Bürgerstiftung Unkel „Willy Brandt-Forum“
„Im Karneval kam er erst langsam in Schwung, dann aber richtig“
Bis heute kommt kein Bundeskanzler an Jecken und Tollitäten vorbei
Unkel. Kein Bundeskanzler kommt daran vorbei. Natürlich musste der erste, Konrad Adenauer, den Karnevalsjecken im närrischen Rheinland die Reverenz erweisen und sie zum Empfang ins Palais Schaumburg einladen.
Rheinisches Brauchtum überdauert bekanntlich alle Stürme, sogar den Umzug in die Karnevals-Diaspora Berlin. Dort reiht sich die nüchterne Langzeit-Kanzlerin Angela Merkel Jahr für Jahr in die Schar der Tollitäten ein.
Auch der nicht immer frohsinnig aufgelegte Kanzler von der Ostseeküste konnte und wollte sich nicht drücken. Und so schwang er am 22. Februar 1973, als über seiner Regierung schon düstere Wolken aufgezogen waren, mit der Bonner Prinzessin Godesia Liesel I. das Tanzbein. Weil es erst Vormittag war, kam er erst langsam in Schwung, berichtet sein Büroleiter, dann aber richtig. Er bützte, tanzte, und dirigierte Kapellen, ließ sich eine Karnevalsmütze und viele Orden verpassen (eine kleine Auswahl findet sich im Tresorraum des WBF) und machte zu allem Spiel eine gute Miene.
Nachmittags ging es weiter mit der Arbeit an einer Rede für den Parteitag, dann sprach Justizminister Gerhard Jahn vor, um sich über den Koalitionspartner FDP zu beklagen. So sahen tolle Tage zu Zeiten der Bonner Republik aus.
Älteren Datums (1964) ist die „Lachausgabe“ der Kölnischen Rundschau zum Preis von 50 Pfennig und mit der Titel-Schlagzeile „Berlin wird Monarchie. Brandt als König“. Dem vielfachen Verlangen nach modernen, zeitgemäßen Kartenspielen kommt die Karnevalszeitung mit dem Abdruck eines Skatblatts nach, in dem Brandt die Herzdame – also doch nicht König – markiert. Wenn Politiker in Büttenreden oder im Straßenkarneval auf die Schippe genommen werden, ist das ein Adelsschlag, den sich Brandt vielfach wie hier beim Kölner Straßenkarneval im Jahr 1971 verdiente.
Als Fake muss die Darstellung von Brandt als Cowboy enttarnt werden. Hut, Ledermantel und gute Laune würden zwar bestens ins Bild passen, tatsächlich handelt es sich um eine Aufnahme vom Picknick in Aspen, Colorado, während eines Amerikabesuchs.
