisch-deutsche Standard-Schulwörterbuch, liegt bei jedem auf dem Tisch. Jager stützt den Kopf darauf ab. Nach den Osterferien fällt das Lernen den meisten schwer. „Ich gehe davon aus, dass Sie nichts gemacht haben?“, fragt Lehrer André Manchen ironisch in die Runde. Lachende Gesichter. Mit gerade einmal fünf Leuten sitzen die Felixianer im Saal. „Die Lernbedingungen hier sind schon sehr gut“, sagt Jager. „Die Lehrer gehen auf jeden Einzelnen ein.“ Büffeln muss er trotzdem, damit es für das Latinum in der Abschlussprüfung im September reicht. „Ja, unser Tag ist meistens schon streng getaktet von morgens acht bis abends um sechs“, sagt Britz. Zeit für Späße zwischendurch nehmen sie sich trotzdem, ob am Küchentisch, bei der Bügelgruppe oder an der Waschmaschine. „Et is immer wat los hier“, sagt Jager im saarländischen Dialekt; leben wie in einer Wohngemeinschaft, mit Putz-, Müll- und Einkaufsdienst, mit Fernsehabenden oder Partys. „Wir machen fast alles gemeinsam – da wächst man schon zusammen“, sagt die Felixianerin Britz. Mittagessen gibt es für alle im Priesterseminar. Anschließend trennen sich mittwochnachmittags die Wege der neun, das Sozialpraktikum steht auf dem Stundenplan. Jeder geht in seine Praktikumsstelle: Jager ins Wohnheim für Langzeitobdachlose, Britz in die Caritas Werkstätten. Dort arbeitet sie mit beeinträchtigten Menschen zusammen. Die acht Kilometer Hin- und Rückweg legt Britz zu Fuß zurück, zusammen mit dem Felixianer Niklas Reypka, der auch dort hospitiert. 50 Minuten sind sie für einen Weg unterwegs, durch die Saarstraße, am Pacelliufer entlang, über die Konrad-Adenauer-Brücke zur Diedenhofenerstraße. Da bleibt viel Zeit zum Reden über Gott und die Welt, über Zweifel, über sich und die anderen. Wer von den Felixianern denn eher liberal und wer eher konservativ ist. Und ob Britz zum Gottesdienst heute Abend kommen wird, will Reypka wissen. „Nö, ich backe heute ne Schwarzwälder-Kirsch-Torte für meine Freundin“, sagt sie. Auf dem Weg zu den Caritas Werkstätten gibt sie den Schritt vor. „Ich genieße das, man kommt mal raus“, sagt die sportliche Britz. Das Laufen hat sie im Felixianum als neues Hobby entdeckt, „um den Kopf frei zu bekommen“.

Gemeinschaft als Bereicherung

Dass hier ganz unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen und in Gemeinschaft leben, ist für Leiter Laufer-Schmitt eine „gegenseitige Bereicherung“. Für Priesteramtsanwärter wie Christian Jager gehört das Felixianum zum Berufsweg dazu. „Es tut allen gut, das zu öffnen“, sagt Laufer-Schmitt. Das Orientierungsjahr sei nicht dazu gedacht, Priester zu „rekrutieren“, und Theologie müsse man auch nicht zwingend im Anschluss studieren. „Die jungen Leute können hier schauen: Wer bin ich, wo komme ich her, wo liegen meine Stärken, und wo will ich hin.“ Rebecca Britz hat ihren Weg gefunden. „Ich weiß jetzt, was ich will“, sagt sie. Ab dem Wintersemester wird sie Psychologie studieren, am liebsten in Trier. Nicht zuletzt die Arbeit mit beeinträchtigten Menschen in den Werkstätten habe sie darin bestärkt. Dort sitzt sie, geduldig, verpackt kleine Sägeblätter, unterhält sich nebenbei aufmerksam mit einem beeinträchtigten Mann, der sie überzeugen möchte, den Unterricht im Felixianum doch ausfallen zu lassen für mehr Stunden in der Werkstatt. „Das hier ist eine Herausforderung. Aber ich traue mich jetzt Psychologie zu studieren. Man hat mich hier ermutigt, mich auszuprobieren“, sagt Britz mit starker Stimme und blickt entschlossen nach vorne.

Freie Plätze ab Oktober

Ein neues Orientierungsjahr startet am 9. Oktober. Es gibt 14 Plätze für junge Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Auch Erstsemester, die ein Theologiestudium beginnen möchten, sowie FSJ-ler in Trier können sich bewerben. Unterbringung in Einzelappartements mit Bad und Vollverpflegung kostet monatlich 390 Euro. Interessierte können Schüler-BAföG beantragen. Die Bewerbung ist bis zum 30. Juni möglich an Felixianum, Jesuitenstraße 13, 54290 Trier oder an oliver.laufer-schmitt@felixianum.de. Weitere Informationen gibt es unter www.felixianum.de oder www.facebook.com/felixianum.

Rebecca Britz bei ihrer Arbeit in den Caritas-Werkstätten.

Rebecca Britz bei ihrer Arbeit in den Caritas-Werkstätten.

Beim gemeinsamen Mittagessen mit Oliver Laufer-Schmitt (links), dem Leiter des Felixianums. Fotos: privat

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