Allgemeine Berichte | 26.09.2017

Dreiwöchiger Aufenthalt junger Leute aus dem Nassauer Land beschert bereichernde Eindrücke

In Tansania neue Sicht aufs eigene Leben gewonnen

Gruppenfoto mit Frauengruppe in Kishanda. David Metzmacher

Rhein-Lahn-Kreis/Mabira. „Jina langu Sarah. Nina miaka ishirini na moja.“ Sarah Fischer aus Eppenrod stellt sich ihren Gastgebern auf Suaheli vor. Die 21-Jährige ist mit neun anderen jungen Menschen aus dem Dekanat Nassauer Land nach Mabira in Tansania gereist. Drei Wochen lang sind sie Menschen begegnet und bauten unter anderem mit Einheimischen ein neues Pfarrhaus. Nach 2013 ist diese Jugendbegegnung die zweite in Tansania; 2015 besuchte eine Gruppe junger Menschen aus Mabira den Rhein-Lahn-Kreis.

Während eines Gottesdienstes sitzen die deutschen Gäste auf bunten Plastikstühlen. Die restliche Kirchengemeinde sitzt größtenteils auf dem Boden. Nur die Kirchenältesten haben auf maroden Holzbänken Platz gefunden. Es sind auch sehr viele Kinder dabei. Die Gemeinde lacht oder klatscht, wenn sie die Gäste Suaheli sprechen hört. „Es hilft sehr, einige Worte in der Landessprache zu kennen, um mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen, zumal viele Menschen in Mabira nur wenig oder gar kein Englisch sprechen“, sagt Sarah. Der Gottesdienst dauert gut zwei Stunden, es wird gebetet und gesungen, wie in Kirchen des Nassauer Landes auch. Allerdings kommen hier knapp 200 Menschen in die Kirche; viele von ihnen haben einen weiten und beschwerlichen Weg hinter sich, um dabei zu sein.

„Religion und Kirche haben einen hohen Stellenwert in Mabira. Ich habe bei den Menschen einen tiefen Glauben gespürt, der von großem Vertrauen zeugt“, sagt Jonas van Baajen aus Cramberg. „Die Kirche hier macht es einfacher, bietet Gemeinschaft und Struktur – die Menschen kommen, aber sicher auch aus Mangel an Alternativen.“ Zum Ende jedes Gottesdienstes wird die Kollekte eingesammelt, neben Geld bieten einige Gemeindemitglieder Erzeugnisse aus der Landwirtschaft an: Kochbananen, Bohnen, Erdnüsse, Maracujas, auch mal ein Huhn oder eine Ziege. Diese werden dann nach dem Gottesdienst vor der Kirche versteigert. Die Gruppe aus dem Nassauer Land erwirbt Zuckerrohr für die Kinder der Gemeinde, später glücklich an der süßen Pflanze knabbern.

Eine Woche zuvor wurde emsig gearbeitet. Die jungen Erwachsenen errichteten gemeinsam mit Jugendlichen aus Tansania ein Pfarrhaus, schleppten selbstgebrannte Ziegel, mischten Zement und setzten Stein auf Stein. Der Arbeitseinsatz dient auch der Begegnung der jungen Menschen, um sich anzufreunden und sich auszutauschen.

„Die Herausforderungen der tansanischen Jugendlichen sind anders als die der Deutschen“, sagt Torsten Knüppel, Dekanatsjugendreferent im Nassauer Land. „Auch wenn man eine gute Ausbildung genossen hat, ist eine Anstellung nicht sicher. Die Zukunft junger Menschen ist hier geprägt von Unbestimmtheit, nichts ist garantiert, auch deswegen wollen viele bei der Kirche arbeiten.“ Denn die Kirche bietet ihnen Sicherheit und Zukunft – eine Perspektive, die Staat und Wirtschaft ihnen nicht geben können.

Die Menschen, die in Mabira leben, sind fast alle Bauern und ernähren sich von dem, was sie selbst erzeugen. Sie wohnen in einfachen selbst gebauten Lehm- oder Ziegelhäusern auf Shambas, weitläufige Bananenplantagen, die die Landschaft prägen. Wenn sie selbst keinen Wassertank haben, holen sie Wasser an öffentlichen Tanks oder entfernten Wasserstellen – nur wenige Kinder verlassen das Haus auf ihrem weiten Fußweg zur Schule ohne einen Kanister, mit dem sie nach dem Unterricht Wasser holen. Erst seit wenigen Jahren stehen einige Stromleitungen in Mabira, fließend Wasser gibt es nicht.

Ein vom Dekanat Nassauer Land gefördertes Frauenprojekt war ein anderer Schwerpunkt des Aufenthaltes. Es wurde 2010 vom Arbeitskreis Mabira gegründet. 41 Frauengruppen mit einer Größe zwischen 30 und 50 Frauen gibt es derzeit in den Kirchengemeinden. In regelmäßigen Treffen singen und beten die Frauen gemeinsam oder sie arbeiten an handgemachten Teppichen und Körben aus gefärbtem Stroh und an bestickten Bettlacken, umsie zu verkaufen. Im Rahmen des Projektes erhalten die Frauen Darlehen in Höhe von 10 bis 30 Euro. Trotz der geringen Höhe ermöglichen diese Mikrokredite den Frauen, ihren Lebensstandard etwas anzuheben. Sie kaufen so etwa Samen, um in Kleingärten Gemüse anzubauen, oder erwerben Hühner für den Eierverkauf. Zum Projekt gehören auch Seminare in Bereichen wie Hauswirtschaft oder der Umgang mit Darlehen.

Glaube und Kirche sind ein wichtiger Schlüssel, um die Menschen in Mabira zu verstehen. Die Jugendgruppe nimmt an wichtigen Lebensstationen der dort lebenden Christen teil: Sie sehen Taufen, besuchen die Hochzeit eines Freundes, der 2015 Gast in Deutschland war und sind Ehrengäste auf der Beerdigung eines 99-jährigen, der nur wenige Meter von seinem ehemaligen Wohnhaus entfernt bestattet wird. Außerdem besuchen sie Bananenplantagen, einen Frauenchor-Wettbewerb, Schulen, ein Krankenhaus und feiern ein Volksfest mit, das an die Unabhängigkeit Tansanias erinnert.

„Für mein Leben nehme ich mit, dass die Menschen in Tansania mit dem Wenigen, was sie haben, sehr glücklich sein können und ein Leben führen, das wirklich lebenswert ist“, stellt der 22-jährige Carl Henrich aus Cramberg fest. Die 18-jährige Stephanie Kurz aus Nassau sagt: „Die Reise hat mich fremden Menschen gegenüber offener gemacht.“ Und auch bei ihr bleibt vor allem eine Einsicht: „Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein.“

Pressemitteilung

Dekanat Nassauer Land/David Metzmacher

Pfarrer in Nyamilembe, Versteigerungnach dem Gottesdienst vor dem Chorwettbewerb.

Pfarrer in Nyamilembe, Versteigerung nach dem Gottesdienst vor dem Chorwettbewerb.

Maren Busch beim Hausbau.

Maren Busch beim Hausbau.

Frauengruppe in Karson, Frauenzeigen Carl Henrich ihr Handwerk.

Frauengruppe in Karson, Frauen zeigen Carl Henrich ihr Handwerk.

Katharina Matern mit Kindern in Ibamba.

Katharina Matern mit Kindern in Ibamba.

Gruppenfoto mit Frauengruppe in Kishanda. Fotos: David Metzmacher

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